In eigener Sache.

1.

Ich blogge regelmässiger denn je und habe Freude daran. Dieses Jahr hatte ich jeden Monat über 10’000 Besucher auf dem Blog (seit Mitte des letzten Jahres werden es immer mehr) – und es kommt ab und an zu regen Diskussionen in den Kommentaren. Das soll nur einmal festgehalten sein.

 

2.

Die Blogger und die Journalisten. Bobby California hat mich gestern auf Twitter und heute in den Kommentarspalten zu einer Diskussion herausgefordert, welche ich eigentlich nicht mehr führen wollte:

Der Unterschied zum Blogger ist aber, dass der Journalist versucht, so viel wie möglich über ein Thema heraus zu finden, während der Blogger sich damit begnügt, seine Meinung zu formulieren. […]
Denn wenn man Zeit hat, um zu recherchieren, und das auch macht, dann findet man in kurzer Zeit sehr viel Spannendes heraus, was ein Blogger nicht herausfindet, weil er eben keine Zeit hat dafür, und die Leser profitieren davon. […]
Die Medienkonsumenten profitieren am meisten von überraschenden Fakten, wie sie in Printmedien zu finden sind, und weniger von persönlichen Meinungen, wie sie in vielen Blogs zu lesen sind.

Ausgangspunkt war Alan Rusbridgers Artikel  im Freitag, in dem er die These vertritt, das Netz sei eine Chance für den Journalismus. Er schreibt zudem:

Auf der einen Seite hat das Web 2.0 wenig Geheimnisvolles. Es geht um den Umstand, dass auch andere Leute gerne Dinge machen, die wir Journalisten machen. Wir erschaffen gerne Dinge – Worte, Bilder, Filme, Grafiken – und veröffentlichen sie. Das macht offensichtlich auch vielen anderen Menschen Spaß. Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit. Aber jetzt können die Menschen sogar viel mehr und einfacher veröffentlichen als jemals zuvor.

Ich denke, diese Aussage ist Bobby Californias Problem (und wohl auch das einiger anderer PrintjournalistInnen, ohne in irgend einer Form zu pauschalisieren): Ich mache Dinge zum Spass, für die er bezahlt wird. Natürlich gibt es Unterschiede, über die wir uns einig sind:

  • in der Regel haben PrintjournalistInnen mehr Zeit für ihre Texte
  • in der Regel recherchieren Printjournalisten deswegen auch mehr
  • im Printjournalismus werden oft Fakten berichtet, in Blogs häufig Positionen bezogen

Dennoch gilt es festzuhalten: Auch wenn ich das alles in meiner Freizeit mache, kein Geld dafür kriege und oft darauf angewiesen bin, mich auf die Darstellungen von Sachverhalten auf Onlineportalen von Printmedien beziehen zu können, so ist das, was ich tue, dennoch ernsthaft, erschöpft sich nicht im Niederschreiben meiner Meinung, sondern ordnet und verbindet Sachverhalte und unterzieht sie einer Interpretation – und es ist auch nicht ein Geschäft, welches keine Zeit in Anspruch nimmt: Für einen Blogpost recherchiere und lese ich ca. eine Stunde und schreibe eine Stunde daran. Dann überarbeite ich ihn, gehe Hinweisen nach und korrigiere ihn immer wieder – und beteilige mich an der Diskussion in den Kommentaren. Alles in allem steckten in einem durchschnittlichen Post drei Stunden Arbeit – das ist nicht wahnsinnig viel, aber auch nicht einfach nichts. Und ich würde auch – für einmal total unbescheiden – von mir behaupten, dass ich durchaus in der Lage bin, auf einem ansprechenden Niveau zu schreiben und zu denken – und auch das journalistische Handwerk durchaus beherrsche.

3.

Auf Formspring wurde mir schon vor einer Weile eine Frage gestellt:

Wieso gehst du nicht in die Politik? Ich meine mich an einen Kommentar von dir zu erinnern, dass ein Philosoph nichts in der Politik zu suchen hat, wobei du zwar nicht primär auf dich referiertest, wohl aber sekundär. Wieso nicht? Zizek-Style?

Die Antwort darauf ist zunächst wohl die, dass die Politik nicht auf mich wartet. Genau so wie ich einem interessanten Job im Journalismus nicht abgeneigt wäre, genau so wäre ich auch einem politischen Amt nicht abgeneigt, wenn es denn interessant genug wäre. Nun bewirbt man sich ja nicht einfach so auf politische Ämter, sondern wird entweder gewählt, weil einen die Leute kennen – oder übernimmt ein Amt, das niemand sonst haben will und lässt die Leute so wissen, dass es einen gibt. Dazu bin ich nun wohl zu bequem. Auch reizt es mich nicht, innerhalb einer Partei noch die Ellenbogen auszufahren, um den 7. Listenplatz zu ergattern. Butler spricht in einem Aufsatz davon, dass man entweder kritisch sein könne oder aber Politik betreiben könne. In der Politik müsse man Lösungen vertreten, welche nicht ideal sind und welche man durchaus auch selbst kritisieren würde, sie aber vertreten muss, weil sie besser als der status quo sind. Mit Butler schmeichle ich mir nun, kritisch bleiben zu können.

