Mal wieder die Privatschulen – zum Beispiel die »Primaria« 

Es gibt wenige perfekte Schulen. Die Primaria ist aber offenbar eine. Zumindest wenn man diesem Artikel in »Wir Eltern« Glauben schenken darf. Sogar Lamatrekking gibts dort. Ich formuliere diesen Zusammenhang deshalb so ironisch, weil der Artikel auf eine fast lächerliche Art und Weise die Schule lobt, als sei die Autorin, Regina Kesselring, dafür bezahlt worden.

In Tat und Wahrheit wird wohl von »Wir Eltern« wieder mal das Thema freie Schulwahl gepusht – weil es einerseits auf der Agenda von »Wir Eltern« steht, es anderseits das Zielpublikum dieser Zeitschrift anspricht. (Ich habe mich hier schon einmal dazu geäußert.)

Was stört mich konkret an diesem Artikel (über eine Schule, die ich zugegebenermaßen nicht kenne)?

  1. Der Artikel und das Konzept der Schule implizieren, dass Lernen ein Prozess ist, der ungeleitet erfolgt.
    Dabei wird ausgeblendet, dass sehr viele Lerninhalte so komplex sind, dass sie systematisch erschlossen werden müssen.  Die Neugierde eines Kindes mag ein guter Ausgangpunkt für einige Lernprozesse sein – andere erfordern aber einen Aufbau, das Üben von Fertigkeiten usw.
  2. Wird den Kindern die Verantwortung für ihr Lernen gegeben, so heißt das eigentlich, dass sie den Eltern übergeben wird. Die Sorge um die eigene Zukunft (Gymnasium) ist die Sorge der Eltern um die Zukunft des Kindes. Kinder können für ihre Zukunft und für ihr Lernen keine Verantwortung übernehmen.
  3. Die Darstellung der Volksschule in diesem Text könnte realitätsfremder nicht sein – es ist von ständigem Druck, von Zwang die Rede, die Volksschule macht, schenkt man der Autorin Glauben, keinen Spass, ist monton und lässt keinen Raum für Kreativität. All diese Unterstellungen sind schlicht falsch.
  4. Systematisch wird das Asoziale an Privatschulen ausgeblendet: Reiche Eltern mit einem hohen Ausbildungsgrad schicken ihre Kinder in Schulen, wo sie Kindern mit gleichem Hintergrund begegnen und individuell gefördert werden – während Eltern, die sich das nicht leisten können, mit dem staatlichen Standard vorlieb nehmen müssen (mit gut ausgebildeten Lehrpersonen, aber mit großen und sozial durchmischten Klassen).
  5. Ein besonders schönes Zitat im Wortlaut:

    «Wir betrachten das Kind als Gesamtes», sagt Ursula Taravella. Etiketten wie ADS oder Wahrnehmungsstörung hält sie für wenig hilfreich. Damit würde man doch kein Kind beschreiben, sondern eine Krankheit. Sie zeigt eine Farbpalette mit unterschiedlichen Gelbtönen und sagt: «ADS ist eine Farbigkeit der Persönlichkeit.» Aber die SBW Primaria sei kein Ort für schwierige Schüler, betont die Schulleiterin.

    Tatsächlich beschreiben ADS und Wahrnehmungsstörungen Krankheiten, welche therapiert werden können. Offenbar ist aber der Besuch einer Privatschule gerade mit der Möglichkeit verbunden, diesen Diagnosen auszuweichen – ohne dass die Privatschule das zugeben möchte (um sowohl die ADS-KundInnen als auch die Nicht-ADS-KundInnen gleichermassen ansprechen zu können).

Die Diskussion um Privatschulen wird uns länger begleiten – und damit eine Diskussion um die Frage, ob die Eliten sich den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg ihrer Kinder kaufen können – um sich von wirtschaftlich und sozialen weniger erfolgreichen Schichten abgrenzen zu können. Ich denke, eine Volksschule für alle ist der Weg, auf dem Solidarität und Verbundenheit zumindest ein Stück weit erhalten bleiben können.

(Vergleiche auch diesen Post auf dem Substanz-Blog über die Gruppen, welche Privatschulen fordern.)

2 thoughts on “Mal wieder die Privatschulen – zum Beispiel die »Primaria« 

  1. Die Autorin wurde leider nicht für den wir eltern-Artikel über die Primaria von der Primaria bezahlt. Vermutlich auch nicht die Autorin, die in Geo einen mehrseitigen Beitrag über die Primaria geschrieben hat, der mindestens ebenso positiv war. Warum eigentlich die Aufregung? Muss man immer auch das Haar in der Suppe suchen? Irgendwie ist es schade, dass der Autor im Blog so unqualifiziert Häme ausschüttet, statt Kritik zu üben, die diesen Namen verdient. Macht aber auch nichts, denn das Blog-Geschreibsel ist ja zum Glück nicht immer ganz ernst zu nehmen.

  2. Die »Aufregung« habe ich m.E. begründet – sie liegt im wesentlichen darin, dass ein journalistischer Besuch einer Privatschule mit einer elitären Klientel vor die Folie einer Volksschule gehalten wird, die mit Vorurteilen durchsetzt ist. Die Kritik (ich hoffe, sie verdient diesen Namen) ganz knapp: Besuchen Sie doch einmal eine öffentliche Primarschule.
    (Den Vorwurf, ich »schütte unqualifiziert Häme aus« verstehe ich nicht.)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s