Helvetische Tugenden?

Urs Schoettli, Fernostkorrespondent der NZZ, blickt in der heutigen NZZ zurück auf das Jahr 2009 und das Selbstverständnis der Schweiz, selbstverständlich mit großem Gewicht auf der Minarettinitiative. Der Artikel kommt ausgewogen daher, präsentiert aber in wirrer Manier Halbgedachtes. Schon nur die Beschreibung der Situation in der Schweiz lässt aufhorchen:

Unzählige Eidgenossen, die nie ans Auswandern gedacht haben und die ihrem Geburtsort ihr ganzes Leben hindurch treu geblieben sind, sehen sich plötzlich in die Fremde versetzt. Sie müssen ihre Kinder in Schulen schicken, in denen die Schweizer eine Minderheit sind. Sie begegnen auf der Strasse, im Tram, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder beim Ausgehen immer mehr Ausländern. Dies sorgt für Beunruhigung, zuweilen führt es gar zu Angst. Dabei können die meisten Kontakte mit Ausländern reibungslos verlaufen.

Zunächst sticht einmal der Begriff »Eidgenossen« ins Auge, der von so genannten Patrioten zur Abgrenzung von potentiell eingebürgerten oder nicht patriotisch genug denkenden Menschen gebraucht wird. Diese Eidgenossen also sind ihrem Ort treu geblieben, der ihnen aber »plötzlich« fremd geworden ist. Warum plötzlich? Wo waren denn diese Eidgenossen in den letzten 30 Jahren, als immer mehr Menschen, welche die Arbeiten verrichten, welche diese »unzähligen Eidgenossen« nicht verrichten wollen, in die Schweiz gekommen sind?

Und dann kommen die Modalverben: Kinder »müssen« in die Schule geschickt werden (dort sind Schweizer eine Minderheit, welche Nation stellt denn dort die Mehrheit der Lernenden, Herr Schoettli? Oder sind vielleicht alles Minderheiten vorhanden?), während Begegnungen mit Ausländern »reibungslos verlaufen« »können« – womit Schoettli impliziert, dass dies lediglich eine Möglichkeit darstellt.

Nur nachvollziehbar, dass der unselige Artikel als nächstes auf den Terrorismus eingeht. Die Frage wäre: Wie kommt es, dass ich Ausländern begegne (in meinem »Geburtsort«), und dann an Terroristen denke und vielleicht Angst bekomme? Das ist doch nicht ein sachliches, sondern ein psychologisches Problem.

Herr Schoettli lässt sich dann über Integration aus, über politische Systeme in den Ländern der Zuwanderer, der Unterschied zum schweizerischen System (dazu nur: lasst doch alle Ausländer mittun, dann lernen sie sehr gut, wie unser System funktioniert) und kommt dann zu den helvetischen Tugenden:

Man denke an die Bedeutung der Pflicht, an den Respekt für das Alter und für Autorität, an den hohen Stellenwert der Familie, an die grosse Wertschätzung für Erziehung und Bildung sowie für Disziplin und Ordentlichkeit. Im Gefolge der sogenannten «68er Revolution» hat die Eidgenossenschaft viel, sehr viel verludert. Es genügt, Japan zu besuchen, um zu realisieren, was alles an öffentlicher Sauberkeit, Ordentlichkeit und Höflichkeit in unserem Land leichtfertig aus dem Fenster geworfen worden ist. Auch bei Kleidung und Umgangsformen sind die allgemeinen Standards deutlich heruntergekommen. Es ist leicht, solche Kritik als typisch «kleinbürgerlich» abzutun. Besonders verfänglich ist das Argument, dass es schliesslich um Inhalte und nicht um Formen gehe. Vergessen wird dabei leicht, dass häufig die Protagonisten solcher Argumente nicht nur die Formen des zivilisierten Zusammenlebens missachten und kleinreden, sondern auch gar keine Inhalte haben.

»Kleinbürgerlich« ist noch der netteste Begriff, den ich im Kopf hatte, als ich die Auflistung der Werte gelesen habe: Pflicht, Respekt, Familie, Erziehung und Bildung, Disziplin und Ordentlichkeit. Denken wir mal darüber nach: Respekt für das Alter schenke ich Herrn Schoettli gerne, das kann nie ganz falsch sein. Dann aber: Woher kommt eine Pflicht? Eine Autorität? Ein Bild von einer Familie? Die Vorstellung der richtigen Erziehung? Disziplin? Schnell merkt man: Dazu braucht es eine Ideologie. Und diese Ideologie ist, wenn erst einmal Pflichtbewusstsein, Disziplin und Ordentlichkeit herrschen, völlig egal. Was viele Menschen in der Schweiz gemerkt haben, ist, dass diese Werte gefährlich sind. Gefährlich für Menschen und Gesellschaften, welche sich blind an ihnen orientieren. »Es genügt, Japan zu besuchen«, mein Herr Schoettli. Das denke ich auch: Man sehe sich an, wie sehr japanische Jugendliche unter den kulturellen Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben leiden. Wie lebensunwert das Leben eines oder einer japanischen Berufstätigen ist. Wie xenophob die japanische Gesellschaft ist.

