Die »Gratiskultur« – erste Resultate von Kurt Imhofs Forschergruppe

Kurt Imhof hat Mittel gesucht, um mit einer Forschergruppe die Schweizer Medienlandschaft unter die Lupe zu nehmen. Er kommt zu folgenden Befunden:
  • In allen Mediengattungen wächst das Angebot an Klatsch bzw. an Softnews, welche die klassischen publizistischen Kernthemen Politik, Wirtschaft und Kultur zurückdrängen.
  • Die Nachhaltigkeit der Berichterstattung lässt nach. Episodische, auf Personen, Konflikte und Katastrophen zugespitzte Informationen nehmen zu.
  • Obwohl die Welt zusammenwächst, schotten sich die Medien ab, indem sie die Auslandberichterstattung stark abbauten.
  • Die Wirtschaftsinformation bleibt mangelhaft.
  • Der Erfolg der Gratiszeitungen und die Gratisangebote im Internet senkten unter den Konsumenten das Bewusstsein dafür, dass Informationsqualität etwas kostet.
  • Die Einbruch bei den Werbeeinnahmen erschwert die Finanzierung der redaktionellen Leistungen.
  • Die Bedeutung derjenigen Medientitel, die wenig zur Informationsqualität beitragen, wird weiter wachsen.
  • Der recherchierende, einordnende Journalismus gerät weiter unter Druck.
  • Auch die Presse orientiert sich vermehrt an den Unterhaltungsbedürfnissen der Medienkonsumenten.

Bezeichnenderweise wurde diese wissenschaftliche Untersuchung von rechter Seite schon torpediert, bevor sie Resultate vorgelegt hat. Dafür gibt es gute Gründe: Rechtspopulistische Politik profitiert davon, dass Medien episodisch, isoliert und billig arbeiten – da ihr langfristiges Ziel gerade die Gefährdung des »Funktionieren der Demokratie« (Imhof) ist.

Die Ursachen liegen für die Forschergruppe in der »Gratiskultur« – sprich in der Tatsache, dass in einem traditionellen Modell die Werbung die Redaktionen finanziert hat und die AbonnentInnen oder KäuferInnen einer Zeitung lediglich für die Druck- und Vertriebskosten aufkommen mussten. Da nun der Werbemarkt eingebrochen ist, reicht das Geld nicht mehr für die Finanzierung von qualitativ hoch stehend arbeitenden Redaktionen.

Eine Konsequenz wäre die der NZZ:

«Wir müssen für hochwertige Inhalte Geld verlangen», sagt Peter Hogenkamp; er ist neuer Leiter Digitale Medien beim Verlagshaus. «Sonst können wir künftig die Redaktionen nicht finanzieren.»

Hogenkamp will also die LeserInnen an den redaktionellen Kosten beteiligen – sprich: Man müsste als LeserIn für das gleiche wie früher neu mehr bezahlen, weil eine andere Einnahmequelle versiegte.

Ich überlege schon seit längerem, ob es einen vergleichbaren Fall gibt, in dem KonsumentInnen bereit waren, für ein Produkt mehr zu bezahlen, weil jemand anderes es nicht mehr im gleichen Ausmass finanziert hat.

Andererseits kann man auch einen anderen Blickwinkel wählen: Die digitale KonsumentIn finanziert zwar »Druck« und Vertrieb (indem sie ein Endgerät kauft und den Datentransfer zumindest teilweise bezahlt), könnte aber gerade gleich viel wie bisher bezahlen – weil er/sie ja auch gleich viel erhält auf dem Netz.

Die Kritik am Vorgehen der NZZ wurde von Marcel Weiss auf Netzwertig.com schon detailliert formuliert. Sie lässt offen, welche Alternativen bestehen. M.E. sind es nur zwei:

  1. Der Staat ermöglicht eine funktionierende (und die Demokratie ermöglichende) Medienlandschaft, indem er beispielsweise mit Billag-Gebühren (die als umfassende »Medien-Steuer« erhoben würden«) eine nachhaltig operierende, politisch neutrale Nachrichtenagentur aufbaut, die starke Wirtschafts- und Auslandredaktionen hat. Diese Agentur würde Tageszeitungen, Onlineportale und audiovisuelle Medien gleichermassen und gratis bedienen. (Die Unterstützung für das Schweizer Fernsehen viele weg – diese Unterstützung mutet in Zeiten von Medienkonvergenz ohnehin anachronistisch an.)
  2. Der Online-Werbemarkt legt zu und ermöglicht dank neuer Modelle eine ähnliche Finanzierung wie sie bisher möglich war. Wenn Werbung bisher meine Zeitung finanziert hat – warum sollte sie es in Zukunft nicht mehr tun?
    (Hier gibt es dann wohl das Problem, dass Internetwerbung ihre Wirksamkeit zu gut messen kann – und so günstiger verkauft werden muss als Printwerbung.)

