Noch einmal JRZ – »Fundraising« und »Gegenaktion«

Vorgestern habe ich kurz notiert, warum die die Aktion »Jeder Rappen zählt« zum Kotzen finde – und nicht nur die Aktion, sondern vor allem auch die damit verbundenen Aktionen wie die von @leumund (Money-Quote: »Ehrlich gesagt, ich hatte in keiner Weise darüber nachgedacht dass mir jemand ankreiden würde damit mehr Follower zu generieren.«) und von TrittbrettfahrerInnen. Dies habe ich nicht nur aus einer persönlichen Befindlichkeit notiert, sondern theoretisch auch etwas illustriert – insbesondere festgehalten, dass »helfen« nicht ein Marketingprojekt sein soll und darf, sondern eine Pflicht ist für uns.

Die Reaktion der Betroffenen enthielt ungefähr drei Aspekte:

  • Solange man »hilft«, darf man alles.
  • So geht eben »Fundraising«.
  • Mach doch eine Gegenaktion.

Die Gegenaktion müsste natürlich wie folgt aussehen:

http://twitter.com/#!/CaliBobby/status/14572237361258497

Gerade so setzt sie sich aber derselben Kritik aus, die ich in meinem Blogpost formuliert habe.

Zu den anderen beiden Punkten: »Fundraising« habe ich in meinem Austauschjahr in den USA erlebt. Wir haben in der High School damals mit schöner Regelmäßigkeit saure Gurken, M&Ms oder industrielle Backwaren verkauft, um für irgendein Projekt irgendwelche Funds zu raisen. Natürlich geht das. Man überredet Leute, etwas zu tun, was sie nicht tun würden, wenn man sie nicht überreden würde – und verhilft ihnen dafür im Fall von JRZ zu etwas Aufmerksamkeit.

Ich habe nicht gesagt, dass man sowas verbieten sollte. Aber ich bin überzeugt, dass das niemand zu einer besseren Person macht und man sich auf so gespendete Franken an JRZ nichts einbilden darf und soll.

Eine »Gegenaktion« müsste sich von all diesen verqueren moralischen Vorstellungen lösen und darin bestehen, dass man es mit sich selber vereinbart, vom steuerbaren Einkommen im nächsten Kalenderjahr mindestens 10% zu spenden. Dazu als Input der streitbare Peter Singer:

Das Magazin: Wie könnte man die psychologischen Barrieren abbauen, die uns hindern, Unbekannten zu helfen?
SINGER: Oft braucht es nur einen kleinen Schubs. Wie beim Organspenden. In Deutschland sind lediglich zwölf Prozent der Bevölkerung als Organspender registriert, in Österreich 99,98 Prozent. Der Grund ist einfach: In Österreich ist man automatisch Organspender. Will man es nicht sein, muss man dies ausdrücklich kundtun. In Deutschland ist es genau umgekehrt.
Das Magazin: Also eine Art obligatorische Entwicklungshilfe, ein Lohnabzug oder eine Steuer?
SINGER: Manche Banker machen das — Bear Stearns etwa, bevor das Institut in der Finanzkrise an JPMorgan ging. Rund tausend der höchstbezahlten Angestellten waren verpflichtet, vier Prozent ihres Einkommens und Bonus an Non-Profit-Organisationen zu spenden. Sie mussten ihre Steuererklärung vorlegen zum Beweis, dass sie es getan hatten. Es war Teil der Unternehmenskultur — 2006 gingen so 45 Millionen Dollar an die Wohlfahrt. Goldman Sachs macht etwas Ähnliches, Google ebenso.
Das Magazin: So werden Banker plötzlich zu Vorbildern.
SINGER: Wenn aus Grossunternehmen, Universitäten und anderen Institutionen ein Prozent der Saläre Organisationen gespendet würden, welche die Weltarmut bekämpfen, würde das nicht nur Milliarden von Dollar bereitstellen. Es würde auchdie Angestellten zu mehr Generosität bewegen. Wer nicht mitmachen will, muss nicht. Doch es sollte als normales Verhalten gelten, dass man spendet — und nicht, dass man es nicht tut.

