Kotzen, motzen, helfen – eine Reprise

Alice Gabathuler schreibt in einem Kommentar zu meinem JRZ-Post:

[…] wichtig ist doch, dass etwas getan wird. Während unsere Politiker fleissig Entwicklungshilfegelder sparen, tun viele Leute wenigstens was. Allen einfach nur „Marketing“ oder „sich gut fühlen zu wollen“ zu unterstellen, ist so was von billig. Natürlich geht es auch um PR. Aber wenn sie ihren (guten) Zweck erfüllt: Warum nicht. Federer und Nadal haben über 2 Millionen zusammengebracht. Geld, mit dem man Sinnvolles tun kann.

Kotzt ihr dann ruhig mal weiter. Ich freue mich darüber, dass irgendwo in einer Schule in Afrika ein Kind eine Ausbildung erhält, irgendwo in Asien ein Kind keine Kinderarbeit mehr machen muss.

Und in einem Tweet an mich heißt es:

http://twitter.com/AliceGabathuler/status/17580997134524416

Und das stimmt: Wenn man rein die Wirkung dieser Handlungen anschaut so haben JRZ und Federer vs. Nadal-X-Mas-Edition viel mehr Wirkung als kritische Blogposts, und die Notleidenden kümmert es letztlich nicht, auf welche Art und Weise das Geld gesammelt worden ist, mit dem ihr Leben verbessert wird.

Das aber war nicht meine Perspektive in meinem Post – aber ich will mich nicht wiederholen, sondern zwei Bemerkungen anfügen:

  1. Zum Kotzen finde ich nicht die SchülerInnen, welche für JRZ Kuchen verkaufen oder ihr Taschengeld spenden; und auch nicht die Tennisbegeisterten, welche viel für ein Ticket zahlen und wissen, dass das Geld einem guten Zweck dient. Zum Kotzen finde ich die Marketingmaschine der Swisscom, von Ringier, von SF, von DRS etc., eine Marketingmaschine, welche von Menschen getragen wird, die entweder nicht sehen oder nicht sehen wollen, dass diese Maschine nichts tut, von dem sie sich keinen Mehrwert verspricht. Sprich: Die armen Kinder in Asien und Afrika werden in ihrem Elend dazu benutzt, dass die Leute mehr telefonieren, ein neues Handy kaufen und mehr Medien konsumieren. Und das ist doch zum Kotzen, oder nicht?
  2. Ein Zitat von Adorno aus einem Gespräch mit Arnold Gehlen (vgl. dazu auch diesen Zeit-Essay):

    Ich habe eine Vorstellung von objektivem Glück und objektiver Verzweiflung, und ich würde sagen, daß die Menschen so lange, wie man sie entlastet und ihnen nicht die ganze Verantwortung und Selbstbestimmung zumutet, daß so lange auch ihr Glück in dieser Welt Schein ist.

    Die Menschen werden durch diese Aktionen entlastet – sie haben das Gefühl, es reiche, ein paar Franken zu spenden und Radio zu hören, oder aber sich gemütlich einen Tennismatch anzusehen. Dieses Helfen tut nicht weh und es erlaubt einem, die Augen vor der – auch in der Schweiz präsenten – Not zu verschließen. Dies hat auch »Sie kam und blieb« schon deutlich formuliert:

    Ist es tatsächlich euer Ernst, dass ihr euch solidarisch fühlt, indem ihr… […]

    …bei einer Ersteigerung von einem dekadentem Cüppli-Date mit Mister Schweiz zugunsten von hungernden Kindern mitmacht?
    …in der Mittagspause schnell beim Bundesplatz vorbeigeht und ein 20er-Nötli den Schlitz runterlässt (und die Gelegenheit grad noch rasch nutzt, um mit dem I-Phone die bärtigen Radiohelden und deren C-Klasse-Superstar-Interviewpartner zu fötelen) und dabei die Obdachlosen, an denen ihr vorbeigeeilt seid, wie immer ignoriert (ist ja schon chli unangenehm, Menschen, denen es elend geht, direkt gegenüber zu stehen, dann lieber ein 20er-Nötli für die armen Kinderlein weit weg, deren traurigen Blick ich wegklicken kann, wenn ich grad keine Lust hab)?

