Bemerkungen zum gemeinsamen Sorgerecht

Wie die NZZ berichtet, fordert der Dachverband  der Schweizer Männer- und Väterorganisationen die sofortige Einführung des gemeinsamen elterlichen Sorgerechts. Auf den ersten Blick könnte man denken, dass eine Verschiebung des Automatismus vom Sorgerecht für die Mutter zum gemeinsamen Sorgerecht eine Selbstverständlichkeit sein dürfte. Dieser erste Blick täuscht aber aus mehreren Gründen:

  1. Nicht heiraten.
    Ein Vater, der das gemeinsame Sorgerecht für seine Kinder unabhängig von der Beziehungsform mit der Mutter übertragen bekommen möchte, sollte nicht heiraten. Für im Konkubinat lebende Eltern ist es problemlos möglich, das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen – und es dann unabhängig von ihrer Beziehung zu erhalten.
  2. Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt zu haben. (Antje Schrupp)
    Während die Mutter zwangsläufig ein Kind anerkennen muss und es zwangsläufig auch betreuen muss, kann sich ein Vater diesen Vorgängen entziehen. Letztlich läuft die pointierte Aussage von Antje Schrupp auf die Frage hinaus, wie man die Personen definiert, welche das gemeinsame Sorgerecht erhalten sollen:
    a) der biologische Vater
    b) der Ehemann der Mutter
    c) der Mann, der die Vaterrolle für die Kinder einnimmt
    d) eine Kombination von a) – c); z.B. der Ehemann der Mutter, wenn er eine Vaterrolle für das Kind einnimmt…
  3. Rechte und Pflichten.
    Das Sorgerecht sollte an eine Sorgepflicht gekoppelt sein. In der Schweiz arbeiten ca. 5% der Väter von Kindern unter 6 Jahren nicht Vollzeit; d.h. weniger als 5% der Väter von kleinen Kindern übernehmen einen direkten Anteil an der Sorgepflicht. Das Argument, dass die Väter mit ihrem erzielten Einkommen die Familie unterstützen, kann nicht als Basis für die Forderung nach einem automatischen Sorgerecht herangezogen werden: Sorgerecht bedeutet, konkrete Entscheidungen für das Wohl des Kindes zu fällen. Ein Vater, der Vollzeit arbeitet, kennt dieses Kind fast sicher weniger gut als eine Mutter, die nicht oder Teilzeit arbeitet – also sollte auch sie im Zweifelsfall entscheiden können. 

    Quelle und Copyright: NZZ Folio.

  4. Wie funktioniert ein gemeinsames Sorgerecht?
    Bei einer solchen Diskussion darf man nicht von einem imaginierten »Normalfall« ausgehen: Vater und Mutter trennen sich, können Gespräche führen, haben ähnliche Vorstellungen und leben in der gleichen Region. Dann dürfte auch ein nicht-automatischer Antrag auf gemeinsames Sorgerecht kein Problem sein. Vielmehr sollte für den Automatismus der Sonderfall herangezogen werden: Vater und Mutter sind heillos zerstritten, haben komplett andere Vorstellungen und leben an anderen Enden der Schweiz. Wie sollten sie nun ein Recht »gemeinsam« ausüben können? Wer schlichtet? Wäre es nicht einfacher, nur jemand hätte das Sorgerecht?

Das sind sicher nicht alle relevanten Argumente, aber eine Auswahl. Zum Schluss soll zunächst Antje Schrupp zitiert weden, dann ein Lösungsmodell vorgestellt werden:

Gehen die neuen Väterrechte eigentlich mit einer Pflicht einher? Also könnte zum Beispiel eine uneheliche Mutter dem Mann, der gegen ihren Willen das Sorgerecht über ihr Kind bekommen hat, dieses ins Haus bringen und sagen: Ich fahr jetzt drei Wochen weg, kümmer du dich? Wäre der Mann dann dazu verpflichtet, das Kind zu versorgen? […]

Männer sollten einmal darüber nachdenken, was genau sie sich eigentlich unter Vaterschaft vorstellen und was ihnen daran wichtig ist. Ist es die verantwortliche Sorge um Kinder, um die nächste Generation, das Weitergeben von Idealen und Werten? Oder ist es bloß die Sicherung des eigenen Genpools? Oder ist es am Ende sogar nur das prinzipielle Bestehen darauf, „Rechte“ zu haben? Das fände ich dann schon etwas dürftig.