 

12 thoughts on “In eigener Sache.

  1. «Ich mache Dinge zum Spass, für die er bezahlt wird»: Schon wieder das alte Missverständnis. Was Du machst (Bloggen), hat mit Journalismus sehr wenig zu tun. Das einzige Gemeinsame ist, dass wir Buchstaben in die Tastatur hauen. Alle anderen Aspekte des Publizierens sind extrem unterschiedlich:
    – Journalisten wenden einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit für die Themenfindung auf. Blogger schnappen das auf, was sie zufälligerweise lesen;
    – Journalisten sprechen in langen Sitzungen mit Kollegen über die Auswahl von möglichen Themen. Blogger machen nur, was ihnen passt;
    – Journalisten recherchieren sehr lange, oft mehrere Tage lang, bis sie so viel wie möglich über ihr Thema wissen. Blogger verzichten auf Recherchen;
    – Journalisten enthüllen Dinge, die die meisten Leser nicht wissen. Blogger enthüllen nichts ausser ihrer persönlichen Meinung;
    – Journalisten kritisieren Firmen oder Behörden, wobei sie ihre Kritik immer mit Fakten stützen müssen, damit sie nicht angreifbar werden. Blogger kümmern sich nicht um Fakten, sondern sie drücken nur ihre subjektive Meinung aus;
    – Journalisten lassen ihre Texte von Kollegen gegenlesen, oft zwei- oder dreimal. Journalisten feuern ihre Texte ohne Gegenlesen raus;
    – Journalisten müssen sich mit Kritik an ihren Texten auseinander setzen, manchmal müssen sie sich vor Gericht verteidigen. Blogger müssen das nicht, denn ihre Texte tun niemandem weh.

    Kurz: Professionelle Medienarbeit ist Aufklärung im Dienst der Allgemeinheit. Es ist harte Knochenarbeit. Bloggen hingegen ist das Ausdrücken von persönlichen Meinungen, vergleichbar mit dem Schreiben eines Leserbriefs.

    Bloggen und Journalismus kann man nicht miteinander vergleichen. Bloggen wird niemals ein Ersatz für professionellen Journalismus sein.

    • Von all diesen Aussagen stimmt nur die erste – und auch nur halb: JournalistInnen lassen sich nämlich auch sehr oft von ihrer Redaktion oder ihren Inserenten sagen, was sie wie schreiben sollen. Natürlich nicht die supertollen, aber zumindest einige bei Tamedia und alle bei Riniger.
      Alle anderen Aussagen stimmen nicht – und das weißt du ganz genau.
      Ich habe auch nicht gesagt, bloggen sei ein Ersatz für professionellen Journalismus. Darum geht es gerade nicht.

      • Verständlich, dass sich „Journalisten“ auf den Schlipps getreten fühlen. Denn oftmals recherchieren Weblogs ihre Artikel eben doch noch besser als die Presse – die sie dann höchstens aufnimmt und weiterverwertet…
        Bobby, du scheinst von Bloggern ja sehr wenig zu halten… Kann das sein?!

      • «JournalistInnen lassen sich nämlich auch sehr oft von ihrer Redaktion oder ihren Inserenten sagen, was sie wie schreiben sollen»: Mir hat nie eine Redaktion oder ein Inserent gesagt, was ich schreiben soll. Ich schreibe nur Sachen, die meiner Meinung entsprechen. Andernfalls würde ich meine Stelle kündigen. Natürlich bespricht man in der Redaktion die Stossrichtung eines Artikels, das hat für alle Beteiligten nur Vorteile. Aber Inserenten haben gar nichts zu melden.

        «Alle anderen Aussagen stimmen nicht – und das weißt du ganz genau»: Nein, das stimmt nicht. Im Gegenteil: Ich bin gerne bereit, jede einzelne meiner Aussagen bis ins letzte Detail zu diskutieren und ich kann auch alle Aussagen belegen. Ich kämpfe dafür, dass die Leute den Unterschied zwischen Bloggen und Journalismus kapieren.

      • Schöne Theorie… Nur wie lange würde das eine Zeitung wohl mitmachen, wenn ihnen alle Inserenten abspringen würden?

        Auch wenn du es vielleicht nicht wahrhaben magst – aus welchen Gründen auch immer – so haben Bloggen und Journalismus eben doch sehr viel gemeinsam… Da muss ich Philippe recht geben – auch weil ich einige Journalisten persönlich kenne…

        Und wenn du schon solche Hypothesen in den Raum wirfst, Bobby, belege diese doch bitte mit nachvollziehbaren Beispielen ;-)

      • Wenn ich wüsste, wo du welche Themen bearbeitest, könnte ich deine Behauptung nachvollziehen. Für die von mir genannten Redaktionen bin ich vom Gegenteil überzeugt.