19 thoughts on “Kotzen, motzen, helfen – eine Reprise

  1. Ich finde man muss den Spendenzweck kritisch hinterfragen. Die Aussage „wenigstens wird etwas Gutes getan“ würde ich so nicht unterschreiben. Irgendwo hat man sich an das Geld aus dem Westen gewöhnt. Statt einen Weg aus der Misere zu suchen wird einfach weitergelebt, mit den Spendengeldern. Eine Integration der Spendengüter ins Leben der Spendenbezüger findet also einen zentralen, und wohl teilweise nicht mehr wegdenkbaren Weg ins Leben ebendieser.

    Die ganze Armut in Afrika ist einfach viel zu kompliziert und verstrickt als dass man das Problem einfach mit Geld lösen könnte. Solange der Papst das Kondom verurteilt, örtliche Bandenbosse Hilfslieferungen klauen und dazu einfach Geld runtergeschickt wird, wird sich nichts verbessern.

  2. Was mich an dieser Haltung stört: Du wirfst Menschen etwas vor, ohne sie zu kennen. Du masst dir an, Gefühle oder eben Nichtgefühle in sie hineinzuinterpretieren. Damit stellst du dich über diese „gedankenlose Menschenmasse.“ Ich weiss, das ist überspitzt formuliert und ich bin sicher, dass du viel mehr Zwischentöne siehst, als es dieses Blogeintrag suggeriert.

    Ich frage dich trotzdem: Woher weisst du, woher weiss die zitierte „sie kam und blieb“, ob ich, meine Familie, meine Freunde, meine Bekannten das Hirn und das Herz abstellen, nur weil wir spenden und, ob wir uns auf dem guten Gewissen und guten Gefühl ausruhen? Woher weisst du, ob wir am Obdachlosen vorbeigehen, ob wir die jugendlichen Aussenseiter am Bahnhof schief anschauen, ob wir dem etwas zerzausten „Häschmr en Schtutz“ Typen ein paar Worte wechseln und ihm dann auch mehr als einen Schtutz in die Hand drücken? Woher weisst du, was in uns vorgeht, wenn wir den bärtigen C Prominenten fotografieren (was übrigens keiner von uns täte) und dann die 20-Note einwerfen?

    Es ist diese Haltung, dieses Unterstellen von (Nicht)beweggründen, dass mich an deinem Eintrag stört.

    Die ganze Marketingmaschinerie ist auch nicht mein Ding. Trotzdem. Es ist niemand gezwungen, darauf hereinzufallen. Es ist niemand gezwungen, mitzumachen. Es ist nicht verboten, (selber) zu denken. Und ich wage jetzt einmal zu sagen, dass sehr viele Leute sehr wohl etwas denken (auch wenn man manchmal den Eindruck hat, das täten sie nicht).

    Um zurück zum Kotzen zu kommen: Vielleicht unterschätzt du die Menschen. Die meisten von ihnen durchschauen die Marketingstrategien. Und spenden trotzdem. Nicht, um in erster Linie zu profitieren, auch nicht, um sich gut zu fühlen, sondern weil sie helfen wollen.
    Und du übersiehst vielleicht, dass solche Medienkampagnen die Leute auch zum Spenden motivieren können. Am Dienstag stolperte ich per Zufall in den Kassensturz und da erzählte eine Frau von der ZEWO, dass Aktionen wie „Jeder Rappen zählt“ bei Kindern, Jugendlichen und jüngere Erwachsenen einen Nerv getroffen haben, sie zum Nachdenken gebracht haben. Das finde ich schon sehr viel.

