Kopieren lassen oder nicht – eine Geschichte aus meiner Schulzeit

Normalerweise geize ich eher mit Anekdoten aus meinem Leben. In einer Diskussion mit Bobby California über das langlebige Thema des Urheberrechts und des geistigen Eigentums habe ich einen Sachverhalt aus meiner Schulzeit notiert, den ich hier ohne großen Kommentar publiziere – über Einschätzungen in den Kommentaren würde ich mich sehr freuen.

Viele Schülerinnen und Schüler haben in den meisten Unterrichtsstunden keine sauberen Notizen gemacht – und sich darauf verlassen, sich diese Notizen vor der Prüfung von jemand anderem kopieren zu können. Zunächst gab es kein Problem dabei. Mit der Zeit stellte sich aber heraus, dass die Notizen einer Schülerin besonders sorgfältig waren – und so wollten alle die Notizen dieser Schülerin kopieren. Nun fühlte sie sich aber ausgenutzt (obwohl ihre Noten beständig gut waren) und weigerte sich, das Heft herzugeben.
Man könnte nun die Position der Schülerin nachvollziehbar finden – es war ihr Heft und ihre Notizen. Aber wurde sie wirklich ausgenutzt? Hatte sie einen Schaden dadurch, dass alle ihre Notizen benutzt haben? Oder weigerte sie sich nicht nur, anderen zu helfen, die diese Hilfe nötig hatten?
Tatsächlich gab sie das Heft ihren FreundInnen weiterhin. Und diese ließen wiederum ihre FreundInnen Kopien von ihren Kopien anfertigen. Und so hatten letztlich wiederum alle eine Kopie des Hefts der Schülerin.

13 thoughts on “Kopieren lassen oder nicht – eine Geschichte aus meiner Schulzeit

  1. Interessante Analogie. Allerdings: sollte der Einfluss ihrer Notizen erheblich für den Klassenschnitt sein, so könnte sie sich tatsächlich selbst Schaden zugefügt haben, weil die Lehrperson vermutlich zu einer strengeren Benotung greifen würde. Hätte sie bei gleicher Leistung ihr Heft für sich behalten, wäre der weniger strenge Massstab angewendet worden und ihre Note somit besser ausgefallen.
    Der Punkt aber ist: was nur anderen einen Vorteil verschafft, wird oft als Nachteil für einen selbst gesehen. Ich vermute das Kontrast-Prinzip (siehe z.B. Robert Cialdini) dahinter, jedenfalls muss es sich um was Allzumenschliches handeln.

  2. wurde sie ausgenutzt oder nicht…ich würde sagen ja! Sie hat zwar nicht arbeit FÜR andere geleistet, aber ihre Arbeit wurde von Personen genutzt die die Person vielleicht gar nicht geschätzt haben. Eventuell hat man sogar gegen Sie gespottet (haha so geil..mr schribet voll ab und händ sälber nüt gleischtet). Eine Dankbarkeit hat also wohl in den seltensten Fällen stattgefunden. Viele SchülerInnen haben ausserdem wohl schon während dem Unterricht gewusst dass sie Notizen vom genannten Informanten abrscheiben können und haben somit aufs Notizen machen verzichten.
    Selber auf Leistung verzichten, und diese von Fremden, eventuell „verhassten“ Personen beziehen. Ich würde sagen das ist Ausnutzen.

  3. Wenn ein Werk ganz klar auch ohne ein Urheberrechtssystem erschaffen worden wäre (z.B. für die Eigennutzung, oder aus purer Freude), dann machen Eigentumsrechte keinen Sinn. Sie erschweren nur die Verbreitung und Nutzung. Allerdings besteht vielleicht ein gesellschaftliches Bedürfnis, diesem Gefühl des „ausgenutzt werden“ rechtlich entgegenzukommen. Viele haben im Bereich der kreativen Werke sehr starke Fairnesspräferenzen, auch als Aussenstehende. IMO könnte man dieses Problem aber weitgehend lösen, indem man die Eigentumsrechte mit einem einfachen Attributionsrecht ersetzt. Solange ich den Urheber zitiere und ihm damit Anerkennung gebe, kann ich das Werk nutzen.

