Was die IV ist und was sie sein sollte.

Die IV ist eine Invalidenversicherung. D.h. sie versichert die in der Schweiz lebenden Personen gegen Invalidität: Können Sie nicht mehr arbeiten (=Invalidität), erhalten sie eine Rente ausbezahlt.

Selbstverständlich ist von sich verändernden Faktoren abhängig, wer in einer Gesellschaft arbeiten kann. Beispielsweise können viele querschnittgelähmte Personen Arbeiten im Dienstleistungssektor verrichten, in einem Ausmass, wie das vor 50 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre.

Gleichwohl – und das ist eine Konstante – gibt es immer Menschen, die nicht arbeiten können.

Die heute im Ständerat beschlossenen Massnahmen in Bezug auf »Befindlichkeitsstörungen«, also SchmerpatientInnen und Menschen mit einem Schleudertrauma, führen dazu, dass Menschen nicht deswegen keine Rente erhalten, weil sie arbeiten können – sondern deswegen, weil die Ursache ihrer Arbeitsunfähigkeit nicht objektiv belegbar ist. Der IV-Chef Stefan Ritler sagt dazu:

Zwei Drittel dieser Leute sind nicht in medizinischer Behandlung, erhalten aber trotzdem eine IV-Rente. Durch eine Rente wird der Zustand nicht besser. Wir wollen diesen Menschen Unterstützung bei der Eingliederung anbieten.

[Aber mit diesem Schmerz kann man unter Umständen nicht arbeiten.] Das schliessen wir nicht grundsätzlich aus. Wir stellen uns aber zuerst die Frage, was kann jemand gegen die Schmerzen unternehmen? Leute mit Schmerzen sagen doch oft: Die Arbeit ist die beste Ablenkung von meinem Schmerz. Wenn man sich zu Hause in sozialer Isolation immer mit seinen Schmerzen beschäftigt, wird es noch schlimmer.

Ritler erfindet in diesen Antworten eine neue Funktion für die IV: Sie spricht denjenigen Leuten eine Rente aus, die dadurch therapiert werden. IV wird dann verstanden als eine Massnahme, Menschen in den Arbeitsprozess zu integrieren. Durch diese Verzerrung entsteht der Eindruck, als ob die Leute IV beziehen würden, welche nicht arbeiten wollten.

Wer auch diese Meinung hat und denkt, dass AnwältInnen (Ritler spricht von den »sogenannten Geschädigtenanwälte[n]«) und ÄrztInnen sich in großer Zahl darauf spezialisieren, Menschen eine IV-Rente zu verschaffen, soll doch einmal versuchen, beim Arzt seiner oder ihrer Wahl ein Zeugnis zu erhalten, das einem gesunden Menschen eine zweiwöchige Arbeitsunfähigkeit attestiert.

Die Diskreditierung von arbeitsunfähigen Menschen und von ihren RechtsvertreterInnen und ÄrztInnen ist eine Gefahr für uns alle: Es braucht wenig, um aus dem Arbeitsprozess auszuscheiden. Es ist nicht attraktiv, nicht zu arbeiten. Niemand will das. Und es gibt auch keine IV-BetrügerInnen, entgegen der öffentlichen Meinung (ich sage das so überspitzt, weil die Betrugsrate bei der IV der Betrugsrate aller anderen Versicherungen entspricht).

In einem Anflug von Aktionismus habe ich die Mitglieder des Ständerats aus den Kantonen Aargau und Zürich angeschrieben (vgl. den Aufruf dazu von Mia): Bezeichnenderweise hat nur Herr Gutzwiller zurückgeschrieben. Er schreibt u.a.:

Ich bin mit Ihnen der Meinung, dass es keinesfalls angehen kann, Personen mit psychischen Erkrankungen von der IV auszuschliessen.

Gutzwiller ist Arzt und versteht als solcher – auch als bürgerlicher Politiker – von was er spricht.

 

2 thoughts on “Was die IV ist und was sie sein sollte.

  1. „Es ist nicht attraktiv, nicht zu arbeiten. Niemand will das.“ – So seh ich das auch. IV-BezügerInnen haben in aller Regel ein schweres Päckli zu tragen. Doch statt dies zu anerkennen, überschüttet man sie mit gemeinen Unterstellungen. Zynischer geht’s nicht. Da schnellt mein Ungerechtigkeit-o-Meter von null auf hundert.

    Der Ständerat, der mir geschrieben hatte, „Wenn es einen (Minderheits-)Antrag gibt, werde ich diesen also in Ihrem Sinne unterstützen.“, hat mich dann wohl auch angelogen. Nicht, dass ich ihn sonst wählen würde.

    Gestern kam dazu übrigens auch ein Beitrag im Echo der Zeit.

  2. Das ganze geht noch viel absurder: die IV attestiert immer mal wieder psychisch Kranken eine 100% Erwerbsunfähigkeit und spricht ihnen eine volle Rente zu. Gleichzeitig aber verordnet sie eine Therapie bzw. macht ganz genaue Therapievorschrifen z.B. welche Medikamente eingenommen weden müssen (wird mittels Blutkontrollen überprüft!), die Zahl der Therapiestunden pro Woche oder auch den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik (und dessen Dauer). Wer sich nicht an diese Vorgaben hält, dem wird die Rente gestrichen, da er sich A) nicht an seine „Schadensminderungspflicht“ gehalten habe und B) bei Einhaltung der Therapievorschriften schon längst wieder 100% gesund wäre!

    Dazu gibt’s auch schon diverse Bundesgerichtsurteile (das Bundesgericht stützt hier die IV…)

    Anmerkung: Wer zu 100% erwerbsunfähig ist, muss schon ein sehr schweres (bei psychischen Krankheiten oft langjähriges) Leiden vorweisen können – und das wird ja heutzutage kaum noch durch die behandelnden Ärzte beurteilt, sondern von sogenannt unabhängigen IV-Ärzten. Es ist komplett absurd bei Leuten, die schon viele Jahre krank sind und x Therapien gemacht haben, zu behaupten, nach einigen Wochen Therapie löse sich die 100% Erwerbsunfähigkeit (die die IV ja selbst anerkannt hat) sozusagen „in Luft auf“.

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