    Ich selber habe um „jeder Rappen zählt“ einen weiten Bogen gemacht. Kein Radio, kein TV, nichts. Aber beim lokalen Bäcker, der den Erlös seiner Weihnachtsguetzliverkäufe gespendet hat, habe ich eine ziemliche Ladung Mailänderli gekauft. Erstens, weil sie mit ihren aufgemalten Gesichtern toll aussahen, zweitens, weil ich den Bäcker in seiner Hilfsbereitschaft unterstützen wollte (weil der auch anderswo hilft, zum Beispiel ganz konkret lokal), drittens weil die Dinger schmecken und viertens weil ich trotz Mediengetöse einen Beitrag leisten wollte. Mir ging also beim Kauf ziemlich viel durch den Kopf und auch im Herzen spielte sich einiges ab. Das einzige Gefühl, das mir fehlte war das Gutfühlen für meine gute Tat.

    Zur gleichen Zeit, als „jeder Rappen zählt“ lief, rannten mein Patenkind und mein Neffe Runden in einem Sponsorenlauf und sammelten Geld für ein Kinderheim in Haiti, das die Schwester einer Frau aus ihrem Heimatort führt. Gestern hat das Patenkind telefoniert und mir meine zu bezahlende Summe genannt. Ich wollte wissen, wie viel denn in der ganzen Schule zusammengekommen ist. Es sind etwas mehr als 8000 Franken, wie mir mein Patenkind stolz erzählte. Es redete nicht von Gutfühlen, sondern davon, was die Frau mit dem Geld alles tun kann.

    Im übrigen sollte jeder so spenden können, wie er will. Still und leise oder im Strudel einer Aktion.

    • Ich glaube nicht, dass ich in diesen Beiträgen eine moralische Überlegenheit gegenüber denjenigen Menschen ausdrücken wollte, die spenden, weil sie helfen wollen. Ich ärgere mich immer sehr über das Marketing, dass ich von den Hilfswerken, die ich regelmäßig unterstütze, erhalte – sehe aber gleichzeitig ein, dass es Marketing braucht, um Geld einzunehmen. Und ich bin auch nicht Vertreter der Meinung, dass man nicht helfen sollte, weil man ja eh nicht weiß, ob das Helfen etwas nützt.
      Mich stören die TrittbrettfahrerInnen (vor allem die Firmen) und die Feiernden, die sich im Rahmen von Spendenaktionen profilieren und in Szene setzen, und zwar um selber von dieser Aktion zu profitieren – mit der eigentlich geholfen werden sollte. Weil damit der Eindruck entsteht, spenden könne man wie zum Coiffeur gehen: Damit man selber etwas davon hat. Spenden ist aber eine Pflicht. Und diese Megaaktionen (nicht die vom Bäcker, nicht der Sponsorenlauf, sondern JRZ und Roger Federer) lenken davon eher ab, als darauf hinzuweisen. Roger Federer hätte meine Bewunderung, wenn er in einem Interview beiläufig erwähnte, dass die Hälfte seines Vermögens an seine Stiftung gegangen sei. Wenn er aber nach Zürich kommt, sich feiern lässt und ein paar Stunden Tennis spielt und so all seinen Medienpartner und Sponsoren Glanzauftritte verschafft: Dann lässt mich das zumindest einmal kalt.

      • Wieso hat Roger Federer deine Bewunderung nur, wenn er kundtut, dass er die Hälfte seines Vermögens in diese Stiftung legt? Ich finde, er tut schon sehr viel. Für mich muss es nicht die Hälfte sein.

        Ich gucke nie Tennis am Fernsehen, aber gestern habe ich eine Weile Federer und Nadal beim Spielen in Madrid zugeguckt. Da war so viel Spielfreude, so viel Freude generell. Ich glaube nicht, dass Federer nach Zürich kommt, um sich „feiern zu lassen“ (das hat er schlicht und einfach nicht nötig), sondern um etwas zu bewegen. Und ich denke, das ist ihm gelungen.

        Natürlich gibt es Trittbrettfahrer – aber da zähle ich darauf, dass die durchschaut werden (es gibt ja auch so was wie den Overkill und das bewusste Meiden von Anbietern, die allzu lästig-doof auftreten).

