Die WM – und Pop-Nationalismus

Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. — Wilhelm Genazino

Morgen beginnt die WM – und wir werden wieder wissen, wie wir drei Wochen lang unsere Langeweile verscheuchen können. Fernseher an, Bier auf – und jeden Tag läuft etwas ganz Wichtiges am Fernsehen. Morgen um vier Uhr beispielsweise wird Südafrika gegen Mexiko antreten. Und wir werden gebannt hinsehen.

Die Frage, warum man sich denn ausgerechnet Südafrika gegen Mexiko anschauen soll, und ob denn jemand auch nur einen Spieler der beiden Mannschaften kennt, wird von Experten wie Laien weggewischt: Um Stimmung geht es. Um Dabeisein. Erinnerungen. Mitfiebern. Zusammensein. Lauter Gutes, das uns der Fussball bringt.

Fragte man aber noch etwas mehr nach Südafrika und Mexiko, so kämen wohl bald kulturelle Klischees: Die Südafrikaner sind doch die mit der Apartheid. Und die Mexikaner die mit den lustigen Hüten und Gitarren. Und Tacos essen die. Mit scharfer Sosse. Sowas, halt, kennen wir ja alle.

Und das ist noch der harmlose Teil. Wenn es dann um die Länder geht, für die man wirklich einsteht – Deutschland, die Schweiz, Italien, Spanien etc.: Dann geht es plötzlich um nationale Erfahrungen. Da werden Fahnen geschwenkt. Bei Twitter Avatare geschmückt. Trikots getragen. Autos eingefärbt. Etc. Und so locker das alles sein mag, so gern wie wir die fremden Menschen alle umarmen mögen, die mit uns für die gleiche Mannschaft waren; so rückständig ist es doch.

Nationen sind Konstruktionen, und es ist weder lustig noch zeitgemäß, so zu tun, als bedeute es etwas, SchweizerIn zu sein oder aber wenn die Schweiz ein WM-Spiel gewinnt. Beides bedeutet nichts über das hinaus, was es besagt: Einen Schweizer Pass haben. Ein Spiel gewinnen.

Und wenn das bei Deutschen eine besonders hässliche Fratze zu haben scheint, so spielt das doch gar keine Rolle: Weder barbeinige Brasilianerinnen noch der glatzköpfige Serbe sollen wegen eines Fussballspiels so stolz auf ihr Land sein, dass sie den Eindruck haben, ihre Nation sei »besser« als eine andere, die Mitglieder ihrer Nation sollten mehr Rechte haben als andere Menschen etc. Und all das sagt niemand, es geht ja schließlich nur um Fussball – und doch ist es mitgemeint.

Soviel Kritik bevors losgeht. Morgen bin ich dann auch mit dabei. Wenn auch ohne Fanshirt.

9 thoughts on “Die WM – und Pop-Nationalismus

  1. Also dieser Link, den Du da gepostet hast, hinterlässt mich etwas ratlos…aber das ist ja hier nicht der richtige Ort um diesen Artikel zu kommentieren (scheint übrigens ein Ex-Kommilitone von mir zu sein).

    Ich meine, rückständig ist es, diesem Nationalismus den Gefallen zu tun, ihn ernst zu nehmen. Diese ganze Folklore ist doch auch herrlicher Unsinn.
    Darüber hinaus empfinde ich die Neuseelandfahne, die ich gerade aus dem Fenster am Balkon meines Nachbarn flattern sehe, auch als einen wunderbaren Kontrast zum allgemeinen Politikdiskurs, der sich ja scheinbar nur um Assimilation und Integration dreht. Also um die vermeintliche Pflicht „des Anderen“ seine Existenz vor der Mehrheitsgesellschaft zu verstecken, um sie nicht zu beunruhigen.
    Ich finde es jedenfalls ganz lässig, wenn ich an einem Mietshaus vorbeikomme, an dem 10 unterschiedliche Fähnchen aus den Fenstern hängen, aber das ist vielleicht so ein Ausländerding…

  2. Absolut richtig. Die Rechtfertigung, es handle sich dabei jeweils um kontingenz-bewussten, ironischen Nationalismus ist einfach nicht richtig, ausschlaggebend ist der Wunsch einer isolierbaren Gruppe angehören zu wollen. Das Kontingente an der Nationszugehörigkeit wird nämlich als totalitär gefühlt und gerade deswegen geschätzt.

