Freiräume – Berlin und Zürich

Den Oktoberanfang habe ich in Berlin verbracht. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist an vielen Orten nur noch die Verwaltung eines mythischen Berlin spürbar, wie es ein Freund ausgedrückt hat. Z.B. gibt es im Tacheles immer noch KünstlerInnen, da steht immer noch ein riesiger Gebäudeblock als kreativer Freiraum im kommerziellsten Teil Berlin Mittes – und doch sind die innovativen kreativen Menschen längst an anderen Orten, das Tacheles lebt nicht mehr so, wie es das einmal getan hat.

Kommt hinzu, dass man als Tourist in Berlin ja ohnehin nicht da ist, wo wirklich Neues entsteht.

Unabhängig davon erlebt man aber in Berlin noch Freiräume. Um ein Beispiel zu nennen: Am Sonntag gibt es im Mauerpark einen Flohmarkt, ein so genanntes Bearpit Karaoke, pickup Basketball-Spiele, Strassenmusik. Es versammeln sich Tausende von Menschen, Familien treffen sich, FreundInnen verabreden sich. Der Initiator des Karsoke-Anlasses schreibt über sich selbst:

Joe Hatchiban has been using portable, battery-powered boxes to help people unleash their inner Rampensau, and barking good natured criticism in the break between the last singer and the next since early 2009.

Und so sieht das aus, wenn die innere Rampensau losgelassen wird:

Was fehlt im Mauerpark, wenn man das mit einem ähnlichen Anlass in Zürich vergleicht:

  • Es gibt keine Securitas, welche die Sicherheit der Anwesenden beschützen – weil diese Sicherheit irgendwie gar nicht gefährdet ist und man ja bei Problemen die Polizei holen könnte.
  • Es gibt keine Sponsoren, welche Plakate aufhängen.
  • Es gibt keinen Getränkestand, sondern einige Leute bringen gekühlte Getränke mit und verkaufen Bier und Club-Mate für 2 Euro pro Flasche.
  • Andere sammeln die Flaschen dann wieder ein, weil sie am Pfand etwas verdienen.

Diese Freiräume, wie der Mauerpark, ziehen interessante Menschen an. Menschen kommen nach Berlin, weil sie dort ein Risiko eingehen können mit ihrem Leben. Sie müssen nicht wissen, wie sie das nächste Jahr finanzieren – sie kriegen das irgendwie hin und können ihre Ideen umsetzen oder einfach nur ausprobieren.

Solche Orte bräuchte es auch in Zürich, Orte, wo Menschen tun können, worauf sie Lust haben, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen; leise und zurückhaltend sein zu müssen und irgendwelche Kontrollen über sich ergehen lassen zu müssen.

In einem bemerkenswerten Essay in der WoZ schrieb Carlos Hanimann:

In Wirtschaft und Politik liessen sich in jüngster Vergangenheit zwei grosse Linien ausmachen: eine Deregulierung der Märkte und in den letzten zehn Jahren als Folge eine Überregulierung des öffentlichen Raums. Die­se Politik bedroht nicht nur einst gewonnene Freiräume, sondern vor allem auch die Freiheit, sich im öffentlichen Raum frei zu bewegen und aufzuhalten.

Diese Überregulierung – die auch in Berlin Einzug hält – muss stellenweise unterbrochen werden, sie muss immer wieder als eine Möglichkeit, aber nicht eine Notwendigkeit erscheinen, so dass letztlich (vor allem junge) Menschen noch wissen, wie sich ein Leben anfühlt, in dem man nicht für alle Formen von Genuss und Freiheitserleben bezahlen muss; in dem man den idealen freien Tag nicht im Europapark verbringt sondern eine eigene Idee umsetzt.