  4. Kate > «Solange ich den Urheber zitiere und ihm damit Anerkennung gebe, kann ich das Werk nutzen»: Was für ein grotesker Quatsch. Als Urheber kann ich meine Wohnungsmiete nicht zahlen mit «Anerkennung».

    Philippe > Zu Deiner Schülerin habe ich mich in meinem eigenen Blog geäussert.

  5. Bobby – bezieht sich nur auf den Fall, dass ein Werk, wie gesagt, ganz klar auch ohne ein Urheberrechtssystem erschaffen worden wäre. Wer für Geld erschafft, wird es ohne diesen Anreiz nicht tun. Was da die Kosten/Nutzen Abwägung mit den gesellschaftlichen Auswirkungen ist, ist eine andere Diskussion.

  6. Ich gehöre wohl zu dieser Sorte von Menschen, die sich sorgfältig Notizen machen und diese dann seinen Kameraden freundlicherweise ausleihen. Ein Nein war bis jetzt noch nie die Antwort, aber eben ein Ja „unter Vorbehalt“, sprich: Ich liess den ewigen Kopierer spüren, dass er im persönlichen Missverhältnis zu seiner Leistung stehe und dass er nicht immer im Leben von der Selbstdisziplin anderer profitieren könnte.
    Das Resultat hat mich aber dann recht enttäuscht: Um keine Moralpredigt zu erhalten, fragte man mich weniger oft an wegen meiner Notizen sondern verlangte diese bei den „unkomplizierten“ Kameraden. Es war ein seltsames Gefühl von Apathie und Ausgenütztheit.

    Ich denke nicht, dass man in diesem Beispiel von geistigem Eigentum sprechen kann. Immerhin handelt es sich hier ja nicht um irgendeine Erfindung, etwas Künstlerisches, eine neue Formel, etc., sondern einfach um ein Produkt der Selbstdisziplin. Dennoch hat dieses ewige Kopieren einen negativen Einfluss auf die Verselbstständigung des anderen.

  7. Ich denke schon, dass es ein paar Haken in diesem Vergleich gibt.
    Wenn man jemandem seine Notizen zum kopieren gibt, dann sind diese erstmal verborgt und man muss zusehen, dass man sie (vermutlich zerknittert) wieder bekommt.
    Wenn dann erst die ganze Klasse ankommt, dann artet das Verleihmanagement in Arbeit aus.
    Würde die Schülerin ihre Aufzeichnungen digital machen, und die Klasse hätte Zugang zu dem Ordner, wo die Sachen gespeichert sind, wäre das etwas anderes…ich glaube, dann würde sich die Schülerin auch evtl. anders verhalten.

    Im Übrigen ist das (foto)kopieren von fremden Aufzeichnungen auf der Wirksamkeitsskala der Lernforschung sicher sehr weit unten anzusiedeln. Aber wie hiess es in der Uni so schön:
    „Gut kopiert ist halb studiert.“

    Frohe Weihnachten!

  8. Das Problem hat doch hier weniger mit Urheberrechten als mit ökonomischem Verständnis zu tun: Die Schülerin hat keinen Verlust wenn Sie andere abschreiben lässt, sie hat (im Gegensatz zu den Abschreibenden) lediglich keinen Gewinn . Damit die Schülerin das Abschreiben lassen in Ordnung findet, müsste es sich um eine Win-Win-Situation handeln.