    • Also ich finde es schon etwas weit hergeholt, die Probleme nationaler (und auch ganz allgemein kultureller) Identitäten jetzt einer Ballsportveranstaltung anhängen zu wollen, wo es doch im Prinzip nur um ein bisschen Olé-Olé und Dosenbier geht.
      Der Fussball ist doch bestenfalls ein Indikator, der unangenehme Menschen einfach sichtbarer macht. Der Rest feiert eine bunte Party.
      Ich schaue jedenfalls lieber mit meinem portugisischen Kumpel im Kulturverein Lusitania Fussball, als mit irgendwelchen Pseudointellektuellen, die sich als „Weltbürger“ bezeichnen (was sich im Wesentlichen darin äussert, dass sie gegen Deutschland sind).

      Im übrigen ist die „Nationszugehörigkeit“ mindestens genauso eine Fremdzuschreibung wie eine selbstbestimmte Tat. Der Angestellte in der Dönerbude unten an der Ecke wird von seinem Umfeld als „der Türke“ betrachtet, egal ob er nun das rote Fähnchen ins Schaufenster hält oder nicht.

  3. Ginge es eben nur um Olé-Olé und ein paar Dosenbier mit dem portugiesischen Kumpel – dann sehr gerne. Ich kann auch nachvollziehen, dass gerade die durch eine Nationalisierung erfolgte Emotionalisierung des Geschehens viel zum Reiz beiträgt (so der Seitenhieb gegen die Pseudointellektuellen) – und gestehe gerne zu, dass die langweiligste Position, die es gibt, die ist, gegen Deutschland zu sein.
    Aber auch wenn alle ein bisschen ihre Fähnchen hissen, so muss ich doch Blargx Recht geben: Nationalismus lässt sich schwer ironisch brechen. In der Schweiz empfinden wir wohl deshalb die neuseeländische Flagge als »herzig«, weil wir uns generell den Neuseeländern überlegen fühlen, zumal »wir« »sie« schon im Segeln geschlagen haben, die etwas mit »Kiwis« zu tun haben und überhaupt Neuseeland aussieht wie die Schweiz (und nicht umgekehrt).
    [Aber wie der Schluss meines Posts andeuten soll: Man muss und soll mitfiebern. Aber ich würde mir wünschen, man würde den Nationalismus nicht zu sehr bemühen, wenns geht.]

    • Ich wollte ja auch nur andeuten, dass ich einen multikulturellen Ansatz einer Negation von nationaler Identität allemal vorziehe, denn letztere ist m. E. utopisch und führt dadurch nur zu einer Festigung des nationalistischen Status Quo.

      Und:
      Hast Du nicht soeben selber in Deinen Kiwi-Ausführungen den Nationalismus ironisch gebrochen? Naja, ich habe soeben festgestellt, dass es im Viertelfinale durchaus zu der Partie Schweiz gegen Neuseeland kommen kann. Dann wollen wir doch mal sehen… ;)

  4. „Nationen sind Konstruktionen, und es ist weder lustig noch zeitgemäß, so zu tun, als bedeute es etwas, SchweizerIn zu sein […]. “

    Da unterschätzt der Autor aber die Bedeutung der Nation. Nationen sind eben nicht nur einfache Konstruktionen. Und ob es jemals „lustig oder zeitgemäss“ war SchweizerIn zu sein, sei auch mal dahingestellt.

    Weiter sollte es klar sein, dass es einen Unterschied zwischen Nationalismus, Chauvinismus und eben Patriotismus gibt. Deshalb darf der Autor ohne Probleme sogar mit Fan-Shirt dem Fussballspiel frönen! ;)

    • Dass es sich um »einfache Konstruktionen« handle, habe ich nie behauptet: So eine Nation zu konstruieren ist zugegebenermassen recht komplex.
      Und dass es für viele Menschen etwas (was?) bedeutet, SchweizerIn zu sein, das ist mir auch klar – meine Aussage war wohl eine normative: Es sollte nicht so sein, dass das etwas bedeuten sollte – weil dadurch Grenzen gezogen werden, die in dieser Form keine Berechtigung haben und diskriminierend sind.
      Aber auf einer ganz grundlegenden Ebene entsteht Bedeutung wohl immer als etwas, was in der Realität kein Fundament hat.

      (Bezüglich des Unterschieds von Nationalismus, Chauvinismus und Patriotismus wäre ich etwas vorsichtig: So scharf scheinen mir diese Begriffe nicht trennbar zu sein…)

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