Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 4: Entwicklung und Ideale

Das Verhältnis politisierender, diskutierender, nachdenkender Menschen (ich habe das Wort Intellektuelle mal vermieden) zur Schweiz misst die Schweiz häufig an einem Ideal, das in der Vergangenheit verortet wird, an einer Idee der Schweiz, die vielleicht einmal existiert hat, der die Schweiz entsprechen sollte, und von der aus man die heutigen Zustände kritisieren kann. Trotz aller Kritik leben ja Schweizer Künstler nur so lange in Berlin und New York, wie diese Städte eine Funktion in ihrer künstlerischen Biographie haben; und auch Intellektuelle kaufen sich dann mal schnell eine Wochenzeitung, wenn es Ihnen in der weiten Welt nicht mehr gefällt. (Das mit der Welt war ein Wortspiel, schon wieder). Es ist nicht ein Exodus, wie er in Berggemeinden stattfindet, wo man sich nicht entfalten kann, sondern eine halbherzige Kritik, im Wissen darum, dass man immer schnell mal zwei Monate an einem a) hippen, b) exklusiven, c) rückständigen, d) exotischen etc. Ort verbingen kann, um dann zurückzukommen und alles irgendwie ungut zu finden, aber doch gut genug, um dazu eine Meinung zu haben.

Diese allgemeine Einleitung soll eigentlich nur sagen: Man könnte auch in die Zukunft denken. Sich überlegen, wie denn der Ort aussehen wollen, für den wir uns einsetzen wollen. Was möglich sein könnte, ohne dass es das schon einmal gegeben hat. Welche Vorstellungen wir umsetzen möchten. Was mit der Schweiz passieren könnte (es muss nicht die Schweiz sein, einfach der Ort, an dem wir leben, oder an dem wir leben möchten).

Nun würde ich am liebsten einfach damit schließen, dass man das doch mal beim Raclette diskutieren solle, oder in der Zigarettenpause. Aber dann wäre ich dem Vorwurf ausgesetzt, mit das noch nie überlegt zu haben, und natürlich stimmt das nicht; und so folgen hier noch zwei Gedanken:

  • Grundeinkommen. Die hier verfügbaren Informationen (insbesondere der Film) zeigen, dass diese Idee nicht eine staatliche Lösung ist, welche mehr Belastungen für Leistungsfähige schafft – sondern dass damit eine Reihe zentraler Entwicklungsideen verbunden sind, welche z.B. die Rolle der Arbeit beleuchten (es gibt zu wenig Arbeit für alle – und das wäre eigentlich gut), die Situation der Versorgung (wir meinen nur, wir versorgten und selbst), die Möglichkeiten eines einfachen, gerechten Steuersystems; eines Gesellschaftsentwurfs, der familienfreundlich ist, der die individuellen Lebensentwürfe von Künstlern fördert, das Nachdenken über Leistung ermöglicht etc. Über Grundeinkommen müsste mehr gesprochen werden.IMG_0620
  • Ein Ort, der für alte/ältere Menschen geeignet ist. Immer mehr Menschen werden alt oder älter sein – und vieles entspricht nicht den Bedürfnissen alter Menschen. Grundsätzlich weiß ich ziemlich wenig über diese Bedürfnisse: Aber man könnte sicher einiges darüber erfahren, wahrnehmen und umsetzen. Wenn Menschen mehr als 20 Jahren als Pensionierte leben, dann muss es Lebensformen geben, welche diesen Menschen das Gefühl geben, sie gehören als wichtige Bestandteile zur Gesellschaft. Darüber – so finde ich – lohnte es sich zu sprechen.

 

One thought on “Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 4: Entwicklung und Ideale

  1. Ja, die Schweiz hat ihre Fehler… aber davon wage ich hier in China gar nicht zu sprechen. Und dabei spreche ich sehr selten mit Chinesen. In meiner Klasse gibt es keinen, dessen Land sich ihregendwie mit meinem messen könnte. Was soll ich also von der grässlichen Minarett-Iniative erzählen, wenn ich dabei weiss das die meisten so etwas wie eine Iniative gar nicht kennen und uns darum beineiden?
    Darum geniesst das Paradies! Macht es schöner… aber geniesst es! Geniesst die Schokolade, den Frieden, das Gefühl auch wirklich etwas bewegen zu können, die Bildung…

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