Meiner Meinung nach sollte es unter der Voraussetzung, dass gewisse Bedingungen eingehalten sind (z.B. Unterhaltszahlungen ausgerichtet werden), einen Automatismus geben, der mit einer Befragung der Mutter der Eltern verbunden ist: Ist Sind sie einverstanden mit dem gemeinsamen Sorgerecht, wird es erteilt. Hat Haben sie Einwände dagegen, werden diese gerichtlich geprüft und allenfalls auf ein alleiniges Sorgerecht für die Mutter oder für den Vater entschieden.

14 thoughts on “Bemerkungen zum gemeinsamen Sorgerecht

  1. Pingback: Tweets that mention Bemerkungen zum gemeinsamen Sorgerecht « Ws Blog -- Topsy.com

  2. Sehr differenzierte Aussagen zu einer schwierigen Diskussion! Vielen Dank Philippe!
    PS: Ich habe Deine Blog via S. G. im FB gesehen – spannend kreuzen sich unsere Wege wieder nach all dieser Zeit!

  3. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bei solchen Diskussionen schlichtweg die Interessen des Kindes vergessen werden. Wenn zwei sich nach der Trennung einig sind und sich wie Erwachsene benehmen, dann sollen sie das gemeinsame Sorgerecht beantragen können. Sind sie sich aber nicht einig, dann graust mir vor der Vorstellung, dass diese Eltern ein gemeinsames Sorgerecht ausüben sollen. In sehr vielen Fällen dauert es sehr lange, bis die Scherben einer gescheiterten Beziehung aufgehoben und entsorgt sind. Bis es soweit ist (wenn es denn jemals soweit ist), tendieren die Verlassenen, Gehörnten, Betrogenen, Vernachlässigten, Unverstandenen und Beleidigten dazu, einander in schönster Opferkonkurrenz ihr Leid um die Ohren zu schlagen. Wie man sich unter solchen Umständen gemeinsam um ein Kind kümmern soll, ist mir schleierhaft. Es mag sicher Fälle geben, in denen einem Vater zu Unrecht das Sorgerecht (oder ein Anteil daran) verweigert wird. Und es trifft sicherlich zu, dass manche Kinder beim Vater besser aufgehoben wären als bei der Mutter. Ich finde, man sollte in Sorgerechtsfällen den gesunden Menschenverstand walten lassen und zum Wohle des Kindes entscheiden. Dem ist es nämlich grundsätzlich egal, wer das Sorgerecht hat, so lange seine Bedürfnisse erfüllt sind und es das tun darf, wozu es ein Recht hat, nämlich Kind sein – und nicht der Spielball zweier zutiefst Verletzter und Verlassener, die nicht erwachsen werden wollen. Müttern und Vätern, die sich getrennt haben, rate ich, mehr Energie in die Bewältigung ihrer kindlichen Ängste und Bedürfnisse zu stecken, anstatt sich um das Sorgerecht zu streiten. Dann ginge es nämlich allen besser.

    • Ich bin sehr einverstanden damit, dass die Meinung der Kinder oft vernachlässigt wird, resp. auf ihrem Rücken der emotionale Streit weitergeführt wird. 
      Was fehlt ist Elterntraining damit es ev. weniger zu Trennungen kommt.
      Als begeisterter (und manchmal auch überforderter) Vater sage ich allen Vätern: Arbeitet Teilzeit und lebt euer Vatersein aus – dann kann es euch auch nicht so einfach weggenommen werden! Und in unserer Gesellschaft würden einige lebensferne Entscheidungen weniger getroffen!

      Aber viele Männer sind halt ziemlich froh sich in die ausserhäusliche Arbeit zu flüchten mit der Ausrede sie würden schon gerne Teilzeit arbeiten aber es gehe leider nicht!