10 thoughts on “Noch einmal JRZ – »Fundraising« und »Gegenaktion«

  1. Das scheint mir ein sehr guter Weg zu sein. Man dazu auch keine 5 Säulen oder 10 Gebote im Nacken haben. Es wird mit der Zeit zur Gewohnheit. Wofür das Geld gespendet wird, und wie das kontrolliert wird ist eine andere Frage. Ich würde hier – trotz der früheren Missionshintergründe – auch den grossen, etablierten Hilfswerken mehr vertrauen – sprich IKRK, Helvetas, Caritas, Brot für die Welt und – kleine Werbung: Interteam! – als Clubs wie World Vision u.ä. Die Schweizer Hilfswerke haben auch Projekte gegen Armut in der Schweiz. Das finde ich wichtig, denn wer bei uns arm ist wird sofort marginalisiert, wird schlicht unsichtbar und verstummt. Deshalb finde ich die kantonalen Aktionen der Caritas unterstützenswert.

    • Ich muss ganz ehrlich sagen, das mich das ganze jedes Jahr noch mehr aufregt. Das hat verschiedene Gründe.

      Mir stösst es sauer auf, wenn ich beobachte, wie unsere Servelat Prominenz im Glashaus sitzt, und somit eigene Promo machen kann, Und das auf Kosten von unseren Bilag Beiträgen. Ehrliches Spenden, von Herzen, sieht für mich anders aus. Dzau kommt diese nervende dauerberieselung 24h, Nonstop. Klar jetzt kommen manche und mienen ich kann ja umschalten, das will ich aber nicht. Ich bezahle nicht brav meine Bilag Beiträge, um dann eine ganze Woche lang,
      meinen Lieblingssender zu vermeiden.

      Und wer kontrolliert eigentlich die ganzen Kosten, den JRZ hat ja nicht das ZEWO Siegel. Wer garantiert das das Geld auch bei den Bedürftigen ankommt? Ganz zu schweigen was an der Aktion so manche Firma verdient. Von dem SMS, z.b gehen jedesmal 40 Rappen an die Netzanbieter, der Aufbau und die Miete des Glashauses kommen auf knapp eine Million. Finde das ganze eine Risenfrechheit, und es verdirbt mir jedesmal die Weihnachtsstimmung. Macht weiter so und bleibt kritisch

  2. Ich finde Deine Überlegungen ein bisschen geschmäcklerisch. Das Ziel der Sabotageaktion ist ja nur, den Leuten klar zu machen, dass es besser ist, zu spenden, ohne auf Leumunds Selbstvermarktungstrick herein zu fallen. Ich persönlich profitiere nicht davon, wenn die Leute Leumund entfolgen. Höchstens alleinfalls indirekt, wenn jemand die Sabotageaktion so gut findet, dass er sich deshalb entschliesst, mir zu folgen. Das ist aber nicht Bedingung für das Mitmachen bei der Sabotageaktion.

    Oder um Leumund zu paraphrasieren: «Ehrlich gesagt, ich hatte in keiner Weise darüber nachgedacht, dass mir jemand ankreiden würde, mit der Sabotageaktion den gleichen Fehler wie Leumund zu begehen. Ich dachte nur, ich mach etwas, über das getweetet wird, damit möglichst viele Leute über die Schäbigkeit von Leumunds Aktion Bescheid wissen.» ;-)

  3. Lieber Philippe, liebe Britta
    Bis jetzt gab mir diese ätzende „JRZ“-Sammlerei einfach nur auf den Zeiger, dank euren Ausführungen weiss ich jetzt auch, warum.
    Die Frage, wie am besten geholfen wird, wem zuerst wodurch geholfen wird, beschäftigt mich auch. Ich bin auch der Ansicht, dass es eine Pflicht ist, zu helfen. Wie und wem und wann geholfen werden muss, bleibt ein Thema, über das noch viel zu diskutieren sein wird. Die Reflexion über das „helfen wollen“ (und „helfen können“) ist nicht gerade „en vogue“. Das Bewusstsein, dass wir nicht nur – „unverdient“, ohne unser Zutun – auf einem der reichsten Flecklein dieser Erde leben, sondern dazu auch in die wirtschaftlichen Prozesse hier eingebunden sind, vom Überfluss profitieren, uns in dieser Wirtschaft „verdient“ machen, darüber und über das, was aus einem solchen Leben in Bezug auf ethisches Handeln folgt, wird in der Regel nicht gern gegrübelt. Nicht einmal in der Adventszeit.
    Danke für den Beitrag!
    (Und jetzt ist alles klar: Philippe war im Austauschjahr in den USA und hat da nicht seine Kindheit verbracht – silly me!)
    Nora

