»deutscher Sex in Jeans« – Rolf Dieter Brinkmann

In meinen Bestrebungen, einige Themen hinter mir zu lassen, lasse ich heute Rolf Dieter Brinkmann für mich bloggen. Das Gedicht kam in »Neil Young – The Way«, einem Kozert-Stück von Stefan Pucher im Theater am Neumarkt vor – und hat sich meiner Suche zunächst etwas widersetzt. (Wenn das Stück wieder aufgenommen wird: Hingehen.)

Ganz allgemein werden Gedichte zu wenig gelesen, und hier ist eines, das sich zu lesen lohnt. Warnung: Es ist aber lang.

Dieses Gedicht hat keinen Titel

Ich rede mit mir selbst, tanze, fluche, allein, da,
es ist Montag, es ist Dienstag, es ist Mittwoch usw.
Als ich erwachte, war der Tag schon voll Lärm,
und die Dinge wurden bewegt, schon lange vorher,

bevor ich noch richtig erwacht war. Meine
fluchende Verzweiflung, die ramponierte Kiste,
geht darin unter, das macht nichts. Das Frühstück
auf dem Tisch ist richtig, und erklärt nicht,

was schwierig ist und falsch. Was ist los?
Die Frage, wiederholt, ist ein mürrisches Lied.
Was ich jetzt brauchte, ist der zärtliche Flitter
der Leidenschaft, aber nicht das Flüstern und

Gehen auf Zehenspitzen. Sie alle gehen herum,
verkaufen, kaufen, schieben die Kisten.
Nun müßte ich positiv sein wie eine offene
Kasse, flatternd, wie ein weißes, frisches Hemd

auf der Leine, akrobatisch wie ein Busfahrer,
der durch den 5 Uhr Nachmittagsverkehr einen
leeren Bus steuert, der mir den stinkenden,
verschlissenen Kunstoffsitzen innen aussieht,

als sei er überfüllt. Ich müßte laut sein wie
eine Alarmsirene, idiotisch und verbindlich
wie ein Prinzip und glänzen wie ein neues,
silbriges Postfach, rollen wie ein Film und

die Premiere so nutzlos anstrengend wie
eine Erklärung, die nicht weitergeht, sicher
wie eine Lohnerhöhung, die so sicher ist wie
ein Beschiß. Doch ich schaff’s nicht, wie ein

Stepptänzer zu sein und ebenso traurig
melancholisch wie ein künstlicher Blitz
in der Kulisse, zu leuchten wie ein neuer
Haushaltsgegenstand, eingetragen beim Patent

Amt, ebenso bewußtlos und langweilig wie
deutscher Sex in Jeans. Ein kräftiges Herz
stampft urch den Tag. Es kann nur in der
Zivilisation herumgetragen werden, fortlaufen

kann es nicht. Und der Tag ist nicht so, als
hätte jemand eine Erklärung abgegeben und dabei
seinen faulen Zahn ausgespuckt, raschelnd wie harte
Blätter und Ketten, kein verrückter Mond im Baum,

über dem Baukran in einem brachliegenden Feld,
angestrahlt von einer Neonlichtröhre, deren Licht
das Unkraut grau macht morgens um halb fünf wie das
Bild vom Mond auf der Dachrinne, das dort hockt,

ein imaginärer Liebhaber der Fau, die ihren
Ehering morgens aus dem Küchenfenster wirft.
Ich müßte so ausgeliefert sein, sexlos und erledigt
wie eine Familie am Sonntag, häßlich und komplett

eingerichtet wie ein komplett eingerichtetes
Apartment und Blut, das in der Jägersprache Schweiß
heißt, verlassen wie ein Konto, das ins Minus schießt,
allein wie eine hohe Geschwindigkeit und heftig

wie der Durchzug duch eine leere Wohnung, so leer
wie eine Redensart, leerer als eine Wüste, die ein
zertrümmertes Klavier ist, zurückgelassen wie
ein verrostendes Bettgestell auf einem Trümer

Grundstück, das wartet, bis die Preise wieder höher
sind. Ich müsste langweilig sein wie ein neues
Schulbuch und öde wie Blutspucken und Magen
Schmerzen, kranchend wie eine Ein-Mann-Musikkapelle,

die auf der Straße wie ein ganzes Orchester spielt,
voll wie ein Besorgungszettel am Freitag, aufgestellt
wie ein Bretterzaun, zugenagelt und mürrisch wie
die Zukernranke an der Kasse des Lebensmittel

