Willi Ritschard – »Arbeiter, Gewerkschafter, Sozialdemokrat, Bundesrat« 

Mein Großvater verschenkt schon seit einigen Jahren zu Weihnachten seine Bücher. Dieses Jahr habe ich einen Band aus der Edition Gutenberg zu Willi Ritschard bekommen, den ich zuerst schon weglegen wollte. Dann habe ich mich erinnert, wie mir mein Großvater (der Aktivdienst geleistet hat), als ich ein Knabe war, so begeistert von den Bundesräten, ihren Charakterzügen und auch von der Schweizergeschichte erzählt hat, dass eine Begeisterung für Politik und Geschichte entstanden ist, die sich zunächst einmal in eine glühende Begeisterung für den Widerstand gegen den EWR-Beitritt (und Christoph Blocher) gewandelt hat; erst Günter Wallraffs Ganz unten hat mich dann auf den richtigen Weg gebracht, das Buch, nicht der Film:

Zurück zu Ritschard: Der Band ist bemerkenswert. Zunächst einmal die Betonung der Arbeitermilieus und der sozialdemokratischen Tradition, der Ritschard verhaftet ist (im Band sind einige Bilder von 1. Mai-Umzügen enthalten). Peter Bichsel schreibt in diesem Band über seinen Solothurner Freund:

Wenn ich Leute in der Beiz höre, dann bekomme ich ab und zu den Eindruck, sie möchten nur noch Arbeiter im Bundesrat. Das wäre fatal, Arbeiter haben nicht mehr Qualitäten als Akademiker, nur andere und für das ganze Spektrum notwenige. […] Die Demokratie ist das System der Laien, nicht der Fachleute – der interessierten, vielseitig offenen Laien selbstverständlich, auch ein Akademiker kann vielseitig laienhaft sein […] Aber ich halte das zunehmende Vertrauen nur in Juristen und Volkswirtschafter als ein Misstrauensvotum der Demokratie gegenüber.

Dieser Fokus auf das »ganze Spektrum« scheint heute verloren gegangen zu sein – oder er wird versteckt. Das Eingeständnis, dass es auch andere braucht, als man selber eine(r) ist: Das könnte man in der Politik mal wieder hören.

Und auch die selbstverständliche Verbindung von Arbeiterschaft mit Sozialdemokratie in diesem Band wirkt heute antiquiert. Man fragt sich, ob heute die Menschen in der Beiz noch mit Peter Bichsel sprechen würden – und welche Menschen sie sich in den Bundesrat wünschen würden…

Von Ritschards politischen Botschaften übernehme ich einige Themen – fast alle Themen, die ihn beschäftigt habe, sind der Schweizer Politik erhalten geblieben, nur der Tonfall hat sich massiv verändert:

  1. »Der Bankier muss sich damit abfinden, dass auch er in einer Umwelt lebt und dass so eben das, was er tut und nicht tut, zur politischen Frage wird.«
  2. »Die Armee soll das Land verteidigen, nicht sich selber.«
  3. »Heimat ist da, wo man keine Angst haben muss.«
  4. »Nicht alles, was schrumpft, ist auch gesund.«
  5. »Starke Männer sind fast immer gefährlich.«
  6. »Wenn das Volk in der Demokratie nicht mehr mitmacht, übernehmen diese Volksherrschaft natürlich andere Leute. Irgend jemand muss ja regieren.«
  7. »Die Macht des anonymen Kapitals ist eine undemokratische Macht.«
  8. »Jeder Vater hat Kinder. Aber immer weniger Kinder haben einen Vater.«
  9. »Die Freiheit, die wir meinen, ist eine […] gemeinsam garantierte, eine solidarisch getragene Freiheit. Noch lange leben nicht alle Menschen auch in unserem Lande in einer menschlichen Welt.«
  10. »Unsicherheit entstammt immer dem Nicht-Wissen.«
  11. »Ich halte eine politische Auseinandersetzung innerhalb unserer Partei, der SP, für etwas Notwendiges. Generationenkonflikte und Flügelkämpfe sind nichts Negatives.«

Ritschards immer bodenständigen, aber stets reflektierten Reden halten sich am Miteinander fest – an einer Art Optimismus, dass die politische und gewerkschaftliche Arbeit Lösungen hervorbringen kann, welche allen Menschen nützen. PolitikerInnen, die heute seine Rolle einnehmen, also sich volksverbunden geben, einen Gegenpol gegen einen akademisierten politischen Diskurs bilden und ihre Impulse aus den Bedürfnissen der Arbeiterschaft entgegennehmen, kennen diesen Optimismus des Miteinander nicht, sondern arbeiten sich an konstruierten Feindbildern »der anderen« ab: Der »Faulen«, vom Staat Abhängigen, Fremden und Kranken. Und sie sprechen ein Publikum an, das bereit ist daran zu glauben, dass es selbst nie in die Rolle der »anderen« schlüpfen muss: Dass man nicht zu denen gehört, die einmal nicht mehr arbeiten können, die an einem Ort fremd sind, invalid werden.

Dieses Denken kannte Ritschard trotz allem Populismus offenbar nicht. Der Band dokumentiert darüber hinaus eine heute rare Fähigkeit: Sich Kritik zu stellen und auch Leute zu Wort kommen zu lassen, welche abweichende Haltungen haben oder unter die Oberfläche blicken und denken.

So ziert die Rückseite des Bandes ein Zitat von Dürrenmatt:

Wenn es auch für mich nie ein besonderes Problem war, Schweizer zu sein, so gab und gibt es doch Momente, wo ich ein sehr skeptischer Schweizer bin, ohne aber den Wunsch zu haben, keiner zu sein. […] [Das möchte] ich [Willi Ritschard] sagen, auch in einer Zeit, die mich von den Menschen wegtreibt, weil ich mich finden muss und noch nicht gefunden habe.

Und eine der Meinungen aus »dem Volk« lautet:

Willi Ritschard, Arbeiter, Gewerkschafter, Sozialdemokrat, Bundesrat; S. 72.

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