Pokern – von Glück und Geschlicklichkeit

Die Pokerszene ist empört: Nun befindet doch das Bundesgericht tatsächlich, Poker sei kein »Geschicklichkeitsspiel« – sondern vielmehr ein »Glücksspiel«.

Basis ist das Unterscheidungskriterium der ESBK, der Spielbankenkommission, das wie folgt formuliert ist:

Ausserhalb konzessionierter Spielbanken ist das Glücksspiel um Geld oder geldwerte Vorteile in der Schweiz verboten, nicht aber das Geschicklichkeitsspiel. Deshalb kommt der Frage, ob ein Spielgewinn überwiegend vom Geschick oder vom Glück abhängt, eine zentrale Bedeutung zu.

Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) prüft auf Gesuch hin oder von Amtes wegen, ob bei einem konkreten Spiel der Gewinn überwiegend durch den Zufall oder das Geschick des Spielers bestimmt wird. In der Praxis werden vor allem automatisierte Spiele beurteilt.

Diese Unterscheidung ist in Bezug auf  kommerzielles Glück- bzw. Geschicklichkeitsspiel grundsätzlich sinnwidrig: Wenn es nämlich von meinem Geschick abhängt, ob ich ein Spiel gewinne oder verliere, dann spiele ich nur dann, wenn ich häufiger gewinne als verliere. Was wiederum bedeutet, dass niemand ein für mich attraktives Spiel anbieten wird (man sehe sich mal die in Bars aufgestellten Spielautomaten an).

Das Problem des Glücksspiels hingegen ist, dass viele Menschen sie spielen, auch wenn sie wissen, dass ihre Chance zu gewinnen kleiner ist als die Chance zu verlieren.

Der Gesetzgeber hat nun zwei Absichten:

  • Spielsüchtige und ihr Umfeld schützen
  • mit Glücksspiel Geld verdienen.

Dass sich diese beiden Absichten widersprechen, wird evident, wenn man sich mal in einem Automatenkasino in der Schweiz umsieht. Da gibt es nichts von einer glänzenden Glücksspielwelt, in der High Roller ihr Vermögen ein wenig vermindern – vielmehr sind es sozial schwache Menschen, welche das Geld verspielen, das sie nicht verspielen dürften. (Über die Argumente der Branche selbst habe ich mich hier schon einmal geäußert.)

Konsequent wäre entweder eine völlige Liberalisierung von Glücksspiel (gewisse Standards könnte man durchaus noch staatlich vorgeben, z.B. dass Kunden über die Gewinnchancen orientiert sein müssen) oder aber ein komplettes Verbot. Dazwischen – so finde ich – gibt es keine sauberen Lösungen.

Zurück zum Poker: Glück oder Geschick? Nur in vom Bund konzessionierten Betrieben – oder der kantonalen Gesetzgebung unterstellt?

Leute vom Schlage eines Rainer Kuhns sind da sehr schnell mit einer Antwort: Wäre Poker ein Glücksspiel, gäbe es keine Pokerprofis. Fertig. Wer auch immer eine andere Meinung vertritt, hat keine Ahnung von Pokern.

Ich habe sehr viel Poker gespielt und fast alles gelesen, was es an mathematischer Literatur über Poker gibt. Wie die meisten nicht-professionellen Pokerspieler würde ich aber sagen, dass sich meine Verluste und meine Gewinne die Waage halten: Und wie die meisten nicht-professionellen Pokerspieler würde ich dabei lügen. Wenn es nämlich Pokerprofis gibt, die sehr viel Geld verdienen – muss es Menschen geben, die sehr viel Geld verlieren mit Pokern.

Deshalb muss das Bundesgericht bzw. die ESBK sich nicht fragen, ob es für einen erfahrenen Profi ein Glücksspiel ist, das Pokern – sondern für die Frau von der Strasse. Und dann dürfte es nicht schwer sein, anzuerkennen, dass Glück ein zentraler Faktor ist.

Und zum Schluss möchte ich noch zwei Argumenten begegnen:

  • Pokerturniere sind unproblematisch, weil die Teilnahmegebühr begrenzt ist und sie nicht süchtig machen (so argumentiert bspw. Constatin Seibt): Wer Turniere spielt, spielt auch Cash-Games. Und Cash-Games unterliegen genau den gleichen Mechanismen wie jedes andere Glücksspiel: Sie machen süchtig.
  • Die alte Leier von den Arbeitsplätzen: Rührselige Storys wie diese zeigen uns, wie unmenschlich das Bundesgericht vorgeht, weil Menschen sogar Arbeitsplätze verlieren wegen dem Verbot. Rechtssprechung (so plötzlich dieses Urteil für gewisse Unternehmer erfolgen muss, so absehbar war, dass das Bundesgericht diese Entscheidung wird fällen müssen) orientiert sich nicht an Arbeitsplätzen. Legal ist nicht, was am meisten Arbeitsplätze schafft, sondern was dem Gesetz entspricht. Und das kann sich ändern – so schade das für die Angestellten und die Unternehmenden sein mag.

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