Geschäfts, die die Pfennige rausgibt, mißtrauisch
wie ein Guckloch in einer Etagentür mit einem Auge
dahinter, hemmungslos wie die Aufschriften Selbsttanken,
Kundendienst, so billig wie noch nie. Ich müßte verdreht

sein wie ein verdrehtes Einkaufsnetz aus Kunstoff,
irre wie ein ausradierter Presi in einem Buch, das
verschenkt wird, nachlässig und direkt wie ein Loch
im Strumpf einer ersten Tänzerin und so stur wie

ein Schlagstock, schrill wie eine Trillerpfeife
in der Turnstunde. Ich müßte so identifizierbar und
abgestempelt sein wie ein Paßfoto, mies wie ein Taxi
Fahrer, schick wie Scheiße im Mercedes, der einige Extra

Kurven macht, ausgerechnet wie ein Reformprogramm,
traurig wie ein feuchter Fleck in der Zimmertapete
und anspruchsvoll wie ein Wort, das sich selbständig
gemacht hat und im Kopf immer dieselben Runden zieht,

rücksichtslos und sausend wie ein Haartrockner, der
Föhn heißt, die Haare wehen, es ist ein imaginärer
leichter Sommertag und windbeget. Die Erinnerung
läßt die Jalousien runter. Im Innern des Zimmers

bin ich nackt und entzückt. Keiner ist verloren.
Aber jeder ist ein wenig stumm wie die Nummer im
Telefonbuch. Sind die Nummern, alphabetisch geordnet,
nicht wie ein endloser Blues? Ist das kein Blues,

wenn man feuchte, schwitzende Hände schüttelt?
Ist das kein Blues, wenn feuchte, schwitzende Hände
verstohlen an der überhängenden Tischdecke abgewischt
werden, ehe sie hingehalten werden? Ist die mechanische

Ansage der Uhrzeit vierundzwanzig Stunden lang
kein Blues? Ist das nächste Kinoprogramm, jede Woche
neu, kein Blues? Ist das kein Blues, die Anzeigen in
der Tageszeitung zu lesen? Und alle Spülmittel,

Ersatzteile, der bellende Köter im Nachbarhaus?
Du hörst ihn als einizges Geräusch zur Mittagszeit,
und plötzlich hörst du deinen eigenen Atem, zur
gleichen Zeit, als du das Geräusch eines Flugzeugs

hörst. Nun müßte ich blödsinnig sein wie eine Probe,
positiv, stark und unabweisbar wie ein von Straßen
Arbeitern aufgerissenen Loch mitten auf der Straße,
rot und weiß gestrichen wie eine Latte, grell wie

ein Reflex von Sonnenlicht auf einem Autoblech,
irrsinnig wie das Wort Kotflügel,
wüst wie das Manuscript für ein Drehbuch,
kalkuliert, arm, bemitleidenswert wie eines Gerichts

Verhandlung, verrückt wie die Phrase, das letzte
Wort ist noch nicht gesprochen, abstoßend wie ein
Bekenntnis und schäbig wie ein Bäcker, der zähe
klebrige Brötchen backt, alles das schaffe ich

nicht, kaputt zu sein wie ein kaputter Ofen,
auseinanderspringend wie eine Ohrfeige, klingend wie
eine Maulschelle, farbig wie eine farbige Sternkarte,
wo der Raum auseinanderreißt, brennt, Feuerbäume

stehen und herumwirbeln, krank wie ein bestrahlter
Pflanzengarten zur Verbesserung der westlichen Welt
hinter schweren Mauern, gedankenlos wie ein umgecknickter
Weltraum, rotierende Feuerschatten, leere Formeln auf

dem Linienpapier, oszillierend wie ein Kriminal
Psychologisches Gutachten, wiederholbar wie die
Ergebnisse der Meinungsforschungsinstitute.
Ich müßte kein Wort deutsch verstehen in der

