Die Empörung der Pendler und Pendlerinnen – ein Appell an die Vernunft

Es wäre wohl falsch zu sagen, die Absicht des Bundesrates, das Pendeln zu verteuren, sei auf Begeisterung gestoßen. Aber das ist wohl ein allgemeines Problem des vernünftigen Denkens: Es stößt selten auf Begeisterung.

Der Aufschrei der PendlerInnen hat ungefähr folgende Form: »Ich muss in A arbeiten, weil in A gibt es tolle Jobs mit guten Löhnen, und ich muss in B wohnen, weil dort gibt es tolle Wohnungen mit günstigen Mieten; also habe ich das Anrecht auf günstiges und schnelles Pendeln.«

Dabei werde die Kosten des Pendelns (und die Möglichkeiten) immer als veränderlich angenommen, insbesondere auch durch den Staat beeinflussbar, die Löhne, Mieten und Standorte von Wohnungen und Arbeitsplätzen hingegen nicht. Das ist ein Denkfehler: Alle diese Faktoren sind veränderbar und jede Veränderung hat eine Auswirkung auf das Gesamtsystem. Darauf komme ich am Schluss noch einmal zurück.

Zunächst aber ein Beispiel:
Angenommen, unser Pendler (1) wohnt in B und arbeitet in A. Gleichzeitig hat er eine Nachbarin (2), die auch in B wohnt, aber zu tieferen Löhnen in B arbeitet; und er hat eine Mitarbeiterin (3), die in A arbeitet und auch dort wohnt (und mehr für die Miete zahlt). Die Ausgangslage ist nun, dass (1), (2) und (3) Steuern zahlen, aus denen das Pendeln von (1) teilweise finanziert wird, (1) gleichzeitig aber seine Kosten für das Pendeln noch von den Steuern abziehen kann. (1) und (3) wohnen wohl auch hinsichtlich der Steuerbelastung günstig, während (2) die hohen Mieten und die hohen Steuern finanziert. Finanziell gesehen profitiert (1) erheblich vom Pendeln und wird sogar von (2) und (3) dabei subventioniert, obwohl die davon nichts haben.

Nun kann man natürlich Anreize schaffen.
a) Die Mieten in A senken, damit (1) auch nach A zieht. Das geht nur so lange, wie Wohnraum in A verfügbar ist – in der Schweiz also kaum mehr möglich.
b) Die Löhne in B anheben, damit (1) auch in B arbeitet.
c) Die Kosten des Pendelns stärker an (1) übertragen, damit sich sein Profit, den er aus dem Pendeln zieht, verringert.

c) ist eine vernünftige Lösung – weil sie letztlich auch Anreize für Unternehmen schafft, sich aus den Ballungsräumen zu entfernen. Es ist nicht gottgegeben, dass jede größere Firma in der Agglomeration Zürich Bürogebäude braucht.

Die Irrationalität des Aufschreis der PendlerInnen kann auch dadurch gezeigt werden, dass der Staat ihnen eine gefühlte Freiheit entzieht (nämlich günstig Pendeln zu können mit ausreichenden Kapazitäten); diese Freiheit erst durch den Staat überhaupt entstanden ist (er hat die Infrastruktur erst ermöglicht).

Letztlich reagieren die Menschen auf Anreize – und man kann verschiedene Faktoren verändern. Es ist niemandem zu verübeln, seinen eigenen Vorteil in einem gegebenen Setting zu optimieren – aber gleichzeitig kann man niemandem garantieren, dass das Setting über Jahrzehnte so bleibt.

4 thoughts on “Die Empörung der Pendler und Pendlerinnen – ein Appell an die Vernunft

  1. M. E. (siehst du, ich verwende das jetzt auch) funktionieren dein a), b) und c) nur für eine gehobene Mittelklasse. Denn die Voraussetzungen, die du dafür setzt, funktionieren so einfach nicht:

    1) Arbeitsplätze sind aktuell kein Faktor, den wir örtlich beeinflussen können. Also kann sich die grosse Mehrheit der Menschen – selbst, wenn sie es wollten – nicht einfach entscheiden, von jetzt an in Brugg statt in Zürich zu arbeiten.
    2) Günstiger Wohnraum ist nicht unmöglich, auch heute nicht. Das ist es nur, wenn man in Marktbegriffen denkt. Mit staatlichen Eingriffen wäre hier einiges (mehr) möglich. Dazu fehlt der politische Wille.
    3) Niemand pendelt absichtlich 30-60 Minuten pro Weg, nur, um damit finanziell besser zu fahren.
    4) Bahnsubventionierung nach wie vor als Hauptziel gelten muss, um den Umweltschutz-Gedanken weiter zu tragen.

    Ich stimme zu, dass unbeschränkte Mobilität kein absolutes Recht ist. Aber unter aktuellen Bedingungen ist sparen im öffentlichen Verkehr keine Lösung. Nicht zuletzt, wenn das Autofahren nicht massiv teurer wird (denn das wird es nicht – den Preis für die Autobahnvignette um 60.- zu erhöhen ist nicht das gleiche wie das GA 10-20% zu verteuern).

  2. Ich stimme mit dir überein: Das Verhältnis von öV und Privatverkehr habe ich nicht mit einbezogen, weil ich mich da nicht auskenne.
    Staatliche Eingriffe in den Wohnungsmarkt halte ich auch nicht für unmöglich – aber ich denke, dass die Verlagerung von Arbeitsplätzen als staatliche Massnahme sinnvoller wäre: Z.B. indem Steueranreize geschaffen werden, Bauland zur Verfügung gestellt wird etc. – oder die Zonenplänen in den Städten so geändert werden, dass keine Ballungen entstehen (ich verstehe davon aber recht wenig).
    Doch – ich denke in der Schweiz gibt es viele Menschen, die 30-60 Minuten pendeln, um finanziell besser dazustehen.

  3. Abgesehen davon, dass der amerikanische Teil von mir immer etwas schmunzeln muss, wenn sich Schweizer über „pendeln“ unterhalten, stimme ich Flo zu:
    Solange keine Arbeitsplätze woanders geschaffen worden sind, kann die Situation oft sein: Ich muss in A arbeiten, weil ich nur in A einen Job bekomme, und ich muss in B wohnen, weil ich mir nicht leisten kann, in A zu wohnen. Man kann der Meinung sein, die Steuern für den öffentlichen Verkehr seien dazu da, genau diese Situation zu subventionieren. Dann ist es nur noch ein Problem, die Anreize so zu gestalten, dass diejenige Pendler aussortiert werden, die nicht unbedingt darauf angewiesen sind. Darüber, ob 30-60 Minuten Pendel“horror“ dazu geeignet sind, lässt sich streiten. Mit einer Preiserhöhung im öffentlichen Verkehr bestraft man jedoch alle.

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