Und dafür braucht es – wie so oft – den Staat. Wenige Menschen überlassen ihre kostbaren Häuser und Grundstücke anderen, damit die dort ihr kreatives Potential ausleben können. Aber gemeinsam (und das ist ja der Staat) könnten sie einsehen, dass es solche Freiräume braucht – und dass das kreative Potential sich im besten Fall nicht in der Südkurve kanalisieren muss, weil dort einer der letzten Freiräume ist, die es noch gibt.

5 thoughts on “Freiräume – Berlin und Zürich

  1. Sehr schön geschrieben, danke! Ich glaube, die Überregulierung, die du erwähnst, hat viel mit Angst zu tun. Die Menschen haben Angst, sich auf etwas einzulassen, von dem man nicht genau weiss, wohin es führt. Das Leben ist auch so eine Sache: Man weiss nicht, was es von einem will und was es bringen könnte, wenn man es liesse. Deshalb machen viele Menschen einen Job, mit dem sie zwar nicht glücklich sind, der ihnen aber die finanziellen Mittel dazu verschafft, sich all das leisten zu können, was das Leben dann doch noch einigermassen lebenswert macht. Und man versucht, alle Mögliche zu tun, um möglichst alles schon im Voraus geregelt zu kriegen, von der Wiege bis zu Bahre, damit man dann in scheinbarer Sicherheit sein Leben an sich vorbei ziehen lassen kann. Es stimmt: Wirkliche Freiräume sind hierzulande selten geworden. Vielleicht waren sie es schon immer, denn Freiheit beginnt bekanntlich im Kopf.

  2. Du bemerkst also einen Mangel an Freiheit durch zu viel gesetzliche Regulierung – und was ist Deine Lösung? „Und dafür braucht es – wie so oft – den Staat.“

    Könnte es sein, dass Du dem Individuum etwas wenig zutraust? Warum kommst Du darauf, dass der, der alles aus Sicherheitsbedenken auch noch das kleinste Fitzelchen Leben durchreguliert, die Lösung für das Problem sein könnte, das er selbst geschaffen hat?

    Braucht es nicht vielmehr Menschen, die so handeln, dass sie niemand regulieren muss, einfach, weil das, was sie machen, eigenverantwortlich und konstruktiv ist?

    Auf die Idee, alles zu regulieren, kommt man ja, weil man diesem Indiviuum nichts zutraut, oder?

    • Ich traue dem Individuum in Bezug auf seine Kreativität und Verantwortungsfähigkeit viel zu – aber nicht in Bezug auf wirtschaftliche und psychologische Prozesse. Der Drang, eine finanziell lukrative Lösung zu finden, und das Bedürfnis, seine Ruhe zu haben, sind m.E. individuell stärker als die Einsicht, dass Freiräume wichtig sind.
      Der Staat funktioniert nicht nur über Gesetze und Einschränkungen, sondern er steht auch für kollektive, vernunftgesteuerte Prozesse, mit denen das Individuum sich selbst überlistet… 
      Wenn ich – damit meine ich jetzt mich persönlich – nach einer Lösung für eine Gruppe suche, bin ich immer bereit einen Weg zu akzeptieren, der mir weniger Vorteile gewährt als wenn ich individuell handle – weil ich eine andere Perspektive einnehme. Der Staat ist auf diese Art gesehen die Perspektive in Bezug auf die ganze Gesellschaft.

  3. Die grosse Qualität in Berlin ist schon, dass man da auch ‚ohne Geld‘ sich sehr gut vergnügen kann. Dein Post gefällt mir. Die Karaokeauftritte finde ich einfach wunderbar: bei uns käme sicher grad die Polizei, weil man keine Bewilligung dafür eingeholt hat, oder sich irgendwer gleich beschwert. Soviel Ängstlichkeit und Kleinmut, soviel Zögern und Hemmungen – bei soviel Geld und Wohlstand – wie kommt das nur? – Wenn ich in die Schweiz zurückkehre, habe ich oft das Gefühl, wieder ‚in die Fabrik‘ zurückzukommen. Wo mir die Arbeit sehr gefällt, und der Rest zu kurz kommt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s