    • Mikrokredite können etwas bewirken, allerdings ist daraus ein (zu) grosses Geschäft geworden. Enorme Summen wurden von institutionellen Anlegern in derartige Vehikel verschoben. Dieses Geld muss verliehen werden, in der Regel zu Zinssätzen, welche die hiesige Wuchergrenze um das Doppelte überschreiten. Resultat: das Interesse, Kredite zurlckbezahlt zu erhalten nimmt massiv ab, die durch die Kredite ermöglichten Profite landen vorwiegend bei den Banken.

  3. Philippe Wampfler > «Wenn man die Wirkung dieser Handlungen anschaut, so haben JRZ und Federer vs. Nadal-X-Mas-Edition viel mehr Wirkung als kritische Blogposts»: Einspruch. Das stimmt nicht. Eben nicht! Lass dich nicht weichklopfen von einer harmoniesüchtigen Jugendbuchautorin, die immer wieder angerannt kommt und dir weismachen will, dass man das und dies nicht zum Kotzen finden dürfe und dass man immer nett sein müsse. Die Qualität deiner ursprünglichen Überlegung war eben, dass Du erkannt hast: Alle Almosen ändern nichts am Zusammenhang von Ausbeutung in der Dritten Welt und dem Sich-Den-Bauch-Vollschlagen bei uns. Mit den Almosen beruhigen die weisse Socken tragenden Einfamilienhausbesitzer, die es sich irgendwo im Grünen bequem machen, nur ihr Gewissen, und währenddessen sterben die Leute gleichwohl in Asien, Afrika und Südamerika.

    Natürlich werden die Federer-Fans dein Blogpost nicht lesen. Aber das entbindet uns nicht von der Pflicht, einen Zacken weiter zu denken. Also Philippe Wampfler: Weitermachen so – lass dich nicht unterkriegen von der harmoniesüchtigen Jugendbuchautorin! Die Welt ändert sich nur, wenn die Ausbeutung abgeschafft wird. Nicht mit verdammten Almosen von Weisse-Socken-tragenden Tennis-Liebhabern.

  4. ….. ein gedanke, den man auch noch mit einbringen sollte, ist, dass die leute, denen es vordergründig gut geht, verlernt haben hinter die „fassaden“ anderer zu sehen und die not dort zu erkennen, sprich man ist abgestumpft, zum teil vielleicht auch durch das „überangebot“ von freizeitaktivitäten und der vielleicht übermässigen arbeit, dazu kommen dann noch all die anderen einflüsse von werbebotschaften und vielem weiteren knallig-grellen, überlauten tönen dieser welt…..
    ….. der mensch hat schlicht kaum mehr die möglichkeit die „not“ zu sehen, sei es in seiner nachbarschaft oder eben halt in afrika, asien oder anderswo…..
    ….. darum sind hilfswerke leider auch darauf angewiesen ihre anliegen möglichst plakativ zu vermarkten, um ihrem sinn und zweck überhaupt die nötigen mittel zu verschaffen…..

  5. Das Ganze ist eben nicht so harmlos. Wenn wir auf das Resultat von spektakulären Spendenaktionen schauen – nebst der entlastenden und unterhaltenden Wirkung auf uns selber – , ist das oft nicht, dass ‚ein Kind irgendwo in Afrika keinen Hunger mehr leidet‘, sondern sehr viel Schaden und Unsinn damit angerichtet wird. Ich spreche nicht von Federer, der seit Jahren und kontinuierlich im grossen Stil Sportprojekte fördert zB. in townships in Südafrika, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen – bis jetzt. Ich spreche von vielen gutgemeinten nicht durchdachten Projektlis und Projekten, die jedesmal die Abhängigkeit unterstreichen, in der die Empfänger der Wohltaten stehen. – Pflästerlipolitik wie immer. Ich schlage vor, das Geld von JRZ für eine effiziente Kampagne einzusetzten, die zum Ziel hat, Waffenlieferungen nach allen afrikanischen Ländern zu unterbinden. Zumindest dafür ein Bewusstsein zu schaffen und klarzumachen: Solange die Welt Diktaturen und ‚failed states‘ mit Waffen beliefert und Bürgerkriege alimentiert, helfen alle schönen Wasser- und Schulprojekte nichts. Solange skrupellos der Zugang und die Lizenzen zur Ausbeutung von Rohstoffen verpokert werden, helfen alle netten Ökoprojekte nicht. Soviel zu Weihnachten – Merry Christmas.

