…ob ich ein iPad kaufen werde

Die Frage, ob ich ein iPad kaufen werde, dürfte von Leuten, die mich kennen, kaum ernst genommen werden: Die Frage dürfte nur sein, wann ich denn eines kaufen werde.

Dennoch möchte ich diese Frage kurz erörtern, da sie fast symbolischen Gehalt hat – und einfach mal kurz auflisten, was denn dagegen spricht.

1. Infantilisierung der User.
Cory Doctorow, eine Art Internetlegende, hat energisch Gründe präsentiert, warum man kein iPad kaufen soll. Bottom Line: Apple behandle die Konsumenten, als entsprächen sie der sprichwörtlichen eigenen Mutter, also einer Person, welche in Bezug auf Technik unwissender und lernunwilliger nicht sein könnte. Man verstehe bzw. besitze, so Doctorow, ein Gerät erst dann, wenn man es öffnen könne; und lernen würde man ohnehin nur, wenn man selber Software für ein Gerät schreiben könne.
Natürlich musste ich an die Zeiten zurückdenken, als ich auf einem Intel-268er-Gerät jeweils die autoconfig.bat und andere Dateien im Texteditor mit kryptischen Befehlen modifizieren musste, um die Ram-Struktur dahingehend zu gestalten, dass ein Stück Software auch funktionierte – und kann gerne zugeben, dass ich dabei etwas gelernt habe.
Aber wenn Doctorow gerade den Tech-Bloggern vorwirft, Geräte deshalb euphorisch zu besprechen, weil es Geräte seien, die nur Tech-Blogger bräuchten: Dann kann man wohl auch sagen, dass die wenigsten Leute beim Gebrauch eines Gerätes etwas über Informatik oder sonstwas lernen wollen, sondern einfach das Gerät zu einem bestimmten Zweck einsetzen wollen.
Fazit: Ein iPad kaufte ich um Medien zu konsumieren – und nicht, um es aufzuschrauben. (Doctorow wirft dem iPad insbesondere vor, es mache die Benutzer zu Konsumenten…)

2. Widerstand gegen die Allmacht Apples.
Apple (und natürlich auch Google) sind so starke Player, dass befürchtet wird, sie könnten das Internet in eine Art restaurative Phase zwängen: Da man Inhalte nur noch via Apple und Google verbreiten und bewerben und und und kann, bestimmen diese Firmen, wie das Internet auszusehen hat. Darum geht es tatsächlich teilweise: Während Google die Werbung teilweise monopolisiert hat, schuf Apple einen attraktiven Weg, Content zu bezahlen und zu verkaufen; was vor iTunes und dem AppStore nicht geklappt hat. Wenn nun mit dem iPad noch die Printmedien dazukommen, dann müssen Inhalte nach den Richtlinien von Apple gestaltet und verkauft werden.
Doch auch diese Befürchtung ist etwas kurzsichtig. Mit jeder Innovation, welche Kunden dazu gezwungen hat, sich beispielsweise Software nur kostenpflichtig anzueignen (Disketten, CD-Roms, Kopierschutz), entstand sofort auch eine Umgehung dieser Pflicht. Heute sind digitale Inhalte aller Art auf verschiedenen Wegen kostenlos erhältlich – auch Printmedien (ich kann beispielsweise jede Ausgabe des Spiegels am Tag seines Erscheinens runterladen, ohne einen Cent zu zahlen). Diese Tendenz können weder Google noch Apple aufhalten, zumal Browser noch immer die zentrale Technologie sind und es ermöglichen, Inhalte ohne jede Form von Zensur anzubieten und aufzufinden.

3. Zensur.
Apple schliesst gewisse Apps aus, aus Gründen, die nicht immer nachvollziehbar sind. Also – so sagen viele Leute – hat Apple die Zensur beim iPhone und iPad eingeführt.
Falsch, sage ich: Zensur ist, wenn die Verbreitung von Programmen und oder anderen Inhalten nicht möglich ist. Apple sagt lediglich, innerhalb des AppStores dürften die nicht angeboten werden. Niemand hat je einen Grossverteiler der »Zensur« bezichtigt, weil er kein Kokain im Angebot hat und es auch nicht aufnehmen will – und genau so agiert Apple. Der AppStore garantiert den Benutzern, dass ein gekauftes Stück Software sich problemlos installieren lässt und dass man sein Geld zurück erhält, wenn es das nicht tut. Zudem ermöglich es, Software mit minimalen Vertriebskosten an die Kunden zu bringen.
(Wie absurd der Vorwurf der Zensur ist, wird dann deutlich, wenn die Bedeutung von Internetpornographie und Apples strikter Ausschluss pornographischer Produkte bedacht wird.)

