Zwei Ideale

Ein Leben, in dem alles Belanglose geordnet und konstant wäre, in dem man immun wäre gegenüber Moden und sich einem Rhythmus unterwerfen würde, seine Entscheidungskraft nicht mit Konsum verbrauchen würde, Genuss nicht aus der Variabilität von Oberflächlichem ableiten müsste, erschiene mir ideal. Ein eigentlich klösterliches Leben wäre es, ohne aber asketisch oder pflichtgeleitet sein zu müssen. Man entscheidet sich einfach einmal für eine zweckmässige Kleidung, ausgewogene Ernährung, praktisches Werkzeug und einen dem eigenen Wesen angepassten Tages-, Wochen- und Jahresablauf. Und begnügt sich dann damit, um intensiver in dem zu leben, was bleibt.

Und das gegenteilige Ideal, bei dem nichts fixiert ist, man ständig alles ändern kann, keine Gewohnheiten hat, sondern stets immer wieder von neuem wählt, entscheidet – nicht mit Folgen verbunden, sondern leicht, weil man die gefällte Entscheidung mit der kommenden wieder ändern könnte; man kennt keinen Stil, keine Vorlieben, zumindest keine festen; bevorzugt keinen Ablauf, keine Einteilung, sondern ist offen.

Wenn man sich schon nur an einem dieser Ideale orientieren könnte.

Edit am Abend
Und dann bin ich hier heute noch auf dieses Zitat gestossen:

Er beschloss, sein Leben zu ändern, die Morgenstunden auzunutzen. Er stand um sechs Uhr auf, nahm eine Dusche, rasierte sich, kleidete sich an, genoss das Frühstück, rauchte ein paar Zigaretten, setzte sich an den Arbeitstisch und erwachte am Mittag. — Ennio Flaiano

Danke, Claudia.

3 thoughts on “Zwei Ideale

  1. http://oblogimportante.blogspot.com/2010/02/und-was-fur-ein-mensch-bist-du.html (Siehe auch Dein Kommentar)

    Ich finde, das ist ähnlich wie mit den Eigenschaften. Sich auf eine bestimmte Lebensführung zu beschränken wäre für mich deshalb schwierig, weil ich ständig wüsste, dass es nicht so sein muss. Denn diese Lebensführung ist nich „Ich“ sondern einfach eine s-beliebige Art und Weise, wie „Ich“ sein oder eben leben kann. Mich auf dieses Ideal zu fixieren würde gleichzeitig heissen, mich (bzw. die vielen möglichen „Ichs“) zu verleugnen.

    Dennoch erscheint mir eine solche Lebensweise in der Vorstellung angenehm stressfrei und relativ mutig.

  2. Laufen nicht diese beiden Ideale letztendlich auf dasselbe Lebensgefühl hinaus, nämlich die Gelassenheit?
    Entweder kann man sich aus einer inneren Gelassenheit einfach für das Zweckmässige entscheiden, nicht weil man das ist, sondern weil es eben einfach zweckmässig ist.
    Oder aber man entscheidet sich ganz gelassen für das, worauf man gerade Lust hat, ebenfalls nicht weil man so ist, sondern weil man es jetzt einfach so haben möchte.
    In beiden Idealen geschieht eben keine Fixierung auf ein „Ich“, sondern banale, äusserliche Entscheidungen werden vom „Ich“ weggestossen, man braucht sie nicht, um ein „ich“ zu sein, sondern steht ihnen gelassen gegenüber.
    Nur wenn wir beginnen einen bestimmten (nicht den zweckmässigen) Rhythmus zu wählen, Vorlieben auszubilden und unseren Stil zu kreieren und auf diesem beharren, setzten wir unserem „ich“ und der idealen Gelassenheit Grenzen.

  3. Mir scheint dein zweites Ideal beschreibt eine sehr kreative und herausfordernde Lebensweise – aber auch sehr anstrengend, oder vielleicht beliebig. Und vielleicht nur scheinbar selbstbestimmt.

    Die erste Form finde ich entspannter; ’seine Entscheidungskraft nicht mit Konsum verbrauchen‘ – welche Erleichterung! Erinnert mich an Verpackungen in der DDR, wo drauf stand, ‚Seife‘, ‚Waschpulver‘, ‚Senf‘ etc. Man stelle sich den Coop vor. Ich empfinde die Freiheit, zu wählen welches Schampoo ich will, meist nur stressig. Das würde wegfallen, wenn man sich mal festgelegt hat. ‚Simplify Life‘ – und dann ist man frei im Kopf für vieles andere. Beim reden würde man achtsam sein, zuhören, beim Essen ruhig ans essen denken, beim gehen ans gehen und beim in die Luft gucken an gar nichts. Da wäre Raum für neue Ideen, denn über das ganze Drumherum müsste man sich den Kopf nicht mehr zerbrechen. – Das heisst ja nicht Monotonie, sondern Freiheit für Wesentliches. Man würde auch immer resistenter gegen eben solche schleichenden gelatinierenden, den Kopf zuklebenden Konsumgewohnheiten, die du im nächsten Blog ansprichst. Man wäre weniger manipulierbar, da man sich für Vieles einfach klar entschieden hat. Das scheint mir ein erstrebenswertes Ziel zu sein.

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