  4. ….. kann die meinung teilen, dass JRZ eine eher schlecht durchdachte idee ist…..
    ….. klar, es kommt auf diese weise unter umständen schon ein rechter batzen zusammen, doch wie viel davon landet dann schlussendlich wirklich dort wo er nötig is’…..?
    ….. solche aktionen verschlingen zum teil grössere anteile der gesammelten gelder nur für ihre aufmachung, PR und all das gedöns…..

    ….. wer nachhaltig spenden will kann sich bei der ZEWO informieren welche organisationen und hilfswerke zum beispiel den kleinsten verwaltungsanteil haben und sein geld, am besten still und heimlich, dort hin spenden…..

    ….. noch besser wäre es, wenn man nicht geld, sondern seine zeit und/oder arbeitskraft spendet, es gibt hier zu lande viele organisationen und institutionen, die auf freiwillige oder ehrenamtliche angewiesen sind…..
    ….. mit dem sozialzeitausweis kann man sich die so geleistete arbeit auch bestätigen lassen, was vielleicht bei einer stellenbewerbung das kleine körnchen auf der waage sein kann für eine anstellung…..

  5. nothilfe ist gut und wichtig, und kurzfristig auch billig. aber was kommt danach? wo sind die perspektiven? entwicklungshilfe?

    so wie ich gelesen habe, gibts nicht wirklich schlau funktionierende ansätze dazu.
    http://www.epo.de/index.php?option=com_content&task=view&id=3896&Itemid=31
    auch interessant:
    http://www.oecd.org/department/0,2688,en_2649_33721_1_1_1_1_1,00.html

    ich sehe überigens eine grosse chance im internet als kultur-vereinheitlichendes (infiltrierendes?) medium. konsumterrorkritiker mögen das nicht gerne hören, aber wenn man will, dass leute nicht andauernd wiedermal verhungern, muss diese pille geschluckt werden. (soala: hollywood)

    ich halte es aber im allgemeinen für fragwürdig, inwiefern wir industriestaatler eigentlich das recht oder die pflicht haben, dafür zu sorgen, dass es den leuten in armen ländern „gut“ geht, dass sich die länder ‚entwickeln‘.
    menschen in unterentwickelten ländern haben wenig und geringe möglichkeiten, sind aber nicht unbedingt unglücklicher. merkwürdigerweise bringen sich die leute in entwickelten ländern häufiger selbst um.
    hm. andererseits ist es auch grässlich zu sehen, wenn menschen keine möglichkeiten und perspektiven haben.. daran ist aber glaub auch meist die politik schuld. nochmal: INTERNET und so..

    • Ich bin völlig damit einverstanden, dass Entwicklungshilfe ein komplexes Problem ist, auf das selbst Experten keine Lösungen kennen. Und mit der Vision eines globalen Internets kann mich auch einverstanden erklären – unter der Voraussetzung, dass das Internet wirklich bald viele Menschen erreicht. Man kann in Industriestaaten schnell den Eindruck bekommen, Internet sei Gemeingut – es ist aber ein Luxus, den sich selbst in den USA viele Menschen nicht leisten können.
      Aber das ist kein Argument gegen die Pflicht, zu helfen. Diese Pflicht entsteht u. a. auch deshalb, weil ein Großteil unserer Rohstoffe und Produkte aus Entwicklungsländern stammen, und wir uns nur deshalb so viel Luxus leisten können, weil Menschen diesen zu menschenunwürdigen Bedingungen herstellen. Durch unseren Konsum verantworten wir also zunächst eine negative Entwicklung in diesen Ländern.
      Auch mit dem Glücks-Relativismus bin ich nicht einverstanden. Zu sagen, Menschen in Entwicklungsländern seien gleich glücklich wie Menschen in Industriestaaten ist reiner Zynismus. Methodisch sauber wäre die Menschen zu fragen, ob sie tauschen wollen.

