Zur »Sexualisierung der Volksschule«

Heute bin ich auf »Petition zum Schutz unserer Kinder« gestossen, mit welcher ein Komitee die »Sexualisierung der Volksschule« verhindern will. Das Komitte fordert Folgendes:

Die Grundannahmen des Widerstands gegen eine geplante »Sexualisierung« sind folgende:

  1. Kinder seien grundsätzlich asexuell und frei von sexuellen Gefühlen, Fragen oder Interessen.
  2. Sexualität sei ein Bereich, der nur von den Eltern beeinflusst und gesteuert werden dürfe.
  3. Die sexuelle Orientierung sei beeinflussbar.
  4. Die »traditionelle Familie« sei in ihrer Existenz gefährdet, wenn Homosexualität in der Volksschule thematisiert würde.
  5. Die Darstellung von nackten Menschen und sexuellen Praktiken sei grundsätzlich pornographisch.
  6. Sexualkundeunterricht mit Kindern sei von Pädophilie nicht klar abzugrenzen.

Diese Annahmen halte ich aus einem einfachen Grund für hoch problematisch – und für falsch: Sexuelle Gefühle, Neigungen und Praktiken begleiten die menschliche Entwicklung automatisch. Es gibt keine Phase des menschlichen Lebens, in der es keine Sexualität gäbe. Die bewusste Aufnahme von Sexualität als Thema und das Reden und Nachdenken darüber ermöglicht eine differenzierte Wahrnehmung von Sexualität sowie eine Abgrenzung gegen Übergriffe.

Die Vermischung von pädagogischer Vermittlung mit Beeinflussung ist eine perfide Unterstellung. Zudem wird ignoriert, dass gerade das Sprechen über ein tabuisiertes Thema nach gewissen Standards und abgesicherten pädagogischen Methoden erfolgt. Wer über sexuelle Praktiken spricht, befindet sich immer auf einer anderen Ebene als jemand, der sexuelle Praktiken ausübt. Ein Telefongespräch über Sex ist nicht Telefonsex.

Die Voraussetzung, dass es etwas, worüber man nicht spreche – z.B. Homosexualität – nicht gebe, ist kindlich-naiv. Mit anderen Worten: Die Volksschule ist nicht nur heute schon sexualisiert – sie ist schon sexualisiert, seit es sie gibt. Die einzige Frage ist, ob Pädagogen, Eltern und SchülerInnen darüber sprechen können, dürfen und müssen – oder ob sie weiterhin Sexualität verdrängen.

10 thoughts on “Zur »Sexualisierung der Volksschule«

  1. Herrlich, Philippe! Ausgezeichneter Beitrag, wie immer (und da soll noch einer sagen, da wären keine journalistischen Qualitäten zu erkennen :) )…

    In meinem Kanton gibt es die „IG Sorgfalt“, die auch schon im „Zischtigsclub“ zu Wort gekommen ist und die Ansichten sind hier sehr, sehr verbreitet. Es geht dabei ja sogar soweit, dass gewisse Kreise die Meinung vertreten, dass Homosexualität z. B. anerziehbar / wählbar sei, etc.

    Schade, denken hier nicht mehr junge(!) Menschen wie du. Denn, was mich am meisten erstaunt: Das sogar Jugendliche, die ja eigentlich offener sein müssten, heutzutage fast noch konservativer als ihre Eltern sind…

  2. Mich würde interessieren von wo Sie diese 6 Grundannahmen aufgegriffen haben. Aus denen in Ihren Beitrag eingebundenen Komitee-Forderungen können diese Annahmen jedenfalls nicht abgeleitet werden, ebenso habe ich auf der angegebenen Website (in 10-minütiger Suche) nichts Passendes finden können.
    Der Grund weshalb ich frage ist, dass meines Erachtens diese Grundannahmen selbst (mit Ihren Worten) „hoch problematisch“ wenn nicht teilweise sogar „eine perfide Unterstellung“ sind. Es wirkt fast so, als ob die Annahmen absichtlich vereinfacht/verfälscht dargestellt wurden um sie leichter entkräften zu können.

