»Der Presserat tritt nicht auf die Beschwerde ein«

Als ich 18 Jahre alt war, war ich zum ersten Mal auf einer Gemeindeversammlung in Birmenstorf. Auf meinen Vorschlag hin, das Geld für Busabonnements den Eltern von ortsansässigen SchülerInnen nicht mehr auszuzahlen, sondern ihnen einen Gutschein für ein Abo zuzuschicken (weil Schwarzfahren ein ärgerliches Problem war, das für mich oft zu Busverspätungen führte), erhielt ich von einem Gemeinderat den wohl wohlgemeinten Ratschlag, es doch an einer anderen Gemeindesversammlung noch einmal mit einem Vorstoss zu versuchen: Beim ersten Mal könne man gar keinen Erfolg haben, niemand wolle einem 18-Jährigen zustimmen.

Mit dieser Anekdote leite ich über zu meiner ersten Presseratsbeschwerde wegen den im Magazin veröffentlichten Briefen von Müttern an ihre Kinder, die sie an einer Babyklappe in Lübeck abgegeben haben. Ich habe dahingehend argumentiert, dass

a) persönliche Briefe nur mit dem Einverständnis ihrer Verfasser abgedruckt werden dürfen und

b) die Briefe verstießen gegen die Menschenwürde der in ihnen erwähnten Babys.

Am Samstag habe ich die Erwägung des Presserats erhalten, ich drucke sie unten ab, da sie noch nicht auf der Homepage veröffentlicht sind. [Update: Hier ist die Erwägung online.]  Der Presserat hält meine Beschwerde für »offensichtlich unbegründet«.

Aus seiner Argumentation lässt sich schließen, dass es in der Schweiz okay ist

  1. Briefe abzudrucken, auch wenn die Verfasser und Empfänger nicht einverstanden sind; nämlich dann, wenn man Verfasser und Empfänger nicht um Erlaubnis bitten kann.
  2. persönlichste Stellungnahmen ohne Einwilligung abzudrucken, sofern der Eindruck entsteht, das »Ansehen« der davon betroffenen Personen werde dadurch nicht »beeinträchtigt«.

Man erkennt an meiner etwas säuerlichen Reaktion: Ich halte es immer noch nicht für vertretbar, diese Briefe abzudrucken.

* * *

Als Rückmeldung auf meine Beschwerde habe ich eine Email von einer Familie erhalten, welche ein Kind adoptiert hat, das an einer Babyklappe abgegeben worden ist. Die Email dokumentiert sehr schön, welche Probleme durch eine solche Publikation auch für das Kind (oder v.a. für das Kind) entstehen – und ihre Verfasser geben an, die Mütter hätten diese Briefe »in größtem Vertrauen unter Zusicherung von Anonymität (z.T. persönlich!)« der Leiterin der Babyklappe Lübeck, Friederike Garbe, abgegeben. Diese scheint allerdings das Rampenlicht eher zu suchen als zu meiden – und Anonymität für einen eher weniger wichtigen Wert zu halten.

3 thoughts on “»Der Presserat tritt nicht auf die Beschwerde ein«

  1. Und hast du später mal was durchgebracht an der Gemeindeversammlung oder ist es bei dem einen missglückten Versuch geblieben??

    So oder so; gut, hast du die Beschwerde eingereicht!

    • Danke – ja, einige Jahre später hab ich das dann doch noch geschafft, kurz bevor ich in Gemeinden zu leben begonnen habe, die diese politische Institution nicht kennen… 

  2. Pingback: Update: Petarden-Kampagne und Beschwerde beim Presserat | Philippe Wampfler bloggt.

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