Vermögens- und Einkommensverteilung in der Schweiz

In einer Diskussion mit der Grünen Partei der Schweiz sowie der SP hat der Kommunikationsberater Dominik Feusi auf Twitter die Behauptung bestritten, wonach die Verteilung der Kaufkraft in der Schweiz immer ungleicher werde:

Die Frage, ob es tatsächlich stimmt, dass die Reichen sich immer mehr leisten können, während die Armen immer weniger Kaufkraft haben, interessiert mich. Die Frage, welche Daten denn wirklich aktuell und akkurat sind, lasse ich zunächst beiseite. Ich lasse mich gerne korrigieren, sollten die Daten nicht stimmen.

Die Frage ist natürlich, wie man Kaufkraft bestimmt. Betrachten wir zuerst die Einkommen (Quelle: verteilungsbericht.ch):

Man kann also bilanzieren: In den 10 Jahren vor 2008 sind die Löhne aller Einkommensgruppen gewachsen – und das teuerungsbereinigt. Die mittleren und tiefen Löhne sind aber weniger stark gewachsen als die Produktivität in dieser Zeit zugenommen hat. Das heißt: Die Angestellten mit mittleren und tieferen Löhne arbeiten mehr (bzw. produktiver), verdienen aber nicht mehr.

Betrachten wir zudem das Vermögen, so stellen sich erste Zweifel an der These ein, wonach alle mehr Kaufkraft besäßen:

Die Frage wäre dann zu stellen, wie man eine Steigerung der Kaufkraft misst. Selbstverständlich gibt es dafür volkswirtschaftliche Messmethoden – psychologisch beurteilen Menschen aber ihre Kaufkraft in Relation zur Kaufkraft von anderen (nicht in Relation zur Kaufkraft gesellschaftlich gleich gestellter vor 10 Jahren). Dann dürfte klar sein, dass Menschen mit mittleren und kleineren Einkommen und Vermögen weniger vom ganzen Kuchen haben als früher.

Die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung wird mit dem Gini-Koeffizienten gemessen. Die Daten für die ganze Schweiz sind in den letzten Jahren sehr selektiv vorhanden – eine Studie (pdf) sagt beispielsweise in den Jahren vor 2003 sei er leicht gesunken, Wikipedia verwendet einen Wert von 1992. (Vielleicht kann das ja mal jemand korrigieren – ich bin mir nicht sicher, welches der aktuellste korrekt gemessene Wert ist.)

Fazit: In der Schweiz werden die Reichen reicher. Ob die Armen ärmer werden, kommt auf die Betrachtungsweise an. Die entscheidende Frage ist wohl, ob die Reichen reicher werden, weil sie mehr leisten (wie wohl so genannt wirtschaftsliberale Menschen behaupten würden und deshalb »Freiheit« fordern) – oder ob sie reicher werden, weil – vielleicht auch anderswo als in der Schweiz – die Armen arm bleiben oder ärmer werden.

Die Situation in der Schweiz wurde wohl 2006 von Markus Schneider bereits treffend beschrieben:

Die gründlichste Analyse über die «Verteilung des Wohlstands in der Schweiz» stammt vom Büro Ecoplan. Sie bestätigt: Das verfügbare Einkommen von Otto Normalverdiener stieg nur leicht, es stieg bei den «Reichen» stärker, aber es stieg bei den «Armen» ebenfalls stärker. Insgesamt sei die Verteilung von 1990 bis 1998 etwas «ungleicher» geworden, was sich bis 2001 wieder angeglichen habe. Neuere Studien gibt es nicht.

Nun liesse sich behaupten: Die Verhältnisse in der Schweiz seien schon längst «unzumutbar ungleich». Internationales Mass dafür ist der Gini-Koeffizient, den der italienische Statistiker Corrado Gini entwickelt hat. Dieser Wert kann zwischen 0 und 1 liegen; je höher er liegt, umso grösser die Ungleichheit.