    Zur Petition selbst:
    Ich finde den Ansatz (sofern ich ihn richtig verstanden habe und er nicht den oben genannten Grundannahmen entspringt) gar nicht so schlecht. Was mich jedoch ein wenig stört, ist dass die Petitionssteller so sehr auf Korrektheit, Sauberkeit und grösstmögliche Abgrenzung aller pornografischen (und teilweise auch sexuellen) Inhalte bedacht sind, dass die Petition irgendwie verklemmt wirkt, obwohl sie ja gerade den Jugendlichen zu einem natürlicheren und offeneren Verständnis ihrer Sexualität und der sexuellen Aufklärung im Allgemeinen dienen sollte. Diese „Verklemmtheit“ sehe ich vor allem in den Punkten 3. und 4. der Forderungen, sowie an der unglücklichen Formulierung der 5. Forderung (es sollte eher von einer Beeinflussung BEZÜGLICH der sexuellen Orientierung heissen, so wie in der Erläuterung zu diesem Punkt).

    Danke fürs Lesen

    • Ich weiß nicht, welche Aspekte eine »perfide Unterstellung« oder eine »Verfälschung« darstellen könnten. Die Grundannahmen sind meiner Meinung nach das, was hinter dieser Petition steckt.
      Z.B. ist der Punkt 3. einfach eine Umformuliertung der Forderung 5. Ich bin der Meinung, alle diese Aussagen könnten der Homepage direkt entnommen werden. Welche erscheinen Ihnen denn besonders problematisch?
      ***
      Inwiefern hilft denn die Petition dabei, ein »natürlicheres« und »offeneres« Verhältnis zur Sexualität zu schaffen?

      • Am besten der Reihe nach;

        Annahme 1: Kinder seien grundsätzlich asexuell und frei von sexuellen Gefühlen, Fragen oder Interessen.

        Es würde mich sehr wundern, falls so eine oder eine ähnliche Aussage der Homepage direkt entnommen werden könnte. Ich denke die Annahme der Petitionssteller würde eher wie folgt lauten: Kinder sind von Geburt an sexuell und voller sexueller Gefühle, Fragen und Interessen. Die Petition würde eine Instanz schaffen, die ein offenes, nicht-pornografisch orientiertes Forum für alle Schülerinnen und Schüler bietet. Da auch diverse Elternteile mit der eigenen Arbeit und/oder der Sexualität ihrer eigenen Kinder überfordert sind, wäre eine solche Instanz eine (immer noch freiwillige) Alternative zu (möglicherweise peinlichen) Elterngesprächen, Internetforen und sontigen Angeboten.

        Annahme 2: Sexualität sei ein Bereich, der nur von den Eltern beeinflusst und gesteuert werden dürfe.

        Auch bei dieser Aussage denke ich nicht, dass die Petitionssteller sie unterschreiben würden, da solche Vereinfachungen schnell provokativ wirken können. Es ist keineswegs so, dass die Eltern das „Patent“ zur sexuellen Erziehung ihrer Kinder innehaben. Es ist auch nicht möglich, dass die Eltern den einzigen und massgeblichen Einfluss in dieser Beziehung ausüben. Jedoch sollten sie das Recht haben, ihre Kinder aus dem Sexualkundeunterricht zu entfernen falls sie diese Dinge mit ihrem Sprössling selber besprechen wollen, sei es um Nähe und Vertrauen zu schaffen oder aus purem Misstrauen in die Lehrperson oder den schulischen Bildungsplan…oder natürlich aus religiösen Gründen.

        Annahme 3: Die sexuelle Orientierung sei beeinflussbar.

        Die sexuelle Orientierung eines Heranwachsenden ist (nach meinem Erkenntnisstand) nicht beeinflussbar. Jedoch kann eine Lehrkraft, welche Aussagen wie „echte Buben mögen nur Mädchen und echte Mädchen mögen nur Buben“ tätigt, ein Kind massgeblich beeinflussen…nicht in dessen sexueller Orientierung, wohl aber in seinem Umgang damit. Ein Kind, welches solchen Aussagen ausgesetzt ist, kann sich schnell ausgegrenzt, „abartig“ oder „nicht richtig“ fühlen, was wiederum eine deutliche Beeinflussung der Entwicklung der persönlichen Sexualität nach sich ziehen kann (der Begriff „Outing“ deutet auf diese Problematik hin…würde eine homosexuelle Orientierung als ganauso „normal“ empfunden und behandelt werden wie eine heterosexuelle wäre der Begriff des „Outings“ wohl gar nicht oder in einem anderen begrifflichen Kontext entstanden)

        Annahme 4: Die »traditionelle Familie« sei in ihrer Existenz gefährdet, wenn Homosexualität in der Volksschule thematisiert würde.

