Die Liveticker-Berichterstattung. Eine kritische Würdigung

Zu immer mehr Ereignissen erhalten wir über Live-Ticker oder News-Ticker Zugang – als Beispiele seien der Krieg in Libyen und der Budgetstreit im Zürcher Gemeinderat von gestern Abend genannt. Die Verwendung eines Formats, das aus der Sportberichterstattung stammt und eigentlich eine protokollartige Verschriftlichung von Ereignissen ist, soll im Folgenden kurz kritisch geprüft werden.

  1. Aktualität als wichtigstes Qualitätskriterium.
    Von medialer Berichterstattung könnte man erwarten, dass sie Ereignisse besonders wahr darstellt, sie einordnet, Meinung ausgewogen präsentiert oder Komplexität vereinfachen kann – wie man auch erwarten kann, dass sie besonders aktuell ist. Die Liveticker-Kultur setzt nun die Aktualität über alle anderen Qualitätskriterien.
  2. Die Bedeutung von Titeln.
    Wie der fehler.li-Blog schön aufzeigt, verzerren gesetzte Titel Sachverhalte und dominieren die Interpretation des Geschehens. Meiner Meinung nach ist diese Funktion bei Live-Tickern viel stärker als bei strukturierten Berichten mit einem gewichteten Aufbau.
  3. Die Auswirkungen der Schnelligkeit.
    Wer möglichst schnell schreiben muss, hat nicht die Möglichkeit, über ein Geschehen nachzudenken, es einzuordnen, seine sprachliche Präsentation zu gestalten, ergänzende Recherchen vorzunehmen. Wichtige Möglichkeiten journalistischer Berichterstattung entfallen.
  4. Wiedergabe anderer Medien.
    Live-Ticker entstehen oft unter Einbezug von Fernsehbildern und Webseiten. Sie verdichten also andere Medieninhalte, ohne das darstellen zu können. Ein Zugang zu der Person, die wirklich zugegen war, als etwas passiert ist, die etwas gesehen, erlebt hat, wird systematisch verunmöglicht (diese Kritik trifft natürlich auch viele klassische Berichte).
  5. Chronologie statt Gewichtung.
    Ereignisse werden seriell präsentiert und erscheinen gleich wichtig. In einem Ski-Liveticker wird die Fahrt jeder Fahrerin mit einem Satz kommentiert – in einem Bericht würden nur 5 Fahrerinnen erwähnt. Dasselbe passiert so beim Krieg in Libyen – Wichtiges und Unwichtiges werden als eine Serie gleichbedeutender Ereignisse dargestellt.
  6. Die Rückwirkung von Live-Tickern auf die Ereignisse selbst.
    Dieser  Aspekt ist wohl einer der spannendsten: Die TeilnehmerInnen an der Gemeinderatsdebatte lesen während der Debatte die Berichterstattung darüber, zitieren sie und kommentieren sie online, wie Simon Eppenberger hier dokumentiert. Die mediale Berichterstattung wirkt also auf politische Prozesse direkt ein. Das Bewusstsein, dass jeder Satz nicht nur im Rat gesagt wird, sondern auch für den Live-Ticker prägt die politische Kommunikation. [Update: Michael Latzer findet eine Beurteilung der Auswirkungen von Live-Tickern auf Newsnetz »zu früh« und fordert, dass man mit solchen Formen »experimentieren« müsse.]

Liveticker auf Newsnetz zur Budgetdebatte, inklusive Facebook-Kommentare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerne verweise ich noch auf Konrad Webers genaue und vergleichende Auseinandersetzung mit dem Liveticker-Phänomen.

3 thoughts on “Die Liveticker-Berichterstattung. Eine kritische Würdigung

  1. die weitestgehende abstienz von verarbeitung, einordnung, somit zusatznutzen bei professionellen medienhäusern ist ja etwas, was man in den letzten jahren zunehmen beobachten muss. ich vermute darin eine zentrale ursache fuer die abnahe der abonnentenzahlen, wer oll denn fuer etwas zahlen, das ekienn zusatznutzen zu blogs, facebook, twitter und gratis“zeitungen“ darstellt?
    interessant finde ich ja, dass das schnelle madium radio es schafft seine berichterstattung sehr wohl mit qualitaet anzureichern. da kommen einordnung und kommentar nach wie vor vor, zumindest bei drs.

  2. Ich würde den ersten Punkt relativieren. Wie aktuell die Infos wirklich sind, welche über die Online-Live-Ticker verbreitet werden, wissen wir nicht. „Live“ heisst nicht automatisch „aktuell“.

    Zudem würde ich die Aktualität zwar als ein Kriterium, nicht aber als ein Qualitätskriterium ansehen. Vielleicht habe ich da eine etwas altmodische Sichtweise, aber Qualität braucht meiner Ansicht nach immer Zeit. Darum ist „aktuell“ selten qualitativ gut.

    Was mir noch fehlt bzw. was mich besonders an diesen „Live-Tickern“ stört, ist die fehlende Prüfung der Quellen. Mir scheint, dass man sich einfach bei NHK reinschaltet und das weiterverbreitet, was dieser Sender hergibt, ohne sich noch wenigstens auf eine zweite Quelle abzustützen. Und wir sprechen hier nicht von einem umgefallenen Blumentopf in einem Altersheim, sondern von einer der grössten Katastrophen, welche die Welt je gesehen hat (und die noch nicht zu Ende ist).

    Dementsprechend schlecht ist auch das Bildmaterial. Was wir zu sehen bekommen, sind von NHK mit Logos und Live-Tickern „zugepflasterte“ TV-Bilder. Man nimmt sich also nicht einmal die Mühe, nach dem ungefilterten Original-Bildmaterial zu fragen.

    Schliesslich leiden alle Redaktionsstuben an Kostendruck. Japan plus Libyen plus ein zunehmend unzufriedener Berufsstand ist wohl so eine Art journalistischer Super-GAU, der sich auch auf die Qualität auswirkt. Und die, welche vor Ort sind und versuchen, das Beste daraus zu machen, sind hundemüde (so mein Eindruck).

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