    • Die TelefonApp kann dir bei jedem Telefon abst rzen, das ist nichts neues. Soweit ich das veertshe sollten aber andere Programme sich nicht gegeseitig beeinflussen. Wenn eins abrotzt, ist das schlimmste was passiert, ist das der speicher irgendwie kaputt liegen bleibt, aber da das ganze JAVA- hlich gestrickt ist sollte der GarbageCollector dann aufr umen Aber im Grunde sind deine ngste unbegr ndet, dein altes Siemens hat theoretisch die gleichen Schwachpunkte, glaube ich

  9. Die besagte Schülerin hat „Arbeit“ in ihre Notizen gesteckt. (Genau so wie Künstler, Journalisten u.s.w. Zeit und Arbeitskraft in ihre „Werke“ stecken.)

    Sie hatte also einen „Aufwand“, die anderen nicht. Warum also sollen die anderen profitieren dürfen, die nicht bereit waren, diesen Aufwand zu betreiben? Sie hätte ihre Notizen ja kollektiv der Klasse verkaufen können…

    Mit der Logik, dass man von der Arbeit anderer umsonst profitieren darf, könnte man auch sagen, warum bezahlen wir beispielsweise einen Arzt? Warum bezahlen wir, wenn wir ein Konzert besuchen?
    (der Musiker bei einem Konzert spielt ja sowieso, warum muss ICH dann zahlen, es reicht doch, wenn die ersten 100 Eintritte etwas kosten?).

    Natürlich macht man für Freunde oder Familie oder in der Freiwilligen-Arbeit etwas umsonst. Aber es ist meines Erachtens ein grosser Unterschied, ob man selbst und bewusst entscheidet, seine Arbeitskraft und seine Zeit zu verschenken oder ob man dazu gezwungen wird.

    Geld ist auch eine Form der Anerkennung (und in unserer Gesellschaft nun mal notwenig um zu überleben). Es ist eine Form der Wertschätzung des Aufwandes und der Arbeit eines anderen, ihn dafür auch angemessen zu entschädigen (das muss auch gar nicht immer mit Geld sein).

    Umsonst von der Arbeit eins anderen zu profitieren (sei das nun in Form guter Noten, Kulturgenuss (Musik) oder sonstetwas schmälert die Anerkennung seiner Leistung – und (das sehen wir an den Gratismedien) lässt die Qualität sinken.

  10. Weg von Ökonomie, Urheberrechten und Lernforschung: Wenn die Schülerin im Unterricht gerne(!) schreibsam ist, was gibt es dann für einen Grund sich ausgenutzt statt hilfsbreit zu fühlen? Und wenn sie es (ebenfalls) nicht gerne ist, was gibt es dann für einen Grund nicht auch Notizen zu kopieren?

    Ich mag Anekdoten aus dem Leben.

  11. @Kate.
    Zitat: „Wer für Geld erschafft, wird es ohne diesen Anreiz nicht tun. “

    Doch. Ich schreibe Bücher. Die Geschichten würde ich auch schreiben, wenn kein Verlag sie veröffentlichen würde. Wenn ich also meine Bücher auch schreiben würde, wenn kein Verlag sie veröffentlichen würde: Bedeutet dies, dass du sie nun kopieren (oder scannen und kostenlos ins Internet stellen) kannst / darfst? Und falls du das so interpretierst: Wie rechtfertigst du dann meinen Einkommensverlust?

    Zur Schülerin: Hat sie die Notizen allen anderen gegeben, weil sie nicht die böse Buhfrau sein wollte? Gab sie einem Gruppendruck nach? Oder war sie wirklich so selbstlos? Ich wäre es nicht. Meine Antwort wäre ganz klar ein: „Du hast ein Hirn, kannst denken, bist hier, weil du lernen willst, also mach dir deine Notizen gefälligst selber.“ Denn es ist ja nicht so, dass sie jemandem aus der Klemme hilft (dann gäbe ich auch meine Notizen her), sondern sie wird ganz offensichtlich regelmässig und ohne Not ausgenutzt – oder anders herum: sie lässt sich ausnutzen. Mir wäre das zu blöd.

  12. Pingback: Ist »Raubkopie« ein guter Begriff? | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s