Auch wenn mir Herr Schoettli wegen meiner Geringschätzung seiner Tugenden sämtliche Inhalte abspricht, werde ich nun doch formulieren, welche Tugenden ich mir für die Schweiz wünschte: Respekt gegenüber Menschen, egal welche Entscheidungen sie für sich selbst gefällt haben, wie sie denken, woher sie kommen, welcher Religion sie angehören, welche Lebenshaltung sie haben; Ermunterung aller, sich Gedanken über das Leben und die eigenen Bedürfnisse zu machen und die Möglichkeiten schaffen, dass sich Menschen kreativ ausleben können, ohne ökonomischen Sachzwängen zu unterliegen, Bildung und Erziehung als Chancen, dass Menschen sich entwickeln und nicht in vorgefertigte Rollenbilder gezwängt werden, nur damit sie später regelmäßig den Müll rausbringen und die Schweizer Strassen sauber halten; Familien, in denen alle Formen des Zusammenlebens möglich sind, in denen es Menschen wohl ist; und nicht die, welche man aus irgendeinem Grund für richtig hält. Und vor allem die Einsicht, dass die Bewohner eines Landes nicht weil sie in diesem Land wohnen oder gar in diesem Land geboren worden sind, einen anderen Wert als andere Menschen haben und auch nicht mit Tugenden geboren worden sind.

6 thoughts on “Helvetische Tugenden?

  1. Vermutlich ein Silvesterscherz ?! Vielleicht durfte ja ein „Eidgenosse“ unter Schöttlis Namen der NZZ ein Abschiedsgeschenk zusammen schrotten ;-) Schöttli soll sich da ja durch den Mangel der helvetischen Tugend (Bescheidenheit) ausgezeichnet haben. Im Ernst: Sollte dieses Elaborat aus der Feder eines studierten Philosophen stammen, wäre der Mangel an Respekt – der sich im Besitze des gesunden Volksempfindens Wähnenden- für solcherart Studierte(oder vor solcherArt..?:-) absolut nachvollziehbar. Oder ganz einfach gesagt: Die allgemeinen Standards sind deutlich heruntergekommen. Ein solcher Artikel kann die „Wertschätzung für Bildung“ wohl kaum fördern. Man denkt an geistige Verluderung.
    Weder Form noch Inhalt mögen den bescheidensten Ansprüchen zu genügen. Heil dir Helvetia! :-)

  2. Minarett, Minarett und nochmals Minarett und all die vielen ernsthaften Probleme die uns der Islam aufzeigt. Einige Leute haben noch immer grosse Mühe mit der Abstimmungsniederlage vom 29. November und der Offenlegung der Islamproblematik. Deshalb diese endlosen Anfeindungen und verbalen Rückzugsgefechte in die geistige Trotzburg. Der NZZ Bericht legt eben vieles nahe was die Mehrheit bei der letzten Abstimmung empfand und was einige Illusionnisten und Gutmenschen nicht war haben wollen.

    • Ich rege Kommentieraktivität schätze ich natürlich sehr, Odin. Aber darf ich Sie bitten, auf das einzugehen, was ich schreibe – und nicht spekulative Analysen meiner Motivation.
      Oder geht es in meinem Text um Minarette? Wen feinde ich denn an? Weshalb bin ich ein »Illusionist«?

      • Was haben Sie nur für ein Kurzzeitgedächtnis?? Schon vergessen was Sie zitieren Herr Wampfler??

        “ Urs Schoettli, Fernostkorrespondent der NZZ, blickt in der heutigen NZZ zurück auf das Jahr 2009 und das Selbstverständnis der Schweiz, selbstverständlich mit großem Gewicht auf der Minarettinitiative.“

        Stichwort Minarett ist also sehr wohl gefallen. Das was dann weiter folgt an Ausführungen steht sehr wohl im Kontext der Minarette und des Islams. Sie machen daraus wieder ein Thema und scheinen Ihr Abstimmungs Traumata noch immer nicht überwunden zu haben.