5 thoughts on “Die »Gratiskultur« – erste Resultate von Kurt Imhofs Forschergruppe

  1. naja, ich hab jetzt nur den online-teil durchgelesen – nicht gerade überzeugend! vor allem, wenn man das – doch gewagte – fazit mit einer n=279 tagesstichprobe vom 27. november 2009 als untermauert betrachtet…soviel zur imhofschen wissenschaftsmethodik ;)

    • Für die Beschränkung auf einen Tag (nur für online-Angebote, bei Presse eine Woche) gibt es aber auch einen guten Grund: »Demgegenüber wird das Gesamtangebot einer Newssite zwar täglich aktualisiert, allerdings bleiben zum einen das grundsätzliche Frame und das Volumen relativ konstant, und zum anderen bleiben viele Beiträge über mehrere Tage hinaus in den Standardressorts Teil des aktuell abrufbaren Angebots. Bei den Spezialseiten geschieht dies sogar über Monate hinweg.« Vgl. http://jahrbuch.foeg.uzh.ch/anhang1_methodik/Seiten/default.aspx

  2. Ein paar Fragen zur ersten Alternative..
    Wieso ermöglicht eine solche vom Staat abhängige Nachrichtenagentur die Demokratie? Funktioniert unsere Demokratie besser, wenn der Staat den Bewohnern die Medien serviert?
    Wer entscheidet, was diese Auslandjournalisten recherchieren sollen, wenn nicht der Staat?
    Weshalb sollen alle Bewohner gleich stark für sehr unterschiedlich genutzte Möglichkeiten aufkommen?
    Bzw. werden durch diese auf Wirtschaft und Ausland fokussierte „nachhaltig operierende“ Nachrichtenagentur nicht vor Allem die Inhalte gefördert, die Sie persönlich besonders interessieren (bsp. vs Leser der Regenbogenpresse)?
    Oder anders: Wenn jeder selber entscheiden kann, wofür er Geld auszugeben bereit ist, überleben dann nicht die -für den Leser- besten Medien?

    Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich hasse Boulevard-Zeitungen, verstehe nicht, weshalb man die lesen wollte. Doch das heisst nicht, dass alle so denken müssen, und vom Staat unterschiedliche Lesevorlieben ganz anders unterstützt werden sollen.
    Das grösste Problem in den Medienwelt sind m.E. die Falschmeldungen, da der 0815-Leser die nicht merkt (und sie sich rein ökonomisch deshalb nicht einpendeln). Angenommen aber, die Zeitungen müssten per Gesetz Ihre Quellen offenlegen und ihre Inhalte somit rechtfertigen können, ausserdem bei falsch veröffentlichten Angaben (=unseriöse Quellen) die entsprechende Korrektur verbreiten. Würde das nicht zu einer grösseren Transparenz, zu besserer Recherche, zu richtigeren Angaben in den Medien führen?
    Ich weiss, dass das Medien aus zT guten Gründen nicht müssen, und man über „falsch“ immer streiten müsste; vllt funktioniert die Idee in der Praxis überhaupt nicht. Interessanter Artikel, doch diese „politisch neutrale Medienlandschaft“ scheint mir -so wie ich sie momentan verstehe- auch noch nicht ganz ausgereift.

