Zum Pendeln – oder zur Wahl des Wohnortes und zur Subventionierung von Mobilität

In einem Tages-Anzeiger-Interview spricht Martin Bäumle, Präsident der Grünliberalen, über den Vorschlag, beruflich entstandene Mobilitätskosten zu begrenzen (auf 800 Franken).

Wir haben in der Mobilität heute keine realen Preise. Mit dieser Verzerrung fördern wir die Tendenz, günstigen Wohnraum in der Peripherie zu beziehen und lange Pendelstrecken in Kauf zu nehmen. Bestraft wird der Steuerzahler, der eine teure Stadtwohnung hat und zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit geht. Jene zu belohnen, die weit reisen zur Arbeit, ist ein Anachronismus in unserem System.

Als ich das Interview gelesen habe, war ich mit Bäumle völlig einverstanden. Mich stört es schon seit längerem, dass Menschen, welche weit vom Arbeitsort entfernt wohnen, dafür vom Staat unterstützt werden.

Nun habe ich heute diesen exzellenten Blogpost der Montagsmailer über die Stadtentwicklung in Zürich gelesen. Kurz: Mit einer Umfahrung ermöglicht der Staat den Anwohnern der Weststrasse ein würdiges Leben – mit dem Resultat, dass die bisherigen Anwohner sich die Wohnungen nicht mehr leisten können und in die Agglomeration ziehen müssen (ihre Arbeitsplätze bleiben aber wohl, wo sie sind).

Mit anderen Worten: Nicht alle Menschen können wählen, wo sie arbeiten wollen oder wo sie wohnen wollen. Dieses Problem betrifft wohl vor allem arme und junge Menschen. Junge profitieren von zusätzlichen Subventionen bei den Billetpreisen.  Die Frage bleibt bestehen, welche Art von Lenkung durch Steuerabzüge für die mit der Berufsausübung verbundene Mobilität beabsichtigt wird.

Gehen wir der Einfachheit halber einmal davon aus, dass eine Person pendelt, um ein Einkommen zu erzielen. Würde der Staat das Pendeln nicht subventionieren, so würde das Einkommen der Person geringer ausfallen. Dieser Effekt ist bei armen Personen heute vernachläßigbar –  sie zahlen so wenig Steuern, dass der Abzug der Mobilitätskosten kaum etwas bringt. Sollten sie durch eine Änderung ein zu geringes Einkommen erzielen, entsteht ein Problem. Für alle anderen Personen bedeutet es, dass der Arbeitsplatz weniger attraktiv wird, weil er mit Pendeln verbunden ist. Das bedeutet direkt, dass ein Wohnortswechsel attraktiver wird, dass sich Arbeitgebende des Problems annehmen müssen (weil ihre Arbeitsplätze weniger attraktiv sind). Mein Fazit wäre also, dass Bäumle Recht hat. Evtl. übersehe ich wichtige Aspekte, aber mir scheint es, als wünschten sich viele Menschen, dass ihr Pendeln möglichst günstig sei – was absolut verständlich ist, aber nicht Aufgabe des Staates.

Ähnlich argumentieren diese drei Artikel:

  1. Blog von Tilman Slembeck, Professor an der HSG.
  2. Matthias Daum in der NZZ. 
  3. Gordana Mijuk und Christine Brand in der NZZaS: Teil 1, Teil 2.

8 thoughts on “Zum Pendeln – oder zur Wahl des Wohnortes und zur Subventionierung von Mobilität

  1. Was man aber auch bedenken muss: wenn man den Leuten das Pendeln „verbietet“, wird der Wohnraum bspw. im Grossraum Zürich noch attraktiver, weil ja hier auch die besten Jobs sind. Also werden die Wohnungen noch teurer.

    • Das stimmt natürlich. Die Frage wäre einfach, ob mittel- oder langfristig nicht auch große Arbeitgeber aus dem Großraum Zürich wegziehen könnten. Dass z.B. die Großbanken einen Standort am Paradeplatz brauchen, leuchtet ein. Aber warum benutzt die CS auch für nicht auf die Börsennähe angewiesene Arbeitsplätze Standorte wie die Brunau und Oerlikon und die UBS Altstetten. Solche Büros könnten doch auch im Thurgau, im Aargau oder in anderen Gaus gebaut werden.

