Payback – Frank Schirrmacher und die brave new digital world

Es gibt einen Grad von Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird. – Heiner Müller, Quelle

In seinem an die Payback-Karte angelehnten Titel – in der Schweiz müsste das Buch »Cumulus« heißen und darf nicht mit dem brillanten Essay von Atwood über den Umgang mit Schuld und Schulden verwechselt werden – beklagt der konservative deutsche Denker Frank Schirrmacher, der (post)-moderne Mensch sei nicht mehr Herr, sondern Knecht der digitalen Arbeitsmethoden. Während er glaube, den Computer zu benutzen – benutzt der Computer eigentlich den Menschen, um es pointiert auszudrücken.

Schirrmacher führt mehrere Argumente ins Feld:

  1. Die Benutzung von Computern verändert uns physisch. Neurologische Prozesse führen zu einer Anpassung unserer Kognition an die Vorgehensweise von Rechnern, insbesondere erwerben wir die Fähigkeit zum Multitasken. Schirrmacher beschreibt im Abschnitt »Mein Kopf kommt nicht mehr mit«, dass er sich unkonzentriert fühle und vergesslich geworden sei – und wertet diese Veränderung somit negativ.
  2. Die ständige Nutzung von digitalen Medien führt zu einer Unterdrückung der Menschen, welche sie glücklich als Freiheit erleben. Wer im Internet etwas sucht, findet auch – und meint, gefunden zu haben, was gesucht worden ist. Freier Wille wird suggeriert – tatsächlich wird aber durch mächtige Instanzen gesteuert, was man findet. Auch die totale Individualität digitaler Welten (iTunes sucht das Musikprogramm, das mir als Individuum entspricht) ist nichts als die Kontrollübernahme durch diese digitalen Welten (iTunes bestimmt, was mir als Individuum zu entsprechen hat).
  3. Die mangelnden Filter im Internet führen zu einem ständig ablaufenden Entscheidungsprozess, was wichtig/unwichtig oder relevant/irrelevant sei. Diese Entscheidungen überfordern den Menschen, Sie führen zu einer »Ich-Erschöpfung« (Roy Baumeister; Entscheidungen zu fällen ist für Menschen ein Kraftakt, siehe hier). Es sei zu fordern, dass Informationen dem Hirn unterzurodnen seien – und nicht die Hirnaktivität den Informationen.
  4. Es gibt einen »digitalen Darwinismus«: »fittest« heißt heute, am besten an die Informationen angepasst, als bestinformiert, und zwar nicht im Sinne von »wichtigen«/»relevanten« Informationen, sondern den Informationen, welche nach dem »Mätthäus-Effekt« als wichtig erscheinen.

Nun wird Schirrmacher zwar als konservativer Vordenker sofort breit und grundsätzlich positiv rezensiert vom Feuilleton, erfährt aber sofort auch Kritik der »digital natives«, der Menschen, welche mit dem Internet groß geworden sind. Diese Kritik ist sehr aufschlussreich, zeigt sie doch, wie Recht Schirrmacher eigentlich hat: Tim Cole moniert, Schirrmacher sei ein »digitaler Xenophobe«, der deswegen nicht mehr mitkomme, weil er keine Ahnung von der digitalen Welt hat. Damit nimmt er ein Argument auf, das in Technologiedebatten, wie die Zeit-Rezension erhellend anmerkt, seit einigen Jahren zu einer »self-evident truth« geworden ist: Wer technische Innovationen kritisiert, versteht sie nicht, sonst würde er sie nicht kritisieren (sehr verbreitet in der Gamer-Community: Wer Killerspiele verbieten will, hat noch nie welche gespielt oder nicht richtig, denn sonst würde er Spiele nicht verbieten wollen). Weiter schreibt Cole, Schirrmacher habe ein falsches Menschenbild, weil sich Menschen nicht beeinflussen liessen und sehr gut zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden können; um dann ein interessanten Evolutionsargument anzufügen:

Und Schirrmacher hat zweitens keine Ahnung von Evolution. Er kann – oder will – nicht erkennen, dass Homo Sapiens sich in den vergangenen Jahrtausenden stets und immer wieder einer veränderten Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen musste, und dass er es ganz gut gemacht hat.

Die Informationsumgebung wird also eine natürliche Umgebung gesehen, an die sich der Mensch anzupassen hat – und nicht mehr als eine kulturell erschaffene Umwelt, welche auch verändert werden könnte (im Rahmen einer Anpassung, vielleicht). Die digitale Welt ersetzt also eine selektive Natur: Was nichts anderes als eines von Schirrmachers Argumenten ist, dass sich der Mensch der Technik untergeordnet hat und weiter unterordnen wird.