4. Preis/Leistung I.
Apple-Laien begegnen mir immer wieder mit dem Argument: »Mein krasses Windows Y-Tablet-irgendwas hat imfall 300 Speicher und 700 Geschwindigkeit und erst noch eine 15 Megairgendwas-Kamera, während dein Apple – wie viel hat das überhaupt ? Und gekostet hat es auch viel weniger.« Antwort: I couldn’t care less. Mein Apple-Dings kostet vielleicht viel, aber es poppen nicht alle zehn Sekunden Fehlermeldungen auf, ich muss keine Software installieren, wenn ich einen Memory-Stick anschliesse und es tut generell das, was ich von ihm erwarte. Daher ist es so viel wert, wie es kostet.

5. Preist/Leistung II.
Vielleicht haben mir die geduldigen LeserInnen, die bis hier ausgeharrt haben, nicht zugetraut: Aber es gibt tatsächlich ein Argument gegen den Kauf eines iPads, und es geht um den Preis und um die Leistung.
Mit dem iPad kann ich nichts, was ich mit meinen Geräten jetzt nicht auch schon könnte – vielleicht nicht so praktisch, aber ich kann. Und ein iPad kostet so viel wie eine Tonne Reis kostet. Natürlich will ich keine Tonne Reis, aber vielleicht gibt es auf der Welt 1000 Leute, die gerne je ein Kilo hätten. Und zwar lieber, als ich ein neues iPad. Und das ist, wie ich finde, ein ziemlich gutes Argument.

Sollte ich – und diese Bemerkung ist eine Art Versicherung – nun doch bald ein iPad haben, so zeigt dies ein weiteres Mal, wie schwach Menschen sind, wie wenig ihnen grundlegende Einsichten bedeuten und wie wenig Moral es gäbe, wenn man das Verhalten von Menschen als Maßstab für ihre Überzeugungen nehmen dürfte.

One thought on “…ob ich ein iPad kaufen werde

  1. 1. Hier gibt es nichts auszusetzen, auch wenn mir das nicht gefällt. Apple darf sich zweifelsohne die Zielgruppe selbst auswählen, auch wenn es dabei jemanden wie Cory Doctorow (und auch mich) nicht anspricht.

    2. Das iPad demonstriert sehr gut, wie einflussreich Apple schon geworden ist. Dadurch dass das iPad kein Flash unterstützt, sind viele Websitenbetreiber praktisch gezwungen ihre Website iPad freundlicher zu gestalten. Andererseits ist Flash ja auch wiederum eine proprietäre Anwendung von Adobe und es ist zu hoffen, dass HTML5 endlich an Schwung gewinnt.
    (http://tinyurl.com/yk9ejfp, http://tinyurl.com/yefa3gc).

    3. Doch, das ist ein Problem. Ich bin nicht bereit mir die Benutzungsweise eines Computers vorschreiben zu lassen, wenn ich ihn gekauft habe – im Gegensatz zu gemietet. Der Benutzer nicht einmal in der Lage, eigene Software zu schreiben und auszuführen.
    Ich bin einverstanden damit, dass mehr Rechte die Integrität der Plattform gefährden können, aber die Kehrseite ist in meinen Augen schwerwiegender. Wenigstens sollte eine Art „opt-out“ verfügbar sein. Jedoch wird eben die in 1. beschriebene Zielgruppe infantilisierter Konsumenten diesen Punkt als weniger wichtig erachten.

    4. Das iPad ist eigentlich ein ziemlich nettes Stück Hardware.

    5. Ein iPad kaufen oder nicht, wird die Welt nicht verändern. Aber der generelle Trend zur Abhängigkeit von solchen Konsumgütern schon. Bezeichnen Sie mich als Pessimisten, aber für mich ist die Sinnlosigkeit eines iPads (für 99% der Benutzer wenigstens) sinnbildlich für diese Entwicklung.

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