  2. Du vergisst dabei einige Punkte, weshalb es auch für den Staat von Interesse ist, das gependelt wird:

    1. Was passiert mit den Randregionen? Gerade im Wallis (wo ich wohne), sind einige Dörfer nur noch reine „Schlafstädte“, die würden ohne öV total aussterben.

    2. Gemäss RAV kann ein Arbeitsweg von 2 Stunden zugemutet werden. Wenn ich das hochrechne, sind meine Kosten für die Reiseausgaben höher als 800 Stutz.

    3. Natürlich ist es Aufgabe des Staates: Sowas nennt sich auch „Service Publique“. Er hat ein Interesse daran, dass Gemeinden nicht aussterben – die Schweiz besteht ja nun mal nicht nur aus Basel, Zürich und anderen Grossstädten. Mit einem ähnlichen Argument könnte man auch sagen, dass man nur noch in den Talgemeinden oder grösseren Gemeinden Poststellen, etc. hätte. Hat man aber nicht. Man hat in fast jeder kleinen Gemeinde noch eine Poststelle, auch wenn diese nicht zwingend rentiert und sie die gleichen Preise anbietet wie die eine Post in Zürich.

    4. Wenn ich deinen Artikel so lese, kommt es mir unterschwellig so vor, dass du denkst, Menschen würden absichtlich irgendwo in der Pampa wohnen um dann täglich Stunden reisen zu müssen. Ich glaube nicht, dass das bei den meisten der Fall ist…

    • Die Frage, wie sinnvoll es denn überhaupt ist Pendeln zu unterstützen/zu fördern, ist ja ganz direkt (auch) eine ökologische Frage. Da kann man sich durchaus die Frage stellen, ob der Bund Pendelströme aus Randregionen fördern sollte…Niemandem wird unterstellt, dass er absichtlich in der Pampa wohnt, weil er gerne stundenlange Reisen zu seinem Arbeitsort auf sich nimmt.

      • Natürlich ist das auch eine ökologische Frage. Nur, muss beides im Einklang sein. Und da ist mir die Förderung des öV’s lieber, als die Förderung von privaten Fahrzeugen…
        Und sonst darf man sich einfach nicht wundern, wenn die Städte überfüllt sind, weil alle dort wohnen wollen…

  3. Das Grundproblem hast Du erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt: Abzüge vom steuerbaren Einkommen, wofür auch immer, stellen grundsätzlich immer Subventionen zugunsten von denjenigen, die es am wenigsten nötig hätten, dar. Daher: Abzüge von der Steuer, oder besser: Flat Tax mit Gutschriften bis zum Existenzminimum.

  4. Ich frage mich, ob die Begrenzung auf 800.- etwas an den gegenwärtigen strukturellen Gegebenheiten ändern wird. Natürlich bin ich mir meiner folgenden Behauptung nicht sicher, aber ich könnte mir vorstellen, dass Pendler im Schnitt mehr verdienen als jene, die in ihrem Dorf oder im Nachbardorf arbeiten gehen. Dementsprechend würde diese verringerte Abzugsfähigkeit kaum etwas an der Attraktivität des Pendelns ändern. Denkbar wäre ja gar auch, dass Arbeitgeber den Arbeitnehmern eine Pendelentschädigung zahlen. Evtl. hast du diesen Artikel ja auch gelesen, ist auf jeden Fall noch passend zum Thema.

  5. Im weiteren Sinne ist die Serie ‚Das zersiedelte Land‘ im Magazin sehr aufschlussreich zu diesem Thema. ZB der Artikel von Herzog und Meili http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Unsere-unzerstoerbare-laendliche-Seele-zerstoert-das-Land-/story/22919264
    Es ist in jeder grossen Stadt normal, dass sich zur Rush hour die Leute ins Tram und die Züge quetschen und dort stehen. Warum finden wir das in London, New York und Berlin cool und in Zürich unzumutbar? – Mein Arbeitsweg dauert 5 Minuten zu Fuss. Das ist eigentlich Luxus. Ich wohne in der Pampa (aus stadtzürcher Perspektive). Oft wünsche ich mir mehr Distanz zwischen Arbeit- und Wohnort, dies würde eine grössere Anonymität ermöglichen.

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