Soviel zur Kritik der Kritik, die mir im Moment noch sehr dünn erscheint. Nun aber zur Kritik an Schirrmacher noch meine Begegnung mit seinem neuen Buch:

  1. Ich lese meine Tweets (nicht Tweeds, ein offenbar peinlicher Schreibfehler in Schirrmachers Buch) und stosse auf diesen von @Zeitonline_all:
  2. Ich lese auf meinem iPhone unterwegs die Zeit-Rezension.
  3. Ich lese auf meinem Laptop auf dem Weg zur Arbeit (nächster Tag) die Renzension in der Süddeutschen Zeitung sowie Blogeinträge zu Payback.
  4. Ich drucke wichtige Texte aus und bearbeite sie mit dem Bleistift, ich lese sie also linear, wie Schirrmacher eine seiner Meinung nach gefähredete Tätigkeit bezeichnet:
  5. Ich schreibe den Blogpost, ohne auch nur in dem Buch gelesen zu haben.

Das mag nun problematisch erscheinen, hat aber auch Vorteile, es ist ein modernes Vorgehen. Es scheint mir ausgewogen, mehrperspektivisch zu sein, es ist eine effiziente Art zu Arbeiten, welche nicht obeflächlich ist, aber oberflächlich sein könnte. Und nebenbei habe ich Tweets gelesen, welche völlig sinnlos und irrelevant waren und auch solche Blogeinträge; ich verfüge aber über eine relativ gute Filterkompetenz.

Fazit: Das Diktat der Technik ist eine realistische Gefahr. Die Technik kann aber auch gegen sich selbst gewendet werden oder dazu benutzt werden, die drohende Gefahr zu mildern oder abzuwenden, weniger, aber wichtigere Entscheidungen von uns zu verlangen. Und die Technik hat uns nicht zur Konsumenten und Rezipienten gemacht, sondern auch zu Produzenten (wie ich hier). Steven Pinker, der amerikanische Populärpsychologe, hat gesagt, man solle, wenn man das Internet (Facebook etc.) kritisiere, mal darüber nachdenken, worüber man denn bei einem Abendessen am Familientisch so rede:

I mention this because so many discussions of the effects of new information technologies take the status quo as self-evidently good and bemoan how intellectual standards are being corroded (the ‚google-makes-us-stoopid‘ mindset). They fall into the tradition of other technologically driven moral panics of the past two centuries, like the fears that the telephone, the telegraph, the typewriter, the postcard, radio, and so on, would spell the end of civilized society.

9 thoughts on “Payback – Frank Schirrmacher und die brave new digital world

  1. 1978 beäugten wir misstrauisch ein neumodisches Gerät – das einen Brief oder eine Skizze direkt übermitteln konnte, per Telefonanschluss, und man beklagte die verlorengehende Qualität, die offenbar höher war, wenn ein Brief getippt und per Post verschickt wurde und von Hand unterschrieben war. Pure Nostalgie. Da bin ich mit Pinker einverstanden. Auch als ‚digital non-native‘ oder ‚digital immigrant‘? Ein Assilmilations- oder Integrations- cum Sprachkurs wäre aber schon hilfreich.

  2. Also ich empfand den Titel „digital native“ für einen alten Sack wie mich eigentlich als Kompliment…

    Vielleicht brauchen wir einen neuen Ausdruck für Leute über 20, die sich trotzdem in der Welt hinter dem Bildschirm wie zu Hause fühlen. Wie wär’s in Anlehnung an Lewis Carroll („Through The Lookingglass“ mit „digital Alice“?

  3. Pingback: Reflexartig schroff - riecken.de - Gedanken zu Bildung, Lehre und Schule

  4. Ark, it is true that there are many procedures that are not coeervd by provincial health care. But, contrary to popular (American) belief, we can buy supplemental health insurance that covers most of these. I recently had a cyst removed from my neck. $200. If I wanted a vasectomy, more. What is coeervd and what isn’t is definitely worth discussing, but if I have a heart attack, need a transplant, whatever, I know that I am not going to lose everything because of this. And Sean’s idea of a free ride is just stupid. There is no free ride. If I go through life without a major health problem, I have paid a lot in tax without anything to show for it. Isn’t that what insurance is about? The major difference is that we can’t be denied this insurance. Our system is far from perfect, but I am not prepared to throw if out for an American style system. You may be surprised to know that the great majority of Canucks feel the same way.

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