        Bei diesem Punkt fehlt mir ehrlich gesagt jeder Ansatz. Ich wüsste nicht was die Petition mit dieser Annahme zu tun hätte. Die Homosexualität würde ja thematisiert werden. Es geht nur darum, niemandem eine homosexuelle bzw. heterosexuelle Haltung aufzuzwingen. Ich sehe das ähnlich wie mit der Neutralität der Schweiz: Die Neutralität bedeutet nicht, dass man keine Meinung hat, aber da man ALLE Meinungen respektiert hütet man sich davor eine einzelne Meinung nach aussen zu tragen und den Anschein zu erwecken, es stünden alle dahinter.

        Annahme 5: Die Darstellung von nackten Menschen und sexuellen Praktiken sei grundsätzlich pornographisch.

        Hier kann ich dem Autor der Annahmen zustimmen, der Petitionstext wirkt tatsächlich so als sei alles nackte gleich in die Rubrik Pornografie einzuordnen. Ich denke jedoch, dass diese Formulierung von übertriebener Vorsicht herrührt, um nirgends anzuecken und sich ja nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen… Was ich wiederum schade finde, denn Darstellungen von Sexpraktiken (es müssen ja nicht gleich Pornostars drin vorkommen, Darstellungen aus einem Aufklärungsbuch oder schematische Darstellungen reichen auch) können viel zur sexuellen Aufklärung und auch zur Ent-Tabuisierung des Themas beitragen (mit dem Tabu meine ich zum Beispiel das klassische Kichern in der Klasse wenn die Lehrkraft z.B. das Wort „Sex“ in den Mund nimmt)

        Annahme 6: Sexualkundeunterricht mit Kindern sei von Pädophilie nicht klar abzugrenzen.

        Auch hier würde ich wieder auf ein übervorsichtiges Handeln der Petitionssteller plädieren um nirgends anzuecken. Meines Erachtens gibt es eine klare Abgrenzung, aber sagen sie das mal 20 besorgten Elternpaaren die nur Auschnittweise von ihren Kindern zu hören bekommen was in der Schule vorgeht. Des Weiteren kann ich mir gut vorstellen, dass Personen mit pädophiler Veranlagung gerne den Sexualkundeunterricht leiten würden, dies heisst jedoch noch lange nicht, dass man AUS DIESEM GRUND Lehrer wird. Ich denke nicht, dass der Sexualkundeunterricht Pädophile in Scharen anlocken könnte, wie der Petitionstext gewisserweise impliziert.

        Ich hoffe, dass ich Ihnen meine Interpretation der Petitionsforderungen ansatzweise Erklären konnte. Jedoch habe ich bestimmt auch gewisse Vereinfachungen oder Einschätzungen begangen (darum nenne ich es ja auch Interpretation..weil es Auslegungssache ist), auf die Sie mich gerne hinweisen können.

        Zu Ihrer Frage, inwiefern die Petition dazu beitragen könnte, ein natürlicheres und offeneres Verhalten zu schaffen, möchte ich folgende Antwort abgeben:

        Meiner Meinung nach ist die Petition ein Versuch, wieder ein wenig Verantwortung in das Thema „sexuelle Aufklärung“ einzubringen. Denn bisher war es in einigen Fällen so, dass die Eltern die Verantwortung hierzu auf die Schule abgeschoben haben und die Schule sich wiederum als unantastbar hinstellte mit der Aussage, die Eltern seien in der Pflicht. Tatsache ist, dass es diese Pflicht gar nicht gibt. Eltern sowie Schule bringen den Sprösslingen vieles bei aus allen möglichen Bereichen, bei der Sexualität kommen jedoch beide schnell ins Stocken und vor allem von Elternseite heisst es oft „die Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen“. Dem stimme ich auch zu, jedoch denke ich, dass es auch so etwas wie ein Grundwissen im Bereich Sexualität braucht, und dass die Schule die Verantwortung dafür übernimmt ein einheitliches Grundwissen zu fördern (und nicht aufzuzwingen) finde ich begrüssenswert. Kinder heutzutage werden aus ihrem Umfeld, von Medien und aus anderen Quellen schon so früh mit Sexualität konfrontiert, dass sie oft das Gefühl haben, sie seien schon aufgeklärt, und dann gibt es plötzlich wieder Fälle wie aus Deutschland, wo einige 13-jährige Mädchen schwanger wurden oder operiert werden mussten, weil sie dachten man könne mit Tampons effektiv verhüten (ich weiss, extremes Beispiel, passt aber irgendwie doch).

        Mich würde Ihre Meinung hierzu interessieren, falls Sie sich Zeit nehmen wollen, auf diesen doch sehr langen Text einzugehen.

        Danke fürs Lesen.

