Von Feiertagen, Tradition und Religion – oder: Was tut man am Pfingstmontag?

Eine meiner Ideen, die zwar nicht besser werden, wenn ich sie oft wiederhole (aber vielleicht kann das Niederschreiben diesen Wiederholungszwang ja zumindest einschränken) betrifft Feiertage. An denen einfache Arbeitnehmer wie ich und Christoph Blocher frei haben.

Beginnen wir dort, wo alles beginnt: In der Waschküche.

[D]er Waschküchenschlüssel hat Bedeutung über seine bloße Funktion hinaus, eine Tür zu öffnen; er ist ein Schlüssel für demokratisches Verhalten und ordnungsgerechte Gesinnung. — Hugo Loetscher, Der Waschküchenschlüssel

Diese »ordnungsgerechte Gesinnung« sieht also beispielsweise so aus:

Man erkennt unschwer: Im Monat Mai darf zwar am 1. gewaschen werden, nicht aber am 13. (Auffahrt) und auch nicht am 24. (Pfingstmontag). Das alles wird festgelegt von einer anonymen Verwaltung und einer keineswegs anonymen Hauswartin.

Ein leicht naiver Mieter wie ich fragt sich immer, was denn genau am Pfingstmontag passiert. Muss man sich da von dem erholen, was der Heilige Geist am Pfingstsonntag mit einem angestellt hat? Warum kann man da nicht arbeiten? Und warum kann man am Mittwoch vor Auffahrt ab vier Uhr nicht mehr arbeiten? Muss man da Vorbereitungen treffen für die verschiedenen Zelebrationen des Hinscheidens von Jesus?

Solche Fragen stelle ich am liebsten auch meinen Mitmenschen und empfehle allen, es auszuprobieren: Was ist Pfingsten genau? Und warum kann man an Auffahrt nicht arbeiten? Und – das ist der Joker, geht leider nur in katholischen Gebieten: Erklären Sie mir mal Fronleichnam so, dass ich es verstehe. Und: Warum ist Ostern eigentlich immer an einem Sonntag, Weihnachten aber nicht?

Wenn ich mir solche Fragen stelle, dann komme ich als konstruktiver Mensch auch immer auf Lösungsvorschläge: Es mag ja einleuchten, dass man an Weihnachten einen Baum aufstellen möchte und an Ostern ins Tessin fahren. Also können wir diese ehemals religiösen Feiertage gerne beibehalten. Aber alle anderen sollte man einziehen und sie gleichmäßig und sinnvoll übers Jahr verteilen. Mal ein verlängertes Wochenende im Oktober/November platzieren oder einen Dienstag im August frei machen. Dass an diesen Tagen alle frei machen, mag ja einleuchten, und dass wir ohnehin zu viel arbeiten auch. Aber diese sinnlose Kopplung von Freitagen an pseudo-religiöse Feste – damit könnte man, schon nur dem Waschfrieden zuliebe,  aufhören.

5 thoughts on “Von Feiertagen, Tradition und Religion – oder: Was tut man am Pfingstmontag?

    • Das hab ich mir gedacht. Wobei: Kannst du erklären, wie das historisch so gekommen ist – oder kannst du das auch synchron darlegen?

  1. O.o Sie als – Atheist, wenn ich mich nicht irre- sagen also wiederholt dass manche religiösen Feiertage regelmässiger übers Jahr verteilen werden sollen, damit..? Oder wollen Sie vor allem die Feiertage nicht mehr christlich benannt wissen, damit..?
    PS: Wieso muss man wissen, weshalb man am Fronleichnam frei hat? Und: Werden Sie durch das nach Mitbewohnern gerichteten Waschen in Ihrer Lebensqualität beeinträchtigt? Und: Wieso müsste Weihnachten immer an einem Sonntag sein?
    Sorry, letzter Post für mich nicht nachvollziehbar.

    • 1. Ich möchte die Feiertage einfach nach rationalen Prinzipien verteilen – und ein Prinzip wäre, dass in jeder Jahreszeit einige Feiertage liegen; bzw. dass sie allgemein besser verteilt sind.
      2. An der religiösen Benennung stört mich lediglich, wie wenig bekannt die Hintergründe sind.
      3. Wenn man frei hat – wäre es nicht schön, man wüsste auch den Grund dafür?
      4. Ich werde in meiner Lebensqualität behindert, wenn ich an einem Montag nicht waschen kann: Weil das der Pfingstmontag ist.
      5. Weihnachten ist durch ein Datum festgelegt, Ostern, Pfingsten und Auffahrt aber durch einen Wochentag und den Mondzyklus, wenn ich mich nicht irre. Finden Sie das nicht auch inkonsistent?

  2. Das hat mich an einen Text von Ludwig Hasler von anno 1999 erinnert (copyright by weltwoche) – Feiertage privatisieren:

    und: waschmaschinen gibts ab 600.-

    Auffahrt abschaffen!

    von Ludwig Hasler

    Warum halten wir an kirchlichen Feiertagen fest, obschon wir mit der Kirche kaum noch zu tun haben wollen? Eine Ferienwoche mehr wäre redlicher

    Was ist besser: ein inhaltlich entleerter Feiertag oder gar keiner? Dass wir Freitage mögen, ist keine Frage. Aber müssen wir uns die Lizenz zum Freimachen im Kirchcnkalender holen? Warum gönnt sich die «verweltlichte» Gesellschaft nicht einfach eine zusätzliche Ferienwoche – statt offiziell und obligatorisch Ostern und Auffahrt und Pfingsten zu feiern, wenn wir individuell ja doch nur unseren Erlebnis-bnsum steigern wollen?

