Das böse Internet – und Sexismus 2.0

Das Internet – so kann man etwas salopp sagen – ist nicht mehr so sexy wie einst. Wer »im Internet« ist, ist nicht woanders, tut nichts »Reales« und vermutlich was Ungutes – wenn man all das ernst nimmt, was man so über soziale Netzwerke, Google, Datenschutz und überhaupt hört (die sinnlose Auflistung ist gewollt: sie zeigt, wie wenig differenziert man über »Internet« spricht). Dann kommen noch die Geschichten dazu, bei denen 11-Jährige vom Internet mit dem Tode bedroht werden.

Folglich kommen staatliche Organe auf zwei bemerkenswerte Ideen:

  1. Das Netz ausschaltbar machen. So argumentiert beispielsweise der Bund Deutscher Kriminalbeamter:

    „Attacken auf die digitale Infrastruktur des Landes können sich ähnlich verheerend auswirken wie atomare Angriffe.“ Deshalb bedürfe es eines „Reset-Knopfs für das Internet“, mit dem das Kanzleramt Deutschland im Ernstfall sofort vom Netz nehmen könne. [Quelle: Netzpolitik.org]

  2. Eine Ausweispflicht für das Internet einführen. Auch hier ist wieder der BDK ganz vorne mit dabei, aber auch in der Schweiz gibt es Bemühungen, mit der SuisseID eine staatlich geprüfte Identität fürs Internet einzuführen.

Man kann nun beide Vorschläge diskutieren – gemeinsam ist ihnen, dass es um die Rolle des Staates im Umgang mit dem Internet geht. Diese Rolle soll, geht es nach vielen PolitikerInnen und JournalistInnen, größer werden.

Im Gegensatz dazu stehen zwei Dokumente, die mir viel weitsichtiger und tiefgründiger erscheinen – und Probleme nicht ignorieren, sondern zusätzlich echte Lösungsansätze diskutieren. Das erste sind die 42 finalen Thesen zum Internet von Marcel-André Casasola Merkle, die durchaus auch eine vergnügliche Lektüre sind, das zweite die Forderungen für ein lebenswertes Netz vom Chaos Computer Club (CCC). Daraus seien die »Thesen zur Netzpolitik« zitiert:

Thesen zur Netzpolitik

  1. Netzzugang ist ein Grundrecht und Bedingung für die Teilnahme am kulturellen und politischen Leben
  2. Nutzen des Netzes kann sich nur entfalten, wenn die Netzneutralität garantiert ist
  3. IT-Großprojekte der öffentlichen Hand nach sinnvollen Kriterien vergeben
  4. Öffentliche Daten transparent handhaben
  5. Klare Absage an Softwarepatente
  6. Urheberrechtgesetzgebung modernisieren
  7. Zugangsprovider haften nicht für die Daten ihrer Kunden
  8. Private Daten besser schützen
  9. Recht auf Anonymität etablieren
  10. Profilbildung über Menschen verhindern
  11. Whistleblower-Schutz verbessern

Dazu möchte ich nur eine Bemerkung machen: Grundsätzlich scheint mir beides nachvollziehbar – die Forderung nach einer Ausweispflicht, damit man beispielsweise auch per Internet abstimmen kann und beim Abschluss von Kaufverträgen eine gewisse Sicherheit hat UND die Forderung nach dem Recht auf Anonymität im Netz. Gerade diese beiden Positionen scheinen aber kaum vereinbar zu sein – wenn es nämlich Ausweise gibt, welche »seriöse« Seite würde dann darauf verzichten, die einzusehen – und was könnte man dann anonym noch tun?

