Alles gratis: Google, Facebook und Co. – und »the dark side«

Das Internet ist ein eigenes Wirtschaftssystem, das es mit der Volkswirtschaft ganzer Länder aufnehmen kann. Mit Gütern und Dienstleistungen werden online bald mehrere hundert Milliarden Dollar umgesetzt – das ist historisch unerhört. Wir bauen gerade ein Wirtschaftssystem auf, in dem alles, was sich in Bits umwandeln lässt, früher oder später kostenlos sein wird. — Chris Anderson, zitiert im NZZ Folio »Gratis«

Täglich nutzen wir Gratisangebote: Google stellt ein Softwarepaket bereit, mit dem vom Browser über das Mailprogramm, das Office-Paket, die Datenspeicherung, das Videoportal bis zum Kollaborationstool (Google-Wave braucht ab sofort keine Einladung mehr und ist für alle offen) alles kostenlos genutzt werden kann; Facebook betreibt ein komfortables soziales Netzwerk, für das wohl 100 Millonen Menschen bereit wären, einen Obolus zu entrichten – und doch ist es komplett gratis.

Nun wird wohl der aufmerksame Leser einwenden: Gratis, pha! Werbung, Werbung – damit verdienen die doch ihr Geld, und dann verkaufen die unsere Daten. Und so.

Und diesen aufmerksamen Leser frage ich zurück: Wie viel würdest du für deine Daten zahlen? Wie viel sind die Dinge, die ich auf meinem FB-Account poste, wert? Auf wie viele Werbebanner klickst du so pro Tag? Und wie viel ist das wert? Ich persönlich verstehe die Werschöpfungskette von Google und Facbebook nicht ganz: Ich habe m.E. kaum einen Franken in meinem ganzen Leben in diese beiden Firmen investiert und nutze die dafür angebotene Software intensiv.

Damit soll aber nicht gesagt sein, die Technologien seien gefahrenlos oder die Unternehmen wüssten nicht, was sie tun. Zwei Beispiele seien erwähnt:

1. Apple vs. Adobe/Google: Flash, Apps
Diese Parodie auf die gegenseitigen Liebesbekundungen von Adobe und Apple scheint der Realität näher zu sein: In diesem exzellenten Artikel wird auf Mobile Opportunities dargestellt, welche Ziele die Unternehmen Apple und Adobe verfolgen – und wie sie diese Ziele verkaufen. Wenn Apple von »Innovationen« spricht, dann ist damit generell Kundenbindung gemeint: Apples zwei wichtigste Ziele sind:

  1. Möglichst viel Software soll nur auf einem Apple OS und einer Apple Hardware laufen (damit Apple mitverdient).
  2. Möglichst viele Inhalte sollen durch die Kanäle von Apple vertrieben werden (iTunes) (damit Apple mitverdient).

Die ganze Strategie ist darauf ausgerichtet. Aber dasselbe gilt für Adobe (und für Google): Ihre Plattformen sollen universell werden, d.h. hard- und softwareunabhängig, damit sie damit möglichst viel machen können (und mitverdienen). Flash ist gedacht als eine Plattform, die auf mobilen Geräten wie Computern sämtliche Inhalte darstellen kann, nur ist sie dafür einerseits zu schlecht und andererseits haben andere Player gemerkt, was Adobe will (z.B. eben Apple).

Google widersetzt sich ja erfolgreich dem AppStore und lässt alles über den Browser und WebApps laufen: Mit dem Ziel, dass letztlich alle Software im Browser laufen könnte und wir nichts anderes mehr bräuchten, als Google-Produkte (und dann rundumversorgt werden mit personalisierter Werbung).

2. Der Facebook-Like Button

Überall taucht er auf: Der nach oben gestreckte Daumen. Ein Klick – und »man« weiß, dass »ich« mag, was ich gelesen, gesehen, konsumiert habe. Harmlos, könnte man denken – und ja, ist es eigentlich auch. Aber was steckt dahinter?

Wie man bei Literaturcafé nachlesen kann (wo der Button wieder entfernt worden ist), erhält Facebook (quasi im Tausch für das Anbieten des Buttons) eine Menge Informationen über die Seite und ihre Benutzer, auf der der Button ist (die IP-Adresse aller User, woher sie gekommen sind etc.). Das kann u.U. auch mit dem bei FB angemeldeten User verknüpft werden, so dass (ich übernehme das Beispiel) FB plötzlich weiß, dass jemand nach »wie kommuniziere ich meinem Partner einen Seitensprung« gegooglet hat und so auf diese Seite gekommen ist.

Was heißt das nun?

Mein Fazit wäre das folgende:

  • Wir sind nicht so interessant, wie wir denken. Menschen mögen Seitensprünge machen und abartige Phantasien haben: Aber die meiste Zeit denken wir darüber nach, welche Joghurtsorte am besten schmeckt und was wann im Fernsehen läuft. Wenn wir das online jemandem mitteilen, interessiert sich dafür kein Schwein. Und wenn jemand diese Informationen oder Daten hat – dann interessiert sich dafür noch immer kein Schwein. Auch nicht für unsere Urlaubphotos, unsere »Freunde« und unseren Farmville-Account.
  • Die Dienstleister, die wir nutzen, sind Unternehmen. Sie machen nichts aus Menschenfreundlichkeit. Sie wollen mit allem Geld verdienen. Man kann davon ausgehen, dass viele der Unternehmen noch nicht genau wissen, wie sie das, was sie machen, zu Geld machen können – aber sie werden nicht davor zurückschrecken.
  • Ein übergeordnetes Problem ist die Wirkungsweise von Werbung und insbesondere Online-Werbung. Ohne jetzt sehr viel darüber zu wissen und einfach aus dem Bauch raus: Da wird mehr investiert, als man rausholen kann.
  • Privatheit steht in einem dialektischen Verhältnis zu Öffentlichkeit, oder einfach: Privat ist das, was nicht öffentlich ist. Wenn man also seine Privatsphäre schützen möchte, gäbe es einen einfachen Weg (wie von @plomlompom vorgeschlagen): Man macht alles öffentlich, was vorher privat war – und die Privatsphäre braucht man nicht mehr. Oder aber: Man man nichts öffentlich und der umgekehrte Effekt entsteht.

Hier ein sehr schöner Artikel zum Weiterlesen aus dem Textarchiv der Berliner Zeitung, geschrieben von Marin Majica.

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