  6. @britta: Das wäre dann Politik. Plus ein gesellschaftliches Bewusstsein. Dieses gesellschaftliche Bewusstsein ist jetzt schon bei sehr vielen Menschen (nicht zuletzt vielen Jugendlichen, die daran fast verzweifeln) vorhanden. Nur nützt das ganze gesellschaftliche Bewusstsein NICHTS, wenn Politik und Wirtschaft ureigene Interessen vertreten.

    Kommt dazu: Leider ermöglicht mein Bewusstsein für Zusammenhänge und Zustände keinem einzigen Kind in Afrika den Schulbesuch. Leider ermöglicht mein Bewusstsein und mein Ärger über die Dinge, wie sie sind, keinem einzigen Kind medizinische Versorgung. usw. Leider sind meine Spendenbeträge nur ein Tropfen auf den heissen Stein (ein Federer kann da schon mehr bewirken). Es kann noch Jahrzehnte oder länger(oder gar eine Ewigkeit) dauern, bis sich in den Köpfen von Staatschefs und Wirtschaftsführern etwas ändert. Bis dahin bin ich froh um Spendenaktionen – auch wenn sie nicht viel mehr als Pflästerlicharakter haben. Nicht zuletzt in der Hoffung, dass gerade solch grossen Spendenaktionen auch den Blick auf die Zustände in diesen Ländern richten.

    @Kopfchaos: Ich weiss nicht, ob es ein Verlernen ist oder nicht eher ein Verdrängen. Weil es schon schwer genug ist, mit der eigenen Situation zurechtzukommen. Und weil uns Leute in der Not eine Art Spiegel vorhalten, ein So-könnte-es-dir-auch-mal-gehen. Das kann Angst machen. Also sieht man lieber weg.

    Was mir Hoffung macht: Ich habe kürzlich irgendwo gelesen, dass die Schweiz ganz weit vorne (zuvorderst?) ist bei der Spendenhöhe pro Person und Jahr. Für mich ist das ein Anfang.

  7. Ich stehe – wie auch der Blogautor Philippe – dem ganzen ein wenig skeptisch gegenüber und finde es doch zum Teil auch heuchlerisch:
    2009 war ja die Abstimmung bzgl. Waffenausführverbot, das wurde knallhart abgelehnt. Denken wir das mal weiter: Wir liefern Waffen in Länder, in denen auch Kinder von Konflikten betroffen sind. Und wir finanzieren dann da unten die Hilfe… Spätestens da muss man sich fragen…
    Oder sehen wir uns mal die ausländerfeindlichen Abstimmungen und Parolen à la SVP an… Das finde ich dann irgendwie schon sehr bizarr…
    Was mich daran ebenfalls stört ist, dass sowas mit MEINEN Gebührengeldern bezahlt wird. Als ob DRS 3 im Niveau in den letzten Jahren nicht schon genug gelitten hätte, will man dann vor Weihnachten so quasi als Wohltätigkeitsinstitution auftreten, gibt Konzernen eine Plattform, die ansonsten knallhart im Business auftreten (siehe Patente, etc.). Ich denke schon, dass sich viele Leute dadurch einlullen lassen.
    Das gleiche gilt übrigens bei Federer – dem man komischerweise im Gegensatz zu Managern – seine horrenden Preissummen von Herzen gönnt (diejenigen, die zuhinterst in der Weltrangliste stehen oder zumindest nicht in den Top 10 verdienen ja fast gar nix…)…
    Ich will niemandem verbieten, etwas zu spenden. Aber solche Aktionen sind – auch für bestehende Organisationen – nicht wirklich förderlich. Und SF und DRS haben natürlich eine ungeheure Macht – und kaum sagt jemand mal was dagegen, hat er die A******-Karte gezogen.