* * *

Daran schließt eine Diskussion an, die ich für außerordentlich wichtig halte: Die Rolle von Frauen im Internet. Grundsätzlich könnte man ja denken, dass gerade durch die Semi-Anonymität das Geschlecht im Internet zu einem Faktor geworden ist, den man vernachlässigen kann. Die ersten Phasen intensiver Internetnutzung in der Adoloszenz habe ich zu einem großen Teil damit verbracht, mich auf Chats als Frau auszugeben (ich bin keine, bevor es zu Verwechslungen kommt) – mit dem Resultat, dass mir klar geworden ist, wie wenig wir intuitiv wahrnehmen, dass ein Internetprofil nichts mit der wirklichen Welt zu tun haben muss.

Die Diskussion, die ich meine, lässt sich in folgenden Punkten zusammenfassen (und in diesem Emma-Artikel nachlesen):

  1. Das Netz wird in allen Belangen mindestens zur Hälfte von Frauen genutzt (auch was das Verfassen von Blogs etc. betrifft.)
  2. In der öffentlichen Wahrnehmung (Blogcharts, Twittercharts etc.) dominieren Männer das Netz.
  3. Sexismus 2.0 bedeutet, dass Kompetenz im Bezug auf Technik und Internet nur Männern zugeschrieben wird.
  4. Sexismus 2.0 bedeutet auch, dass sich Frauen in Kommentaren beschimpfen lassen müssen, wie das sonst nur Nazis über sich ergehen lassen müssen (»Suchen Sie sich einen Mann und sitzen Sie nicht vor technischen Gerätschaften wie dem Computer.«)
  5. Auch wenn das Internet »post-gender« sein könnte (also die Geschlechterrollen keine Rolle mehr spielen könnten) – ist es zu stark mit der wirklichen Welt verflochten und Teil davon, als dass die Probleme des Geschlechterverhältnisses nicht auch aufs Internet übergreifen könnten.
  6. Das Problem scheint zu sein, dass Sexismus sich im Netz verstärkt.
  7. Die Lösung des Problems scheint zu sein, dass sich Frauen vernetzen und ihren Status als Expertinnen betonen.

(Als Beispiel noch die Schweizer Twittercharts, Woche 29:
1. @mcschindler – PR 2.0-Expertin, 11. @sufranke – Corporate Communications-Expertin, 12. @rhinnen – Informatikerin und Experint von Online-Marketing. Und dann kommen mit @shibby und @sphings zwei Frauen, die sich nicht primär als Web/Technik-Expertinnen hervortun.)

Tipps zum Weiterlesen zu dieser Thematik: Der Blog von Anne Roth und die Seite von Antje Schrupp.

12 thoughts on “Das böse Internet – und Sexismus 2.0

  1. Da sind zum Thema Frauen ein paar interessante Beobachtungen drin, die ich auch schon gemacht habe. Eine Unschärfe in der Sprache habe ich noch ausgemacht. Die genannten Frauen „geben sich nicht als Expertinnen aus“, sie sind Expertinnen.

    • Danke für den Hinweis – meinte damit keinesfalls die genannten Frauen, sondern „Noch-Nicht-Expertinnen“. Passe den Satz aber noch an.

  2. Ich check das nicht. Du sprichst sehr viele Themen, deren Zusammenhang ich nicht ganz verstehe. Wo soll nochmal genau das Problem liegen? Und wieso sollten sich Frauen untereinander vernetzen? Damit sie „gegen“ die Herren eine Chance haben?

    Ich finde, dass genau durch Social Media soziale Hürden überwunden werden und die gehen viel weiter als nur der Unterschied zwischen Mann und Frau.

    • Die Punkte mögen etwas aus dem Zusammenhang gerissen wirken – es handelt sich um die m. E. wichtigsten Aspekte der Diskussion zum Thema Sexismus 2.0 (vgl. Emma).
      Deine Haltung ist eine Seite, die man aber auch in Politik und Wirtschaft vertreten könnte: Frauen können/dürfen alles, wo liegt das Problem? — Im Web darin, dass die Amateurstrickbloggerin weniger Erfolg hat (=Aufmerksamkeit) als der Amateurpolitblogger. Warum? Eben das weiß niemand so genau, oder?