      Vater/Mutter werden ist nicht schwer, Vater/Mutter sein dagegen sehr! Aber es lohnt sich!

  4. „Während die Mutter zwangsläufig ein Kind anerkennen muss und es zwangsläufig auch betreuen muss, kann sich ein Vater diesen Vorgängen entziehen.“

    Wird die Biologie zur Grundlage für den Betreuungszwang seitens der Frau, so muss doch wenn immer möglich dies aufgrund des Prinzips der Gleichstellung auch für den Mann gelten? Hierdurch würde das heteronormative Begriffspaar Mutter/Vater längerfristig auch an Bedeutung verlieren, z.B. zugunsten dem ideologisch viel weniger belasteten Begriff Eltern bzw. Elternschaft.

    „Männer sollten einmal darüber nachdenken, was genau sie sich eigentlich unter Vaterschaft vorstellen und was ihnen daran wichtig ist. Ist es die verantwortliche Sorge um Kinder, um die nächste Generation, das Weitergeben von Idealen und Werten? Oder ist es bloß die Sicherung des eigenen Genpools? Oder ist es am Ende sogar nur das prinzipielle Bestehen darauf, „Rechte“ zu haben? Das fände ich dann schon etwas dürftig.“

    Auch dies stösst mir ungemein sauer auf, da es im Zusammenhang mit dem anderen zitierten Satz nun ganz deutlich eine Fakultativität bez. Elternschaft seitens Mann und einen Zwang seitens Frau impliziert. Wie könnte eine derart geschlechtsideologische Regelung jemals fair sein und angestrebt werden? Ich kann nicht einsehen weswegen man hier Kompromisse zugunsten vager Verweise auf eine „soziale Jetztrealität“ eingehen sollte oder dergleichen (was ich mir als mögliche Erwiederung vorstelle). Oder ist dies gar kein Kompromiss? Wenn nein, kannst du erläutern?

    Ich schätze gerade deine und Antje Schrupps Auseinandersetzungen mit diesem Thema sehr, stosse aber immer wieder auf genau jenen Standpunkt eurer Positionen, welcher sich in den obigen Zitaten prototypisch veräussert und welchen ich nicht teilen kann. Ich verstehe auch nicht, wie er mit dem, was ich als eure „generelle Position“ (lol) festzumachen glaube, zu vereinen ist, weswegen ich häufig zu verunsichert war, mich in die Diskussion einzuschalten.

    • Ich möchte natürlich nicht pauschal von ‚eurer Position‘ sprechen, verfolge nur tatsächlich gerade spezifisch deine und Antje Schrupps Auseinandersetzungen hierzu und sehe euch hierin übereinstimmen.

    • Ich bin nicht sicher, ob ich den Einwand richtig verstehe.
      a) Heteronormativität: Da bin ich einverstanden. Das ist ein Problem. Ich kann aber kaum was dazu sagen, wie man das lösen könnte: Außer man erteilt das Sorgerecht per default derjenigen Person, die sich am meisten ums Kind gekümmert hat.
      b) Biologie/Ideologie: Dass die Mutter das Kind auf die Welt bringt, ist eine biologische Tatsache, aber mir geht es um die sozialen Umstände. Die Mutter sollte im Zweifelsfall mehr Rechte genießen, weil sie sich im Normalfall sozial stärker mit der Mutterrolle auseinandersetzen muss. Das ist nicht ein Ideal (für mich).

      • Ja, a) und b) Einwand richtig gegliedert.

        a) z.B.? Es liessen sich diverse andere Parameter als Geschlecht finden, wenn die Diskussion einmal eröffnet wäre. Was aber mit Bezug auf Biologie/Ideologie verhindert wird. Heteronormativität als Problem anerkennen aber argumentativ heteronormativ verfahren?
        b) Es ist auch eine biologische Tatsache, dass das Kind auf der Welt ist, wenn es auf der Welt ist und nicht mehr im Körper der Mutter. Wie gestaltet sich denn der stärkere Zusammenhang zwischen Schwanger- und Elternschaft in Abgrenzung zum übergeordneten Zusammenhang Zeugungsbeteiligung und Elternschaft? Es kann sich ja nur um einem psychosozialen Unterschied handeln, welcher bestimmt nicht die Grundlage einer Regelung ausmachen soll.
        Dass die Mutter mehr Rechte geniessen soll, weil sie sich mit der Mutterrolle mehr auseinanderzusetzen hat, bestätigt jenes Element der Heteronormativität, welches überhaupt erst zum Problem, weswegen diese Diskussion geführt wird, geführt hat.
        – „eine biologische Tatsache, aber mir geht es um die sozialen Umstände“ Es besteht also eine „tatsächliche“ Relation zwischen biologischen und sozialen Umständen?