    • @Abhijit: Na ja, wir Menschen haben schon immer etwas wirr gedacht – und irrational gehandelt :-)

      Mit meinen Gebührengeldern werden ebenfalls sinnlose Shows finanizert, wird grässliche Musik gespielt. Und vor allem plappern die am Radio einen derartigen Stuss zusammen, dass ich schon längst nicht mehr zuhöre. Ich trag’s mit Fassung und auch ein wenig Fassungslosigkeit.

      Zu Federer: Im Gegensatz zu Managern, die nicht ihr eigenes Kapital einsetzen, sondern das einer Firma, die sie kalten Arsches verlassen, wenn eine andere ihnen ein höheres Gehalt bietet, arbeitet Federer für und mit seinem eigenen Geld. Das ist für mich schon noch ein Unterschied. Wobei auch ich die Preisgelder (und Werbeeinahmen) für die Superstars jenseits von Gut und Böse finde.

      Zur A*****karte: In der Schweiz darfst du immer noch laut und deutlich sagen, was du von SF und DRS hältst. Okay, wenn du Musiker(in) oder Autor(in) bist, mag das nicht unbedingt weise sein, aber du darfst und kannst. Ich zum Beispiel habe so oft über die Cumulus und Supercard gelästert, dass du mich bestimmt nie in der Coop- oder der Migroszeitung sehen wirst …

      • Wie langweilig wäre die Welt, wenn alles rational wäre ;-)

        Ich finde es einfach bedenklich, wenn solche Aktionen von Gebührengeldern finanziert werden. Etwas anderes wäre es – und das fände ich dann wirklich toll – wenn diese Moderatoren, etc. freiwillig auf Lohn verzichten würden oder aber ihre Ferien einsetzen würden… Denn, vergessen wir mal nicht, auch für DRS und SF is das Werbung. Und was für welche…

        Naja, ich denke mal, unter diesen ganzen arschkalt reagierenden Managern gibts auch andere… Wie überall… Aber ein Federer ist in meinen Augen auch überbezahlt – trifft allerdings auf viele Sportarten zu (aber bei ihm sagt niemand was). Wobei es ja mit Managern ja auch so is, wenn die ihre Quote nicht erfüllen und für die Aktionäre Geld scheffeln, können die zusammenpacken (okay, manchmal mit nem Fallschirm) – is aber im Sport auch so…

        Also ich hoffe schon nicht, dass DRS oder SF dich abstrafen würden, wenn du was gegen sie sagst. Ich meinte damit eigentlich auch nicht die beiden. Aber ich hatte ein wenig den Eindruck, dass man hier sehr schräg angeguckt wird, wenn man diese Aktion nicht unterstützen wollte bzw. hat.

  8. @Abhijit: Ich gucke nicht „schräg“ :-). Ich verstehe auch, dass man bei diesen Aktionen nicht mitmachen will. Ich habe einfach ein paar Argumente hinterfragt. So wie Philipp ein paar hinterfragt hat. Genau das ist ja das spannende in einem Kommentarthread.

    Zu den ModeratorInnen: Vergessen wir nicht, dass die schlussendlich einfach ihre Arbeit machen. Genauso wie der Typ, der in der Bahnhofstrasse für Greenpeace, den WWF oder das Rote Kreuz sammelt (war kürzlich im Kassensturz: Die verdienen bis zu 4000 im Monat). Man kann das gut oder schlecht finden. Tatsache ist, dass es im Moment so läuft – und scheinbar funktioniert.

