Der Kontinent Afrika // Deutschland – Fussball, Rassismus und Nationalismus

Bei der Analyse von Cobra Verde (Werner Herzog, D 1989) wird ab und zu angemerkt, das Ende sei symbolisch für das Verhältnis von Afrika zu den Kolonialisten zu lesen:

Die zahllosen Kommentare zu Afrika während der Fussballweltmeisterschaft 2010 können ähnlich symbolisch gelesen werden. Zwar warnte Richard Reich  in der NZZ Beilage zur Fussball WM vor Beginn dieser Veranstaltung:

Man muss nicht in hundertjähriger Welteroberer-Literatur graben, um auf lupenreinen Rassimus zu stossen. Dieser lauert auch 2010 noch überall.

Und tatsächlich: Der Ghanaer Hans Sarpei ist auf ARD plötzlich deshalb ein guter Verteidiger, weil er seit seiner Kinderheit die »deutschen Tugenden Ordnung und Disziplin«gelernt hat.

Ghana ist generell ein treffendes Beispiel: Die Rede davon, die Nationalmannschaft dieses Landes vertrete einen ganzen Kontinent, kann man kaum noch hören, auch wenn Sie nicht von Europäern geäußert wird. David Signer bringt das in der NZZ wie folgt auf den Punkt:

Nix «Heimspiel». Der Ivoirer kümmert sich im Allgemeinen einen Dreck darum, was in Kamerun geschieht, und die Südafrikaner halten sowieso alle andern für Wilde. Ein Nigerianer würde es kaum wagen, mit seiner Nationalflagge durch die Strassen Johannesburgs zu kurven: Seine Landsleute gelten dort allesamt als Drogendealer und Gangster, und falls sie einer geregelten Arbeit nachgehen: Umso schlimmer, dann nehmen sie den Einheimischen den Job weg.

Deshalb ist es auch so symbolisch wie falsch, wenn bei afrikanischen Mannschaften immer gesagt wird, »die Afrikaner«. Natürlich sagt man auch »die Asiaten«oder »die Südamerikaner« – aber Rassismus ist es doch, wenn einer Rasse gewisse Eigenschaften zugeschrieben werden, die dann wieder gewertet werden können.

Wie wenig solche Analysen den Fussball treffen, sieht man nur schon, wenn man die Herkunft der Spieler mal genau analysiert. Selbst in Nordkoreas Team findet sich ein Spieler, der für Japan, Südkorea oder Nordkorea hätte spielen können, und so geht es anderen Mannschaften auch: Der Argentinier Higuain wurde schon für Frankreichs Nationalteam nominiert, die Boateng-Brüder spielen in zwei verschiedenen Nationalmannschaften (Deutschland und Ghana), leben aber beide im nächsten Jahr in England.

Man darf sich also fragen: Was bedeutet es, dass alle zwei Jahre zu einem großen Fussballfest plötzlich die Nationen so viel Bedeutung erhalten? Dass man Fahnen montiert, sich T-Shirts überzieht und in Analysen Politik, Kultur und Geschichte so vermischt, dass plötzlich der Kick elf Männer auf einem Platz eine nationale Dimension bekommt?

Man kann sagen, dass es völlig harmlos sein, wenn die oben abgebildeten Bauarbeiter aus Ostdeutschland, die in der Schweiz leben, ihre deutsche Fahne montieren (Bild aus der Zeit, übrigens). Das ist doch noch ganz lustig, wie sich die Deutschen verkleiden, gar nicht ernst gemeint, und wenn schon habe die Flagge Deutschlands eine demokratische Symbolik.

Und andererseits kann man sich schon fragen: Warum sind gerade Menschen, die Grenzen überschritten haben, die täglich mit der Frage von Integration oder Ausschließung konfrontiert sind, die explizit nicht in Deutschland leben wollen, obwohl sie sicher dort leben könnten, warum kramen sie plötzlich die Symbole einer Nation hervor, der sie den Rücken gekehrt haben? Und kommt bei ihnen dann plötzlich nicht ein Gefühl auf, das etwas mit »wir« zu tun hat, und einem Gefühl der Überlegenheit über »die anderen« – obwohl niemand so genau sagen kann, wann man wir und wann man die anderen ist? (Vgl. dazu diese Geschichte aus der Morgenpost über die Deutschlandfahne in Neukölln.)

* * *

Mein Vorschlag wäre: Schauen wir die Spiele an. Fiebern wir mit. Aber versuchen wir einen Moment lang zu vergessen, dass hier Nationen vertreten werden – weil dem nicht so ist. 11 oder 24 Männer mit ihren Betreuern repräsentieren kein Land, keine Nation, keine Grenzziehung, keine Kultur. Aber sie können Fussball spielen. Und auch wenn Sepp Blatter (nicht der Hund) in seiner Senilität, Eitelkeit und was auch immer diesen Mann noch zu einem wahnwitzigen Clown-Diktator im Anzug gemacht haben mag, auch wenn der meint, er habe einem Kontinent einen Dienst erwiesen, weil er ihn mit Fussball und Kommerz bedacht hat – es geht nicht um Kontinente und nicht um Politik oder Entwicklungshilfe. Sondern um Fussball – und wie man damit Geld verdienen kann.

Abschließend sei noch mal David Signer zitiert:

Millionen von barfüssigen Kindern in den Armenvierteln träumen davon, ein zweiter Eto’o oder Drogba zu werden. Wozu noch in die Schule? Besser auf einen weissen Scout warten, der einen ins Paradies nach Europa holt. In diesem Sinne ist Sepp Blatter kein Entwicklungshelfer, eher eine Art Rattenfänger von Hameln.

6 thoughts on “Der Kontinent Afrika // Deutschland – Fussball, Rassismus und Nationalismus

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  2. Meinst Du nicht, dass Du die Nationale Identität doch ein bisschen überbewertest, wenn Du sagst, die deutschen Bauarbeiter auf dem Bild hätten sich entschieden „explizit nicht in Deutschland leben [zu] wollen“.
    Vielleicht sind diese Leute die wahren Post-Nationalisten…

    • Das kann gut sein – ich verstehe das aber nicht so genau: Weshalb, würdest du denn sagen, hissen sie die Fahne?

      • Den Vergleich find ich treffend. Allerdings würd ich dich dann nicht unbedingt als den »wahren Post-Religiösen« bezeichnen, es sei denn, deine Weihnachtsfeierlichkeiten bewegten sich in solchen Dimensionen…

  3. „die Afrikaner“ in den vielen TV-Kommentaren sind mir auch aufgefallen; wollte sogar jemanden überreden, das im Rahmen einer linguistischen Liz-Arbeit mal zu analysieren; bisher erfolglos, aber ich bleibe dran :-)

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