      • Hallo „Irgendjemand“,
        offenbar haben sich unsere Kommentare überschnitten. Aber schau dir mal diese Webseite an: http://www.sorg-falt.ch – das ist diejenige der „Walliser Sektion“. Tatsächlich steht da z. B.

        „Sexualerziehung lehnen wir ab. Sie ist das Vorrecht der Eltern. “
        „SE will mit dem traditionellen Familiensystem aufräumen (Gender). Der Begriff Gender bezeichnet das „soziale“ oder „psychologische“ Geschlecht einer Person im Unterschied zum biologischen Geschlecht. “

        Das geht noch so viel weiter…

        Das Eltern diese Verantwortung abgeschoben haben mag auch damit zusammenhängen, dass sie selber bei diesem Thema voller Scham sind (Kirche sei Dank). Sexualität ist auch heutzutage noch ein Tabu. deshalb ist der Unterricht so eminent wichtig.

      • Mir gefällt Ihr Fazit – mit der Idee, Verantwortung sei wichtig und ein Grundwissen nötig, bin ich sehr einverstanden. Ich denke jedoch nicht, dass die Petition diese Vorstellung verfolgen will.

        Ich beziehe mich im Folgenden auf dieses Dokument: http://www.volksschul-sexualisierung-nein.ch/downloads/flyer-d.pdf

        Zu 1. steht da: »Wozu ums Himmelswillen, verehrte Erziehungsdirektor/-innen, wird einem 5-jährigen Kind ein solches Bild vorgesetzt?« [zu sehen ist, wie eine nackte Frau einem nackten Mann ein Kondom überstreift, beide sind gezeichnet]
        Die Vorstellung ist doch, dass das Bild ein Kind verstören könne – gerade weil es Inhalte zeigen, die dem Kind fremd sind. Diese Inhalte sind entweder die nackten Personen, ihre Interaktion – oder das Kondom. Gerade um das Kondom geht es aber wohl im Aufklärungswerk.

        Zu 2.: Die Möglichkeit, ein Kind dispensieren zu lassen, bewegt doch die Sexualität in den Bereich der Religion, wo letztlich die Verantwortung bei den Eltern liegen soll. Eltern wäre es möglich, ihrem Kind alle Information vorzuenthalten.
        Ich gebe aber gerne zu, dass ich da etwas pointiert formuliert habe. Das Problem des Misstrauens verstehe ich im Vergleich mit anderen Schulfächern nicht. Lehrpersonen könnten auch schlechte MathematikerInnen etc. sein. Deshalb fordert niemand, Eltern müssten ihr Kind vom Matheunterricht dispensieren lassen können.

        Zu 3.: Hier verstehe ich Ihre Ausführungen nicht. Der Punkt 5. der Petition zeigt ja genau, dass die Vorstellung vorhanden ist, die Darstellung Homosexueller würde die sexuelle Orientierung eines Kindes beeinflussen.

        Zu 4.: Es wird kritisiert, die sexuelle Aufklärung »dem christlich-konservativen Familienbild (Vater, Mutter, Kind/er) keine echte Bedeutung«. Das wird auf dem verlinkten Flyer (oben in diesem Kommentar) mehrfach wiederholt.

        Zu 5.: Die Darstellungen sind tatsächlich sehr schematisch. Es braucht keine expliziten Photos – aber im Unterricht werden auch keine eingesetzt. Das ist auch nicht geplant.

        Zu 6.: Die Implikation des Textes sind klar, oder?

    • Irgendjemand, ich glaube, du verwechselst da was: Die Initiative will eben gerade NICHT ein offenes Verständnis fördern. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Initiative wurde v. a. von rechtskonservativen Kreisen lanciert, denen auch schon die Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlichen Paaren ein Dorn im Auge ist. Von Offenerem und natürlichem Verhalten kann keine Rede sein.

      • Lasst doch die Kleinen noch Kinder sein und lasst sie einfach selber, später, altersgerecht eben, ihr eigenes und das andere Geschlecht entdecken. Das ist seit Menschengedenken so und soll so bleiben und wenn da linke überbezahlte „Pädagogen“ herumschrauben wollen, dann nur, weil sie selber massive (wohl homosexuelle) Probleme haben – Punkt.

      • Zwei Dinge sind »seit Menschengedenken« so:
        a) Kinder werden missbraucht, ohne es klar ausdrücken und ablehnen zu können
        b) Kinder entdecken ihre Sexualität nicht erst dann, wenn es den Erwachsenen angenehm ist – sondern vorher.
        Das ist der Grund, weshalb man mit ihnen darüber sprechen soll.

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