        Sie sind deshalb ein Illusionist weil das alles was Sie sagen dem wiederläuft was das Volk denkt. Das sieht man ja am Abstimmungsergebnis. Sie feinden alle an die nicht Ihre Meinung vertreten und ziehen die Schweizer in den Dreck. Das ist man sich leider gewähnt von Ihrem Spektrum. Das was Ausländer nicht an Integration bringen thematisieren Sie natürlich nie. Darum sind Ihre Beiträge auch so tendenziös und einfältig.

    • Sie sind deshalb ein Illusionist weil das alles was Sie sagen dem wiederläuft was das Volk denkt. Das sieht man ja am Abstimmungsergebnis. Sie feinden alle an die nicht Ihre Meinung vertreten und ziehen die Schweizer in den Dreck. Das ist man sich leider gewähnt von Ihrem Spektrum. Das was Ausländer nicht an Integration bringen thematisieren Sie natürlich nie. Darum sind Ihre Beiträge auch so tendenziös und einfältig.

      Mit etwas Verspätung muss ich das noch aufgreifen.
      Erstens denkt »das Volk« nicht, weil es »das Volk« nicht gibt, sondern Menschen. Und einige Menschen denken so wie ich, andere so wie Sie und wieder andere ganz was anderes. Und Leuten, die finden, man solle Muslime ein bisschen diskriminieren, widerspreche ich und ja, ich feinde sie auch an, weil ich ganz tief davon überzeugt bin, dass man keine Gruppen von Menschen diskriminieren soll.
      Zweitens ziehe ich »die Schweizer« nicht in den Dreck. Ich gehöre selber dazu und finde es steht allen Menschen in diesem Land gut an, wenn man mit Missständen kritisch umgehen kann. Wenn jeder, der sich kritisch äußert, beschuldigt wird, etwas »in den Dreck zu ziehen«, dann steht es schlecht um eine demokratische Kultur.
      Drittens gehöre ich keinem Spektrum, keinen Kreisen etc. an – ich denke selbst und gehöre keinem Denkkollektiv an.
      Und viertens nehme ich die Anregung zu einem Post über Integration gerne auf; ich bin nämlich weder der Ansicht, dass Integration in der Schweiz ideal läuft, noch der Meinung, die Ursachen dafür könnten in einem spezifischen Problem geortet werden. Aber Minarette zu verbieten ist nicht im erntferntesten eine Integrationsmassnahme… 

  3. Schön gesagt, Barbara:)
    Es fällt mir auch schwer zu glauben, dass dieser Artikel aus Schöttlis Feder stammen soll. Was ist bloss aus ihm geworden in Japan?
    Als (Eid)Genossin gefällt es mir, im Tram Sprachen aus aller Menschen Länder zu hören, und beim Einkaufen beim Türken das frischeste und günstigste Gemüse zu finden. Dann freue ich mich, das auch in der Schweiz ein Stück der grossen weiten Welt angekommen ist. Was soll daran angsteinflössend sein??
    Dann möchte ich hier einmal allen danken, die jeden Tag daran arbeiten, Kinder aus verschiedenen Ländern zu fördern und zum zusammen lernen und spielen anleiten! Ich fordere jeden und jede auf, einmal das Schulhaus Ämtlerstrasse zu besuchen. Nicht nur die Schweizer Kinder, alle Kinder gehören dort zu Minderheiten! Nur sagt ihnen das niemand und so haben sie es untereinander sehr gut und stellen die erstaunlichsten Dinge auf die Beine! Was ist daran beängstigend?
    Und man höre und staune: „Man denke an die Bedeutung der Pflicht, an den Respekt für das Alter und für Autorität, an den hohen Stellenwert der Familie, an die grosse Wertschätzung für Erziehung und Bildung sowie für Disziplin und Ordentlichkeit.“ – Sind das nicht gerade die Merkmale der patriarchalischen Kulturen, die hierzulande mit Recht kritisiert werden? Ein ‚hoher Stellenwert der Familie‘ herrscht eben in Kulturen, in denen die SVP ‚Ehrenmorde‘ zur Rettung der Familienehre und Zwangsheiraten beklagt. Da respektieren die Töchter eben noch die Autorität der Eltern! – Soll das nun ein neues Vorbild für uns sein?? – (Solches Jammern ist allerdings nicht neu, und in jeder Generation anzutreffen)
    Ich wünsche offene, freundliche Umgangsformen, Respekt dem Alter UND den Kindern gegenüber und ja, eine hohe Wertschätzung von Bildung und Erziehung zur Freiheit und Achtsamkeit für die Mitwelt.

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