Die neuesten Zahlen, sie finden sich im «Human Development Report 2004» der Weltbank, bestätigen alle Vorurteile. Am «gleichsten» präsentiert sich die Einkommensverteilung in Skandinavien und in Japan mit einem Gini-Koeffizienten von 0,25. Deutschland folgt mit 0,28, dann Österreich, Holland, Frankreich und schliesslich die Schweiz mit 0,33. Noch «ungleicher» hingegen ist die angelsächsische Welt: Grossbritannien weist einen Gini von 0,36 auf, die USA 0,40. Ganz zu schweigen ist von den Entwicklungsländern. In China, offiziell immer noch kommunistisch, liegt der Gini bei 0,45, in Argentinien bei 0,52, in Botswana und Sierra Leone bei 0,66.

Nun darf man sich im Guten streiten, welches Mass an Ungleichheit optimal sei.

7 thoughts on “Vermögens- und Einkommensverteilung in der Schweiz

  1. „Die entscheidende Frage ist wohl, ob die Reichen reicher werden, weil sie mehr leisten (wie wohl so genannt wirtschaftsliberale Menschen behaupten würden und deshalb »Freiheit« fordern)“

    Das würden (oder sollten) Wirtschaftsliberale nur behaupten, wenn die Wirtschaft tatsächlich durch und durch liberal wäre. Das ist sie aber nicht. Dies bedeutet, dass man durchaus damit rechnen muss, dass manche Reiche nicht wegen ihrer Leistung, sondern wegen staatlicher Hilfe reicher und reicher werden.

  2. „Die mittleren und tiefen Löhne sind aber weniger stark gewachsen als die Produktivität in dieser Zeit zugenommen hat. Das heißt: Die Angestellten mit mittleren und tieferen Löhne arbeiten mehr (bzw. produktiver), verdienen aber nicht mehr.“
    Aus dem ersten Satz kann nicht ohne weiteres der zweite gefolgert werden. Die Produktivität ist ja über alle Einkommensklassen hinweg gerechnet, d.h. es könnte auch sein, dass nur die Topverdiener produktiver geworden sind. Zudem kann eine steigende Produktivität z.B. auch auf den vermehrten Einsatz von Technologie zurückgeführt werden, die natürlich nicht gratis ist.
    Ausserdem ist der Anteil der am besten entlöhnten 10% am Gesamteinkommen heute tiefer als z.B. in den 70er Jahren (allerdings stieg er zuletzt an). Quelle: http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2011/08/einkommenszuwaechse-nur-fuer-die-reichen

  3. In diesem Zusammenhang sehr ärgerlich finde ich, dass in den Tageszeitungen über die Löhne in der Schweiz meistens in Form eines Mittelwerts berichtet wird. Dabei interessiert doch nur der Median (verdiene ich mehr oder weniger als der mittlere Lohn?) und nicht eine fiktive, nach oben verzerrte Zahl. Auch in internationalen Statistiken sieht man die Schweiz immer weit oben mit ihrem hohen Durchschnittslohn – würde man den aussagekräftigeren Median vergleichen, dann sähe das Bild garantiert schlechter aus für die Schweiz.

  4. Danke für den sachlichen Round-up. Grossartig. Für mich wird daraus klar, dass das Bild der „Schere“ eben sachlich nicht richtig ist. Wenn arm und reich mehr haben, dann kann man eben nicht von einer „Schere“ schreiben die „zwischen Arm und Reich“ irgendwie „aufgeht“.
    Wie reich dürfen die Reichen sein? Mich interessiert ehrlich gesagt der Reichtum der anderen nicht wirklich. Nicht einmal, ob er ganz direkt mit der Leistung des oder der Reichen zu tun hat. Solange kein Konflikt mit dem geltenden Recht verletzt wurde…
    Angesichts des progressiven Steuersystems müsste sich gerade die Linke für möglichst reiche Reiche einsetzen, denn sie tragen diesen Staat.

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