Schlechte Wikileaks-Kommentare Teil 2: Der Tagi

Der Tagi schlägt in Bezug auf Wikileaks in die gleiche Kerbe wie die Weltwoche, allerdings ohne direkt auf den Mann zu spielen: Walter Niederberger plädiert dafür, die Dokumente zu ignorieren, und zwar aus folgenden Gründen:

  1. a) Wikileaks untersteht keiner nationalen Rechtssprechung.
    b) Es ist unklar, wie Wikileaks finanziert wird.
  2. Bradley Maning ist der wichtigste Informant von Wikileaks, er verfügt aber über eine zu niedrigen Dienstgrad, um überhaupt brisante Informationen einsehen zu können.
  3. Wikileaks bearbeitet die Daten nicht journalistisch, übernimmt also auch keine »Verantwortung« dafür.

Diese Argumente sind meines Erachtens nicht tauglich für eine Kritik an Wikileaks:

  1. a) Wikileaks kritisiert ja gerade Instanzen (das US-Militär), die sich weitgehend jeglicher Rechtssprechung entziehen und nur über mediale »exposure« verurteilt werden können.
    b)  Wikileaks hat insbesondere in Bezug auf Europa Stellung genommen, woher die Mittel kommen und wie sie mit Spenden umgehen. Im übrigen sagen viele etablierte Medienhäuser auch nicht, von wem sie finanziert werden (z.B. die Weltwoche).
  2. Niederberger hat keine Ahnung, wer die Informanten von Wikileaks sind – er akzeptiert einfach die US-Propaganda in dieser Hinsicht. Wikileaks sagt ja nicht, woher sie das Material haben. Ohne es zu sichten, kann man nicht sagen, wie wertvoll die Informationen sind.
  3. Wikileaks hat drei namhafte Redaktionen (New York Times, Guardian, Spiegel) gebeten, das Material zu sichten und darüber zu schreiben (man fragt sich, warum sie den Tagi und die Weltwoche wohl nicht gebeten haben, da mitzumachen…) – es übernimmt also durchaus jemand journalistische Verantwortung, aber nicht ein Dienst, der Rohmaterial bereitstellt, nicht aber journalistisch operiert.

Man kann’s kurz machen: Offenbar muss man diese Tage als Journalist einen Weg finden, wie man einen Text über etwas publizieren kann, ohne dieses etwas wirklich zu kennen. Einfachste Lösung: Man sagt einfach, man brauche das etwas gar nicht zu kennen.

3 thoughts on “Schlechte Wikileaks-Kommentare Teil 2: Der Tagi

  1. Gute Wikileaks-Kommentare Teil 1:
    Am 27. Juli war die Geschichte dem Tages-Anzeiger noch einen Frontanriss wert («Der Krieg in Afghanistan ist schmutziger als bisher bekannt»). Auf Seite 2 schrieb der gleiche Walter Niederberger: «Was die Berichte vermitteln, ist das Bild eines Krieges, der aussichtsloser erscheint denn je… dafür sollte die Regierung Obama eigentlich dankbar sein… usw.» Keine Ahnung, wer Niederberger in der Zwischenzeit eine Gehirnwäsche verpasst hat.
    Auf Seite 6/7 ein grosser Bericht: «Das ungeschönte Bild eines Krieges.» Kein Wort davon, man solle das Material ignorieren…

  2. ich möcht hier mal noch mal kurz meinen nerd-senf dazu geben: wikileaks ist nach meiner einschätzung nach wohl recht unzensierbar – ich vermute, die haben da alle möglichen vorkehrungen getroffen. insbesondere kann man die seite aus den USA nicht leicht für die gesamte restliche welt zensieren. THE INTERNET IS NOT A BIG TRUCK. undso, ganz recht.

    • Da bin ich mir nicht ganz sicher: Die Server müssen ja irgendwo stehen und ans Netz angeschlossen sein. Und den Anschluss könnte man wohl kappen. Aber sicher bin ich mir nicht.

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