  3. sufranke > «Ich finde, dass genau durch Social Media soziale Hürden überwunden werden und die gehen viel weiter als nur der Unterschied zwischen Mann und Frau»: Warum ist es denn so, dass ca. 90 Prozent der Blogger männlichen Geschlechts sind, und die Diskussion in Foren, Kommentarfeldern von Blogs usw. zu gefühlten 99 Prozent von Männern geführt wird? Offenbar sind noch lange nicht alle Hürden überwunden. Im Netz zeigt sich das gleiche Bild wie in der Kulturszene, Politik, Wirtschaft: es sind vor allem die Männer, die sich exponieren.

  4. @Bobby ich wüsste nicht wer das den Frauen verwährt. Jeder kann sich jederzeit einen Blog zulegen und Kommentieren. In Politik und Wirtschaft kann ich das eher nachvollziehen. (leider sogar sehr gut).

    • @sufranke: JedeR kann sich jederzeit in Politik, Wirtschaft, Kultur, in Blogs exponieren. Der Mechanismus, warum Frauen das in Politik und Wirtschaft (was du gut nachvollziehen kannst), tw immer noch meiden ist exakt analog zum Mechanismus, warum Frauen es im Netz meiden: über plumpe Reduktion auf stinzeitmässige Rollenbilder werden sie oft systematisch angegriffen und diffamiert. Eine Vernetzung von im Netz aktiven Frauen ist notwendig, um gemeinsam und mit gestärktem Rücken dagegen anzugehen.

  5. sufranke > «Jeder kann sich jederzeit einen Blog zulegen und Kommentieren. In Politik und Wirtschaft kann ich das eher nachvollziehen»: Warum nur in Politik und Wirtschaft? In allen Sphären zeigt sich doch das genau gleiche Bild: Gemäss der traditionellen Rollenverteilung ist es das Privileg der Männer, sich in der Öffentlichkeit zu exponieren. Es gibt zB auch viel mehr Musiker als Musikerinnen, mehr Künstler als Künstlerinnen usw.

    Dass das Internet «soziale Hürden überwinden» kann, ist offensichtlich reines Wunschdenken. Denn die meisten Blogger sind Leute mit mittelständischem Hintergrund: Journalisten, Computertechniker, PR-Fachleute, Studenten usw. Wieviele Blogs kennen Sie denn, die von Lastwagenchauffeuren oder Verkäuferinnen geschrieben werden?

  6. Bei den digital natives ist der Geschlechterunterschied in der Techniknutzung bestimmt nicht mehr so gross, wie in den Generationen davor. Aber das alte Rollenklischee von Frauen, die sich nicht für Technik zu interessieren haben, ist noch durchaus lebendig. Da gibts noch eine ganze Menge Männer (auch der jüngeren Generationen) denen das arg an der Ehre kratzt, wenn eine Frau sich in diesem Bereich besser auskennt als sie selbst. Dito bei Politik und Wirtschaft. In der Schweiz ist das noch besonders stark ausgeprägt. (Das mit der Einführung des Frauenstimmrechts ist ja auch noch nicht so lange her).
    Expertinnen in den oben genanten Bereichen hängt einfach nach wie vor ein bisschen der Ruf des «unweiblichen» an. Dem möchten Frauen sich wohl (bewusst oder unbewusst) nicht unbedingt aussetzen.

  7. Einfach noch zur SuisseID.
    Teile Deine Meinung und Gedanken zu diesem Thema.
    Die SuisseID berücksichtigt das aber weitgehend, weil:
    – ich kann sie nach freier Wahl von mehreren Lieferanten beziehen;
    – ich kann mehrere SuisseIDs mit mehreren SuisseID-Nummern haben;
    – ich kann selbst pseudonyme SuisseIDs haben
    (wobei in diesem Fall der Provider die Identität natürlich kennt).

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