Straßenbahn, in einem Wartesaal, in einem Kaufhaus,
auf der Straße, dunkel wie Hertie’s Kaufhaus abens
um 11 Uhr, das so dunkel ist wie eine Theaterkulisse
abends um 11 Uhr, in der Puppen in Lebensgröße

stehengeblieben und erstarrt sind abends um 11 Uhr
in der Innenstadt, wo es so gut beleuchtet ist
und dunkel wie eine Sackgasse, hingehauen wie ein
Vorort, der rumsteht. Ich müßte explodieren, wie ein

Benzintank, der die Böschung runterkippt, erstarrt
wie ein Herrenmodegeschäft, weiß wie ein ausgewaschener
neuer Kinderwagen, modern wie ein Slum, auffällig wie
ein lackroter Sturzhelm nachmittags im Verkehr,

aber ich schlendere meine eigenen Wege,
und nicht düster wie eine wörtliche Rede, ohne
Anführungszeichen unten, ohne Anführungsstriche
oben, nicht abreißbar wie ein Tageskalender,

ohne Entschuldigung wie ein Ausruf, ein Mißverständnis,
eine schiefe Übersetzung, gewöhnlich wie dieser Morgen.
Die Häuserwände sind da, die blutigen Kratzspuren
auf dem Händerücken, die Oberlippe, aufgerissen,

vernarbt, und die Narbe ist nur ein winziger Riß.
Das Ende eines Traums erschien mir einmal wie im Traum
eine Mineralwasserflasche, die geöffnet wird und
heraus schäumt Ich weiß nicht was. Den Traum warf ich

weg. Der Traum war zu Ende. Und das Alleinsein
ist lächerlich wie eine umgekippte Haushaltsdekoration,
die über Nacht in einem Schaufenster zusammengebrochen
ist. Und das Alleinsein ist lächerlich wie ein Foto

aus den Ferien, wo ein sommerlicher Schuh allein
auf der weiten Fläche eines leeren Strandes
liegt, an Land geworfen, umgekippt, wenn der Strand
schön und einfach leer geworden ist. Und der Schuh

scheint, als habe sich um ihn die ganze weite leere
Zeit konzentriert. Das ist nicht fürchterlich. Das
ist einfach nur’n Schuh. Und das Alleinsein ist,
wie es scheint, wie eine Reklamesendung, die

durchgelesen wird. Und das Alleinsein ist, wie
es scheint, ein solcher Morgen voller Lärm.
Und das Alleinsein in kein Muskelkater,
wenn man aufwacht. Und das Alleinsein ist

wie das Lächeln auf einem Forot, das in einem
Fotoautomaten gemacht worden ist, in dem man
hinter grauen Gardine auf einem Drehstuhl
sitzt und vier Mal für zwei Mark in den Fotoblitz

lächelt, und Alleinsein ist wie ein Kinderzahn,
der in einem Pappschächtelchen aufbewahrt wird zur
Erinnerung, wie ich einmal gesehen habe, sich
zu erinnern, sich für immer zu erinnern, für später.

Alleinsein ist wie Gas, das ausströmt. Alleinsein
ist wie mitten am Tag das Zimmerlicht anzuschalten.
Alleinsein ist wie im Badezimmerspiegel sein eigenes
Gesicht anzustarren. Alleinsein ist lächerlich wie

ein Vergleich. Und Alleinsein ist wie ein stinkendes
Motorrad im Hausflur. Und Alleinsein ist wie eine
überfüllte Mülltonne, in die nichts mehr reinpasst,
und Alleinsein ist nicht einmal wie eine Zwiebel,

die geschält wird und die Tränen kommen. Alleinsein
ist wie die Redewendung „aber wirklich.“
Alleinsein ist wie die Wut, wenn einer fragt, „vertehste?“

Und Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat.
Und Alleinsein ist wie die Frage, was tue ich Montag.[Quelle: Rolf Dieter Brinkmann. Westwärts 1&2. Gedichte. Rowohlt. S. 250ff.]

One thought on “»deutscher Sex in Jeans« – Rolf Dieter Brinkmann

  1. Wunderbar. Danke, Philippe.
    „Ich müßte laut sein wie
    eine Alarmsirene, idiotisch und verbindlich
    wie ein Prinzip…“ – das gefällt mir ja sehr, wann hat man sich das abtrainiert?
    Closure through poetry – it works.

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