  6. ….. aus persönlciher erfahrung kann ich sagen, dass ich zum teil glücklicher war, als ich weniger hatte…..
    ….. ich meine damit, dass gewisse sachen, unter anderem auch das internet, begehrlichkeiten wecken, die dann auch befriedigt werden wollen…..

    ….. zum teil habe ich selbst nun für mich gewisse „nöte“ zur tugend gemacht, sprich ich habe mich entschieden, dass ich kein mobiles internet brauche, somit benötige ich auch kein smartphone, welches dazu notwendig wäre, nein, im gegenteil ich nutze seit jahren, fast schon ein jahrzehnt, das gleiche „alte“ gsm-handy mit einer prepay-sim…..

    ….. doch nun zurück zum thema…..
    ….. manchmal empfinde ich die „entwicklungshilfe“ in der „dritten-welt“ schlicht und einfach als missionierungsunternehmen des götzen konsum, sprich man will den „armen“ „negern“ (….. entschuldigt die unflätige wortwahl…..) unsere kultur, unsere lebensweise auf’s auge drücken…..
    ….. man kann nur „glücklich“ sein, wenn man gewisse konsumgüter sein eigen nennen kann…..
    ….. doch benötigen diese menschen unsere kultur…..?
    ….. was ist an ihrer eigenen kultur, an ihrer eigenen lebensweise denn so schlecht…..?

    ….. gib einem mann einen fisch und er ist satt für den tag, zeige ihm wie man fischt und er wird sein ganzes leben nicht mehr hungrig sein…..

    ….. dieser merksatz beinhaltet in meinen augen sehr viel wahrheit…..
    ….. anders gesprochen, wenn man diese menschen mit bildung in berührung bringt, so können sie selbst entscheiden welchen weg sie gehen wollen…..
    ….. und dieser grundsatz ist auch für die „erste-welt“ anwendbar, sprich wenn man entsprechende angebote hierzulande für sogenannt bildungsferne sozialisierungen verwirklicht, so bin ich sicher, dass die gewalt auf den strassen eine abnehmende tendenz aufweisen wird…..

    ….. doch ich schweife wieder ab…..
    ….. wahre entwicklungshilfe beginnt doch dort, dass wir für die rohstoffe, welche wir aus ärmeren regionen kaufen, einen fairen preis zahlen…..
    ….. auf diese weise kann der kaffeebauer seine weise zu leben beibehalten, kann seine familie und sich selbst ernähren, kann auch notwendige investitionen in seine kaffeeplantage machen, denn vielfach ist es doch so, dass die althergebrachte methode etwas zu pflanzen die nachhaltigste ist, welche ohne grossen einsatz von düngern und pflanzenschutzmitteln auskommt…..

  7. Pingback: Gehören «Madame Etoile und «Jeder Rappen zählt zum Service Public? « «kritikasterblog

  8. Was ich im Nachhinein noch erfahren habe ist das, Peter Brabeck, Präsident des Verwaltungsrats von Nestlé, im JRZ Glashaus eingeladen war. Also das geht ja nun ganz und gar nicht mehr. Nestle die dafür bekannt sind in vielen Ländern wie Pakistan, Sudan, u.s.w Wasser in Flaschen abzufüllen, so das es sich nur noch die Reichen leisten können, und die Bauern und einfache Leute auf der Strecke bleiben. Den das Wasser kommt ja nicht von nirgendwo, und irgendwo muss Nestle ja die Quellen anzapfen, nur leider oft genau an den Stellen wo die ärmeren Menschen daraufangewiesen sind. Schon unglaublich was sich da so alles abspielt. Ich denke es ist an der Zeit für eine Gegenaktion. Ich für meinen Teil bin immer zu haben. Wer Intresse hat und motiviert ist, kann sich gerne bei mir per E-Mail melden.

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