    Wer es gratis macht: SchülerInnen, die von den Hilfswerken eingesetzt werden. Jedes Jahr ziehen ganze Klassen los, klingeln an Haustüren, drehen unermüdlich ihre Runden und verkaufen fast nichts mehr. Ich kenne das von meinen Kindern. Was habe ich mich genervt, wenn die wieder zwangsverpflichtet wurden. Für Pro Juventute, ganz generell „für die armen Kinder der dritten Welt“, für „arme Leute in der Schweiz“. Da standen sie dann vor verschlossenen Haustüren, weil niemand zuhause war, verbrachten ihre freien Nachmittage mit frustrierendem Abklappern von Wohnzonen und am Ende schauten ein paar Hundert Franken heraus. Meiner Meinung nach ist das totaler Missbrauch und Ausbeutung von Kindern. Und ich bin heute so hart, dass ich alle, die bei mir klingeln, wegschicke. So leid sie mir auch tun (genau darauf zählen die Hilfswerke: auf den Jööö-Effekt und darauf, dass man Kindern nichts abschlagen kann). Denn ich will, dass das aufhört oder mindestens dass nur Kinder auf diese Art auf Tour geschickt werden, die es FREIWILLIG tun.

    • @Alice:

      Hm, da hatte ich in meiner Jugend wohl noch „Glück“. Bei uns war/ist sowas immer auf freiwilliger Basis – was nicht auf freiwilliger Basis ist/war ist das Drei-Königs-Singen (…) :)

      Ich hab da früher auch mal mitgemacht und hatte Glück und konnte alle Briefmarken verkaufen. Gab sogar was Trinkgeld ;-)

      Missbrauch und Ausbeutung würde ich das nicht nennen – nicht, weil es nicht in die Richtung geht – sondern nur weil die Worte doch sehr hart gewählt sind. Kann deine Einstellung aber natürlich auch nachvollziehen.

      Bzgl. Moderatoren: Klar werden auch von WWF, Greenpeace und Co. Studenten für solche Jobs herangezogen. Wäre ja alles sonst auch gar nicht möglich. Nur sehe ich da eben doch noch einen kleinen Unterschied. Ein Moderator kann sich dort profilieren – vor einem millionengrossen Publikum. (Den Studenten, der einem eine Spende abgeschwatzt hat, vergisst man da schon eher wieder)…

      Und so wie sie sich da verkaufen, die Moderatoren :), könnte man eben ja wirklich meinen – es sei mehr als nur ein Job (ist halt eben wahrscheinlich oftmals viel Show…)

  9. Schöne Diskussion. (Minus das An-den-Karren-Fahren.) Hat zuweilen so etwas polarisiert Dialektisches: „Jeder gespendete Franken ist gut“ oder „jede PR-Kampagne für gute Zwecke ist böse“? Oder etwas dazwischen, oder etwas darüber hinaus, oder irgendwie beides je nach Kontext?

    Ich weiss nicht, was ich denken soll. Bei vielem, was ich gelesen habe in der Diskussion, dachte ich, „das stimmt“. – Das ist jetzt kein Plädoyer für halbfaule Kompromisse oder für eine Synthese, in der sich alle Widersprüche auslösen. Einmal haben die Reformerinnen recht, einmal die Grundsatzkritiker.

    Besser kann es nur werden, wenn wir dieses komplexe Zeug um uns herum zu verstehen suchen: Die Leidenden, unsere Gefühle, die Anreize, das Verdrängen, die Geldströme, Politik, Wirtschaft und Zusammenhänge, das gute Leben für uns und alle anderen. Und auch wenn’s nicht besser wird, haben wir’s dann wenigstens versucht.

    Deshalb: Weiterhin jedes bisschen Wahrheit herausfiltern, Tendenzen beobachten, Verallgemeinern für die These. Das Spannungsfeld des Spezifischen und des Absoluten beackern und versuchen, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen.

    In diesem Sinne: e guets Neus! :)

    • Ich kann nur zustimmen. Manchmal kann es hilfreich sein, zu sagen, man wisse nicht, was man denken solle. Manchmal kann man einfach mal losdenken und improvisieren. So lange man denkt oder es versucht: Großartig.

  10. Pingback: Gehören «Madame Etoile und «Jeder Rappen zählt zum Service Public? « «kritikasterblog

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