      • Ich kann noch einmal eingestehen: Ich sehe das Problem. Aber keine Lösung… 
        Zu a): Ich bin einverstanden und habe schon einen anderen Parameter angegeben: »sich ums Kind kümmern«. Dieses Kriterium ist von biologischer Elternschaft und oder Ehe völlig unabhängig und kann auch für homosexuelle oder anders organisierte Beziehungsformen angewendet werden.
        Welche weiteren Parameter würdest du hinzuziehen?
        Zu b): Zunächst einmal muss man sehen, dass ich mich um eine pragmatische Argumentation bemühe. Ich versuche in diesem Post nicht, die beste aller Welten zu charakterisieren, sondern kritisch zu reflektieren, was in der Schweiz möglich ist. Deshalb besteht ja das Problem darin, dass die Mutter das Kind auf die Welt bringt und es auch aus dem Krankenhaus mit nach Hause nehmen muss – die Möglichkeit, es gleich dort zu lassen, besteht nicht. — Ich denke aber, wir können gerne zu a) zurückkehren und auf dieser Basis weiterdiskutieren. Die Heternormativität ist die Konsequenz über die Diskussion über ein heteronormatives Rechtssystem in einer heteronormativen Gesellschaft. Um die Diskussion führen zu können, müssen wir eine Art normative Basis haben, weil man z.B. auch die Vorstellung eines Sorgerechts infrage stellen könnte, indem man argumentierte, auch Kinder sollten eigene Entscheidungen fällen können… 

      • Zu a)‘: Deinem Vorschlag wollte ich mit ‚z.B.?‘ Rechnung tragen. Ausformuliert hätte heissen sollen: „‚Außer man erteilt das Sorgerecht per default derjenigen Person, die sich am meisten ums Kind gekümmert hat.‘, (genau), z.B.?“. Wobei das Fragezeichen mein Unverständnis hinsichtlich der Geringschätzung (= Einleitung: „Ich sehe keine Lösung.“) dieses Vorschlages hätte ausdrücken sollen. Ohne Intonation aber tatsächlich völlig missverständlich ignorant.
        Weitere Parameter liessen sich aus Unterbegriffen von Kümmern entnehmen, welche aber tatsächlich völlig das Festlegen einer normativen Basis voraussetzen, auf was „Diskussion eröffnen“ anspielen sollte. Kümmern könnte mit ‚dem Kind etwas bieten‘ bspw. ökonomisch interpretiert werden, oder psychologisch mit ‚am meisten um das Sorgerecht bemühen‘. Den anderen, da nicht normativen Ansatz sehe ich ebenfalls im Kindswillen.
        Nachtrag zu b):
        ‚die Mutter das Kind auf die Welt bringt und es auch aus dem Krankenhaus mit nach Hause nehmen muss‘ – Das wusste ich so nicht (hence meine Zurückhaltung in der Diskussion). Nun zeigt sich mir die Pragmatik deiner Argumentation doch noch in überzeugendem Masse, zumal die Heteronormativität über diese Regelung („Mütter sollen als allererstes ihr Neugeborenes mal da lassen dürfen um Rechtsgleichheit zu erlangen!!!1111“) zu destabilisieren sich vermutlich umständlicher gestaltet als über andere Wege, folglich auf Kosten der jetzt Betroffenen in die Länge zieht.

  5. Darf ich ganz scheu anfragen ob es hier nur um eine theoretische Diskussion geht oder ob bei den Teilnehmenden eine Basis von (hoffentlich engagierter) Elternschaft besteht :-)

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