    • Man kann das Argument auf den Bildungsbereich übertragen: Wenn jede(r) selber wählen dürfte, wofür er/sie wie viel Geld ausgeben möchte, so können sich arme Menschen keine ausreichende Bildung mehr leisten. Moderne Staaten ermöglichen durch Steuergelder ein allgemein zugängliches Bildungssystem.
      Ähnlich funktioniert das Argument in Bezug auf die Medienwelt: Die Wirtschafts- und Auslandressorts sind deshalb dünn besetzt (oder existieren gar nicht), weil es die teuersten sind (man kann keine PraktikantInnen anstellen, welche einen halbwegs vernünftigen Wirtschaftsbericht schreiben – im Gegensatz zum Promi-Softnews-Bereich). Der Staat würde also sicherstellen, dass Informationen in diesen Bereichen überhaupt verfügbar sind.
      Das Problem der politischen Neutralität erachte ich als kleiner, als man denken könnte: Nur politisch extrem aufgestellte Parteien haben ein Interesse daran, Sachverhalte verzerrt darzustellen. Es geht nicht darum, fertige Presseerzeugnisse herzustellen und auf dem Markt als Konkurrenz zu etablierten Medienhäusern aufzutreten, sondern die Rohstoffe für die Berichterstattung zu ermöglichen. Wenn eine Zeitung lieber eigene Korrespondenten nach Pakistan schickt – gerne. Aber so gäbe es Berichte, welche sich auf das Darstellen von Fakten beschränken sollten, welche alle Medien verwerten könnten.
      Von mir aus können die KorrespondentInnen auch demokratisch beauftragt werden, so dass eine politische Ausgewogenheit gewährleistet würde (ähnlich wie BotschafterInnen ausgewählt und beauftragt werden).

      Das Problem der Transparenz kann ich gut nachvollziehen – ich denke aber, auf diesem Weg wird keine Steigerung der Qualität erreicht, weil es ja gerade darum geht, worüber berichtet wird (und wie oft und in welcher Qualität). Echte Falschmeldungen machen gegenüber irrelevanten und ungenauen Artikel einen vernachläßigbaren Bereich aus, wie ich finde… 

      • – Vielen Dank für diese ausführlichen Antworten und Erklärungen.
        – Dass die Bereiche Wirtschaft und Ausland die Teuersten sind habe ich nicht bedacht, gebe Ihnen natürlich Recht. Doch ich denke nicht, dass das im Vergleich zu den Lesevorlieben die entscheidende Rolle spielt. Solange es Leute gibt, die gerne Berichte zu Wirtschaft und Ausland lesen, wird es auch Zeitungen geben, die diese anbieten – Das muss nicht vom Staat sichergestellt werden. Meines Wissens bieten Nachrichtenagenturen wie Reuters, AP etc bereits solche Fakten an, diese auswerten können die Praktikanten aber nicht – und das würde diese staatliche Agentur auch nicht ändern.
        – Im Bildungswesen haben arme Menschen deshalb keine Chance, weil es sich um hohe sechsstellige Beträge handelt. Wenn mich als armer Schweizer aber Wirtschaft interessiert, abonniere ich für wenige hundert CHF/Jahr eine solche Zeitung oder lese das ganze gleich online. Ich weiss nicht, wie viele Wirtschafts- oder Auslands-Interessierte es in der Schweiz gibt, die sich das nicht leisten wollen, und wie viel eine solche Agentur den Steuerzahler kosten würde. Aber ob das verhältnismässig wäre? Hinzu käme noch, dass die Themen Ausland und Wirtschaft eher von gebildeteren und damit vermögenderen Leuten gelesen werden, doch das ist nur mein Eindruck.
        – Ob man dieses Argument auf derart unterschiedliche Dinge einfach übertragen kann, wage ich zu bezweifeln. Ein Beispiel in die andere Richtung: Bleistifte. Wenn jeder selber entscheiden kann, wofür er Geld ausgeben will, überleben die für den Schreiber besten Stifte. Arme Menschen kaufen sich Budgetstifte, oder, wenn sie Wert auf gute Qualität legen, die teurere Alternative. Konsumenten können ihrem Geschmack entsprechend die Farbe wählen. Und die Hersteller können entsprechend Farben und Qualität anbieten. So lange genügend Leute sich für schwarze Stifte mit guter Qualität interessieren, nehmen die Hersteller die Mehrkosten auf sich. Dieses Modell scheint hier zu funktionieren…
        – Beim Problem der politischen Neutralität meinte ich vor Allem die Auswahl der Themen. Häufige und negative Berichte können ein kleines Problem wichtig erscheinen lassen – und umgekehrt. Medien sind immer auch politische Werbung…
        – Die irrelevanten und ungenauen Artikel mögen häufiger vorkommen als echte Falschmeldungen, doch sie können von den Lesern als solche erkannt werden. Die Leser werden also kaum ein zweites Mal diese Zeitung kaufen, im Gegensatz zu falschen, aber unterhaltenden Berichten. Die Idee würde deshalb sicherstellen, dass Zeitungen falsche Meldungen bekannt geben und korrigieren müssten.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s