    Es gibt Orte, da bedeutet Auffahrt noch etwas. Im luzernischen Beromünster zum Beispiel. Morgens um Inf rüsten sich die Leute zur Prozession. Zwei-, dreihundert zu Pferd, darunter die Blasmusik, der Klerus, er Kirchenchor, Hunderte zu Fuss. In grossem Bogen ziehen sie über Land-um gegen drei Uhr nachmittags im alten Flecken feierlich einzuziehen, in der barocken Stiftskirche das «Te Deum» zu singen, während Christus in den Himmel entschwebt, konkret; die Statue im Dachboden verschwindet. Nicht jeder Zauber ist faul. Auffahrt in Beromünster, das ist ein Fest der Sinne – und der Höhengerichtetheit. Mit Frömmigkeit hat es wenig zu tun. Eher mit dem alten Wunsch nach einer Vertikale in der Flachheit des Alltags. Man mag es Theater nennen. Doch dieses Theater feiert das kosmische Drama von Frühlingserwachen, von Tod und Auferstehung und Auffahrt. Kein beliebig freier Tag also, sondern ein exklusiver Feiertag im dramaturgisch durchgestalteten Kalenderjahr. Aber muss deshalb die ganze Schweiz blaumachen? Bloss um in den Stau am Gotthard zu fahren? Um die beliebte «Brücke» zu machen? Wer senkt denn noch an «Christi Himmelfahrt», wie es unverwandt in der Agenda steht? Wer bereitet sich am Pfingstwochenende auf den Überfall ««Heiligen Geistes vor? Urlaub vom Ameisendasein? Natürlich kann man sagen: Ohne Auffahrt und Pfingstmontag würde das Jahr jeder Rhythmik beraubt, entarteten wir vollends zu Arbeitsameisen, bliebe der rasenden Moderne überhaupt keine Pause, Man mag es als überaus sinnvolles Gesehenk der Staatskirche betrachten, dass wir an diesem freundlichen Mai-entag über die blühenden Wiesen streifen, unsere Sinne erfrischen, unse-re Gedanken sammeln, um wenigstens bis Pfingsten erträgliche Menschen- kinder zu bleiben. Es funktioniert bloss nicht. Auffahrt ist wie jeder Massenurlaubstag: Stau, Spass, Stress. Und am Fernsehen keine himmlischen Geschichten; Götz George ballert sich durch den Western «Schatz am Silbersee», Akio Takahashi durchleidet das «Inferno der ersten, Liebe», und nach 22 Uhr lädt der «Hexenclub» zum Kettensägen-Massaker. Das alte Drama zwischen Himmelfahrt und Höllensturz ist zum Horrorstreifen banalisiert. Wenn profan, dann konsequent So ist das nun mal. Einst war Religion das Versprechen, dass es noch «mehr Leben», «höheres Leben» gibt als das bisschen, das wir gerade leben. Der Prozess der «Verweltlichung» ersetzt Religion durch handgreiflichere Vitalgüter. Wer heute ein Zuwenig an irgend etwas empfindet, sucht sich an Diesseitigem zu entschädigen: mehr Geld, mehr Zeit, mehr Sex. Dazu brauchen wir Freitage, nicht Feiertage. Es ist dabei unerheblich, wie viele sich bei Umfragen als Christen auszugeben glauben müssen. Entscheidend ist allein die Praxis. Und darin ist mit dem besten Willen kein Sinn für die Vertikale zu entdecken. Warum schaffen wir diese staatlich verordneten Unfeierlichkeiten nicht ab? Der Umritt zu Beromünster büsste seinen Glanz nicht ein, verlöre er ein paar gelangweilte Gaffer. Und die einzelnen, die Auffahrt tatsächlich feiern wollen, könnten es ruhiger tun, wären die andern an der Arbeit. Oder geniert uns, dass es nicht gelingt, eine weltliche Kultur zu entwickeln? Das Jahr rhythmisch zu gestalten? Den existentiellen Zäsuren – Geburt, Heirat, Tod – Rituale zu stiften? Aber ist es nicht noch erbärmlicher, für all das aufs überlieferte Zeremoniell des Christentums zurückzugreifen, mit dem wir im Ernst doch nichts zu tun haben wollen? Wie auf Hochzeiten, die der feierlichen Aura der Kirchentrauung nicht entbehren wollen. Das geht genau so lange gut, bis der arme Pfarrer ein Lied anstimmt – und keiner stimmt ein, weil keiner es mehr singen kann. Es ist halt nicht so leicht, profan zu sein. Die Französische Revolution kreierte einen Feiertag der Vernunft -und scheiterte kläglich. Festtage gelingen nur, wenn irgend etwas mitspielt, was nicht menschenproduziert ist. Mit der Privatisierung der Feiertage gäben wir wenigstens der Redlichkeit eine Chance. Und dem Tourismus sowieso. Wenn schon alles in der Welt nach Mensch aussehen muss, dann sollten wir diese weltliche Welt wenigstens rational organisieren. Statt staatskirchlich diktierte Feiertage eine zusätzliche Ferienwoche für alle: Das hätte zumindest den Vorteil, dass wir nicht alle gleichzeitig jn den Süden reisen und uns wechselweise die Erholung verderben.

    Dass wir keiner weltlichen Kultur fähig sind, rechtfertigt noch nicht, die Kirchenkultur zum Blaumachen zu nutzen.

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