        Ich bin auch gern bereit, jede einzelne dieser Behauptungen zu diskutieren, möchte aber vorher klären, was du mit »Journalisten« und »Blogger« meinst. Meiner Meinung nach schließt du von dir auf alle anderen JournalistInnen – und von gewissen Bloggenden auf alle anderen. Nehmen wir ein Beispiel: »Journalisten enthüllen Dinge, die die meisten Leser nicht wissen. Blogger enthüllen nichts ausser ihrer persönlichen Meinung«
        Ist das widerlegt, wenn ich
        a) einen/x Journalisten finde, der in einem/x Text(en) nichts enthüllt, was die Leser nicht schon wissen
        b) einen/x Blogger finde, die in einem/x Text(en) Dinge enthüllen, die ihre Leser nicht wissen?
        c) Oder reden wir von »der Mehrheit« der J./B.?
        Bottom line: Diese Gegenüberstellung ist sinnlos – und pauschale Zuschreibungen selten richtig.

      • «Für die von mir genannten Redaktionen bin ich vom Gegenteil überzeugt»: Welche genannten Redaktionen? Tamedia ist keine Redaktion, Ringier auch nicht.

        «Ist das widerlegt, wenn ich einen Journalisten finde, der in einem Text nichts enthüllt, was die Leser nicht schon wissen»: Nein, keineswegs. Das Enthüllen gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Journalisten. Wenn du einen findest, der das nicht kann, ändert das nichts an der Ausgangslage.

        «Ist das widerlegt, wenn ich einen Blogger finde, die in einem Text Dinge enthüllen, die ihre Leser nicht wissen»: Nein. Ich kenne auch zwei Blogger, die je einmal etwas enthüllt haben. Doch das kommt sehr selten vor.

        «Oder reden wir von »der Mehrheit« der J./B»: Ja. Die Diskussion geht weiter in meinem Blog: http://bit.ly/goQtoZ

      • deine behauptungen werden dadurch nicht richtiger, dass du sie in deinem blog wiederholst…

      • Ich glaube, dein Kommentar erübrigt jede weitere Diskussion: Für dich ist jeder Journalist, der deinen Kriterien nicht genügt, eine Ausnahme – und jede Bloggerin, welche deine Vorurteile nicht bestätigt, ebenfalls. Du bist zudem wohl nicht in der Lage einzusehen, dass in dieser Diskussion nicht um das alte Thema geht, ob Blogger nun die besseren, neuen, zukünftigen Journalisten sind oder nicht – sondern darum, dass Blogs traditionelle Medienarbeit ergänzen und erweitern und das nicht in jedem Fall ganz schlecht.
        Wie schon auf Twitter angemerkt setze ich damit vorerst einmal aus – ich diskutiere gerne weiter, wenn ich als Basis für diese Diskussion drei Printartikel von dir gelesen habe. Und wenn ich schon Voraussetzungen festlege, dann auch noch die: Wenn du liest, was ich schreibe, und nicht so tust, als sei ich ein kompletter Idiot. Als Beispiel: Ich weiß natürlich, was ein Primeur ist, und ich habe geschrieben einige Tamedia-Journalisten seien betoffen und alle, die bei Riniger arbeiten (mit Ausnahme der Helden der 80er-Jahre, die schrieben können, was sie wollen).

      • Dein Problem, nicht meins, wenn du auf Diskussionsverweigerung machst. Gestern hast du einen Artikel verlangt, heute verlangst du drei Artikel, und morgen? Neun Artikel? Sorry, aber die Zeit zum grossen Outing ist ungünstig. Es schleichen sich im Netz bissige Pitbulls herum, die mich noch so gerne teeren und federn würden. Die Stimmung ist im Moment einfach viel zu aufgeladen. Vielleicht später.

        Die Passage über Primeurs (die übrigens nicht auf dich gemünzt war) habe ich abgeändert. Zufrieden?

  2. „- Journalisten lassen ihre Texte von Kollegen gegenlesen, oft zwei- oder dreimal. Journalisten feuern ihre Texte ohne Gegenlesen raus;“
    Mmmhhh …. wie war das jetzt? Journalisten lassen ihre Text von Kollegen gegenlesen? Na da hat dein Kollege aber ziemlich neben die Zeilen geschielt.

  3. Ach, die alte Diskussion …
    Ich mag beides. Blogs und Printmedien. Für mich sind sie eine ideale Ergänzung zueinander, wobei manche Blogger manchmal Beiträge schreiben, die ich sehr gerne als Artikel in einer Zeitung lesen würde und manche Journalisten manchmal Artikel schreiben, die ich nicht einmal als Blogeintrag lesen würde.

    Gratulation zur Entwicklung deines Blogs! Ich lese sehr gerne hier rein.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s