Große Kunst heute: TV Serien – Über »The Killing«

Urteile über Kunst haben eine subjektive und objektive Komponente: Wir wissen zwar, dass das, was uns berührt, andere nicht notwendigerweise auch oder gleich berührt – und doch können wir dieses Wissen nicht emotional nachvollziehen. Wir haben den Anspruch, dass etwas »schön« ist – und nicht nur als schön erscheint.
Nach dieser Vorbemerkung darf ich behaupten, dass Hamlet das größten Kunstwerk ist, das je verfasst worden ist. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Hamlet verbindet in wenigen Figuren eine Reihe nicht-trivialer Probleme und Geschichten (ich liste sie hier nicht auf)
  2. Hamlet ist eine Darstellung des Wissens der Renaissance (z.B. über Krankheiten, Moral, Theologie etc.)
  3. Hamlet schafft in jeder Szene sprachlich und dramaturgisch Intensität
  4. Hamlet enthält globale wie lokale Spannungsbögen.

Wenn wir uns nun überlegen, ob es heute erneut einen Hamlet geben könnte (oder einen Shakespeare), so dürfte sofort klar sein, dass es sich beim Hamlet des 21. Jahrhunderts nicht um ein Theaterstück handeln kann – oder, um ein anderes Beispiel anzufügen, nicht um einen Roman, wie die Gebrüder Karamasow, auf welche m.E. alle oben genannten Kriterien auch zutreffen.
Meine These: Der Hamlet des 21. Jahrhunderts wird eine TV-Serie sein, genauer: Eine Krimiserie.
Ein Kandidat dafür ist The Killing oder Forbrydelsen. Die ursprünglich dänische Serie von Søren Sveistrup wurde in den USA von AMC bzw. von Veena Sud neu umgesetzt und spielt in Seattle. (Ich beziehe mich im Folgenden auf die amerikanische Version.) Im Zentrum steht der Mord an Rosie Larsen, einem weiblichen Teenager. Der Mord ist der eigentlich letzte Fall von Kommissarin Linden (im Original Lund). Linden soll heiraten und mit ihrem Sohn nach Kalifornien ziehen. Bei der Ermittlung soll sie ihren Nachfolger einarbeiten – der dann zu einem Partner für sie wird. Daneben gibt es zwei weitere Storylines (und mehrere Nebenhandlungen): Die Familie Larsen wird dabei beobachtet, wie sie mit der Bewältigung des Mordes an ihrer Tochter fertig wird. Und der Politiker Darren Richmond will Bürgermeister von Seattle werden – seine Wahlkampagne wird aber durch die Ermittlungen gestört.
Wenn nun ein 90-Minuten Krimi drei Storylines je 10 Sequenzen à 3 Minuten widmen kann, kann eine 13-teilige Serie à je 45 Minuten jeder Storyline vier Stunden widmen – und dadurch eine Tiefe erreichen, die Filmen im Normalfall verwehrt bleibt.S
The Killing erfüllt formal alle Voraussetzungen, welche eine große Serie erfüllen müsste:

  1. Es gibt kein Spiel mit Vor- und Rückblenden; die zeitliche Struktur ist chronologisch (so etwas wie in Godfather II fände ich allerding durchaus legitim).
  2. Die Figuren sind gemischte Charaktere, die Schauplätze entstammen einem realistischen Seattle.
  3. Die Serie arbeitet mit verschiedenen Symbolen und zeigt vieles nicht explizit.

Gleichwohl würde ich nicht behaupten, dass The Killing Hamlet auch nur nahe komme. Zu oft wird mit falschen Fährten gearbeitet, welche dann völlig ignoriert werden können, zu trivial sind auch einige film-technische Effekte eingesetzt; zu monoton ist das Zusammenfallen der düsteren Stimmung der Stadt mit der düsteren Stimmung der Kommissarin. Aber die Serie zeigt, was möglich wäre.

2 thoughts on “Große Kunst heute: TV Serien – Über »The Killing«

  1. Habe damals das dänische Original geschaut und war restlos begeistert. Die amerikanische Version kenne ich nicht, aber ich habe selten so gute Schauspieler gesehen wie in der dänischen Version, selten so beklemmende Szenen. Eine absolut kitschfreie Serie, die meiner Ansicht nach kaum zu toppen ist (und ehrlich gesagt, fürcht’s mir vor der amerikanischen Version).

  2. Pingback: Serien, die ich schaue – Teil 3 | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

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