»Privatsphäre ist sowas von Eighties.« – Datenschutzkritik

Julia Schramm von der »Datenschutzkritischen Spackeria« (Wiki hier) wird heute auf SPON interviewt. Ich zitiere das Interview nicht ausführlich, möchte nur auf die meiner Ansicht nach zentralen Punkte eingehen:

  1. Datenschutz als ein positiv konnotierter Begriff setzt eine klare Trennung von persönlichen und öffentlichen Daten voraus sowie ein »Eigentum« an privaten Daten. Diese Trennung ist aber weder klar noch handelt es sich bei meinem Verhältnis zu meinen Daten um ein »Eigentum«.
  2. Mit der Einführung des Internets (aber schon vorher, mit generell jeder Form von Datenverarbeitung) findet ein »Kontrollverlust« respektive eine »Kontrollverlagerung« statt. Bottom line: Ich kann heute nicht kontrollieren, was mit meinen Daten passiert. Auch wenn ich kein eigenes Facebook-Konto habe, hat Facebook meine Adresse, Telefonnummer, weiss wer meine Freunde sind und weiss wie ich aussehe – weil andere Menschen diese Informationen bewusst oder unbewusst an Facebook weitergeleitet haben.
  3. Datenschutz ist häufig mit Machtprozessen verbunden: Welche Daten bedeutsam sind (und von der Veröffentlichung welcher Daten ich mich fürchten muss) entscheiden mächtige Instanzen. Auch private Unternehmen sammeln und bearbeiten Daten, beispielsweise Krankenkassen und die Pharmaindustrie.
  4. Die Konsequenz daraus wäre die Vision, dass die Trennung zwischen privaten und öffentlichen Daten aufgehoben werden könnte, indem man die Privatsphäre generell aufhebt und alle Daten gleichermassen veröffentlicht. Es ist eine Vision: Nicht eine konkrete politische Forderung, nicht eine Massnahme in einem bestimmten Bereich, sondern ein Ideal, von dem man sich leiten lassen kann oder nicht.

Reagiert man nun auf den letzten Punkt mit der etwas hämischen Aufforderung »veröffentliche du doch mal deine Bankauszüge und Krankenakte«, dann verkennt man die Reichweite und Bedeutung der Idee. Schramm dazu:

Privatheit ist ein Schutz – vor mir selbst und der Öffentlichkeit. Vor Anfeindung, Peinlichkeiten, vor Bloßstellung und der Reflektion mit mir selbst. Was ich nicht laut aussprechen muss, ist nicht real, ist nicht echt, ist mir nicht zu eigen. Was ich nicht ausspreche, sprechen auch andere nicht aus, sprechen andere nicht an, können andere nicht gegen mich verwenden. Solange wir in einer Welt leben, wo dies notwendig zu sein scheint, ist es umso wichtiger die Utopie einer Welt zu formulieren, in der Privatheit nicht als Schutz vor der Willkür anderer existiert. Ansonsten bleibt nur die Hoffnung auf Ignoranz der anderen und der Mut im Zweifel mit der Inkohärenz der eigenen Person zu leben.

Als jemand, der von jeher sehr offen mit seinem Leben, seiner Person und seinen Fehlern umgegangen ist und umgehen konnte, fallen mir solche Aussagen leicht […]

Hinzuzufügen wäre vielleicht auch: Und als sehr unabhängige, privilegierte, junge Person, fallen ihr diese Aussagen leicht. Um nur noch ein Beispiel zu machen: Man könnte denken, die Privatheit der sexuellen Orientierung sei sakrosankt. Was aber, wenn es eine öffentlich einsehbare Liste der sexuellen Orientierung aller Personen gäbe? Gäbe es eine Tabuisierung der Homosexualität? Gäbe es das Problem des coming out?

 

4 thoughts on “»Privatsphäre ist sowas von Eighties.« – Datenschutzkritik

  1. Es ist ihr gutes Recht, mit ihren Daten so légèr umzugehen, wie sie das für richtig hält.

    Aber genau darum geht es bei Datenschutzrechten: Dort, wo meine Daten automatisch in fremde Hände übergehen (sei das der Staat, der Arzt, die KK, die anonymen Alkoholiker, was auch immer) – dort macht ihr Geschwafel im Sinne von „Was ich nicht ausspreche, sprechen auch andere nicht aus, sprechen andere nicht an, können andere nicht gegen mich verwenden“ überhaupt keinen Sinn mehr. Wir „sprechen“ die ganze Zeit Dinge aus, die gegen uns verwendet werden können. Einfach nicht öffentlich. Und zum Glück sind die Daten jeweils vom Gesetz vor Veröffentlichung geschützt.

    Den Schutz braucht es, und er ist sinnvoll. Insofern finde ich die hämischen Kommentare total ok. Post-Privacy ist zwar ein interessantes, aber kein wirklich nützliches Konzept in einer nicht perfekten Welt.

    • Meiner Meinung nach können wir eben nicht kontrollieren, wie und wo unsere Daten in fremde Hände übergehen oder öffentlich werden (z.B. Teledata, aber auch Fichen etc.). Der erste Reflex ist natürlich eine vernünftige, starke Datenschutzlösung. Aber Post-Privacy ist m.E. ein tiefschürfenderer Ansatz, der insbesondere deshalb relevant wird, weil unsere Daten immer mehr von Algorithmen bearbeitet werden, die nicht wissen, was „privat“ oder peinlich ist.

  2. Die Schaffung weiterer Datensammlungen steht an. Wir Westeuropäer – von den USA nicht zu reden – brauchen gut dreimal mehr Energie als der Weltdurchschnitt – und Energie wird immer kostbarer (auch wenn zurzeit die Preise noch tief sind). Wir müssen sorgsam damit umgehen.

    Dabei werden uns zunehmend komplexe Haustechnik-Steuerungen sowie das „Smart Metering“ (siehe auch Wikipedia) dabei helfen: Sensoren messen, wo Kippfenster offen bleiben oder welche Witterung/Sonneneinstrahlung herrscht, in welchen Räumen sich Personen aufhalten (entsprechend werden Heizung, Beschattung, Geräte etc. gesteuert). Die Daten und/oder Energiebezugsmengen werden den Energiewerken gemeldet, sodass allenfalls aus der Zentrale Strom, Gas, Wasser beschafft, zu-/umgeteilt werden können.

    Für den sorgsamen Umgang mit den Ressourcen und im Idealfall deren gerechte Verteilung sind solche gewitzten Technologien sehr hilfreich. Dabei werden aber auch Unmengen von Daten übermittelt und möglicherweise gespeichert. Selbst wenn ich weder ein GPS herumtrage noch gechipt bin, ist event. mein genauer Aufenthaltsort im Haus, sind meine alltäglichen Gewohnheiten (wann dusche ich, wie lange? Wann benutze ich welchen Apparat etc.?) von Dritten einsehbar.

    Was passiert mit den Daten, wenn mein Land von einer Demokratie zu einer Diktatur wechselt? Ich bin sehr hin- und hergerissen zwischen dem Nutzen für die Ressorcenbewirtschaftung/-verteilung und der zunehmenden, umfassenden Big-Brother-Überwachung. Auch wenn wir datenmässig schon recht durchsichtig sind, finde ich Datenschutz je länger je wichtiger, wo immer er durchsetzbar ist.

  3. Pingback: Die Fragwürdigkeit des Konzepts »Eigentum«  | Philippe Wampfler bloggt.

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