Bachelorarbeiten in den Medien

In der letzten Woche haben zwei Bachelorarbeiten ein großes mediales Echo ausgelöst:

Ich habe beide Arbeiten gelesen, einzelne Abschnitte nur angelesen. Es handelt sich meiner Meinung um seriöser, differenzierte Arbeiten – wobei ich keine Möglichkeit habe, die statistischen Aussagen genauer zu prüfen.

Die Frage, ob diese Arbeiten und ihre Resultate aber in medial zugespitzter Form einem breiten Publikum zugängig gemacht werden sollen, würde ich eher skeptisch beantworten. Ich möchte das an zwei Beispielen zeigen:

    1. Die Weltwoche schreibt in ihrer gestrigen Ausgabe: »Eine neue Studie zeigt: Journalisten wählen und denken links. […] Eine Mehrheit gibt an, ihre politische Einstellung «unbewusst» einfliessen zu lassen.«
      Diese »Studie« ist eben eine Bachelorarbeit. Was die Weltwoche bewusst unterschlägt (zumindest im online verfügbaren Teil), ist die Tatsache, dass der Rücklauf bei 24% lag. D.h. von 76% der Schweizer JournalistInnen weiß der Verfasser der Studie nichts über ihre politischen Präferenzen. Mehr noch: Er weiß auch nicht, ob die 24% repräsentativ für die Schweizer JournalistInnen sind.
      Zudem müsste man zu dieser Studie die Fragen stellen, ob denn JournalistInnen die gesamte Bevölkerung repräsentieren sollen (es gibt gute Gründe dafür, die Frage zu bejahen – aber auch gute, sie zu verneinen) und ob denn eine Befragung von JournalistInnen die geeignete Methode ist, um ihre Themenwahl und die politische Prägung ihrer Texte zu untersuchen.
    2. 20 Minunten zitiert Kullmann mit der Aussage: »Facebook bringt pro 200 Anhänger gar 160 Stimmen.«
      Diese Aussage ist, liest man seine Arbeit, statistisch nicht zu erhärten. Kullmann untersucht die Korrelation zwischen der Anzahl Gruppenmitgliedern auf FB und der Anzahl Stimmen. Diese Korrelation liegt bei 0.786 bei einer Standardabweichung von 0.361. Der Vergleich zwischen Kandidieren mit und ohne FB wurde nicht vorgenommen, zudem liegt hier wohl ansatzweise eine Verwechslung von Korrelation und Kausalität vor, wie Kullman selbst einräumt:

      So muss eine grosse Facebook-Fangemeinde eines Kandidaten ihm nicht zwingend mehr Stimmen bringen, sondern kann einfach auch Ausdruck von seinem grösseren Bekanntheitsgrad sein. (S. 36f.)

      Kurz gesagt: Was 20 Minuten schreibt, ist falsch. Die Untersuchung ist für den behaupteten Zusammenhang zu wenig genau, sie bezieht sich auf die Berner Grossratswahlen und nicht auf die eidgenössischen Parlamentswahlen und ist operiert in einem statistischen Graubereich.

Wie gesagt – diese Kritikpunkte möchte ich den Arbeiten und ihren Autoren nicht anlasten. Aber ich möchte davor warnen, dass Bachelorarbeiten als ausgewogene Studien betrachtet werden, die den letzten Stand der Forschung repräsentieren. Bachelor-Studierende stehen am Anfang ihrer Hochschulausbildung. Sie gehen Fragen an, die interessant sind – aber auf welche die Antworten unter Umständen komplexer sind, als man denken könnte.

One thought on “Bachelorarbeiten in den Medien

  1. Was Thomas Schlittler mit den Zahlen macht, ist ziemlich abenteuerlich und zeugt eher von Grundkenntnissen des Excel als von Statistik-Kenntnissen. Das heisst nicht, dass seine Arbeit schlecht ist im Vergleich zu anderen Bachelorarbeiten, es zeigt aber, dass es nur eine Bachelorarbeit ist, also ein erster (wenn auch durchaus ernsthafter) Schritt auf dem Weg zum wissenschaftlichen Arbeiten.
    Dass Andreas Kunz von der Weltwoche die „Studie“ für unhinterfragt zitierwürdig hält zeugt davon, dass er ein mieser Journalist ist. Sei es, weil er nicht versteht, was er da macht, oder gerade weil ihm durchaus bewusst ist, was er da anstellt. So oder so einfach nur peinlich…

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