Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 3: Sport- und Kulturförderung.

Wenn man Künstlern oder Kulturschaffenden, Sportlern oder Trainern zuhört, dann hat man damit zu rechnen, dass sich die betreffenden bald über zu wenig staatliche Förderung für ihr spezifisches Betätigungsfeld beklagen, oder die Verteilung als ungerecht charakterisieren (natürlich zu ihren Ungunsten).

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen:

  1. Es stehen zu wenig Mittel für Sport- und Kulturförderung bereit.
  2. Die Verteilprozesse der Mittel sind problematisch.

Bevor auf diese beiden Schlüsse eingegangen werden soll, kann man sich zunächst grundsätzlich die Frage stellen, warum es Aufgabe des Staates sein soll, mittels Steuergeldern Sport und Kultur zu fördern. Diese Frage wird in meiner Wahrnehmung meist in kulturellen Kontexten diskutiert, und zwar ungefähr so: »Kulturinstitution X erhält jährlich Betrag Y, obwohl nur Z Zuschauer sie besucht haben.«

Das führt zum Paradox der Kulturförderung: Sollen Angebote unterstützt werden, welche einen gewissen kommerziellen Erfolg haben (und deshalb nicht so auf die Unterstützung angewiesen sind), oder eben gerade solche, die keinen kommerziellen Erfolg haben (dann aber gefördert werden und ein kleines Publikum ansprechen)? Damit wären wir beim Punkt 2.: Bei den Verteilprozessen.

Warum ein demokratischer Staat Kultur fördern soll, kann man leicht beantworten: Sie ermöglicht eine differenzierte Meinungsbildung.

Bei der Sportförderung ist ein anderes Paradox zu beobachten: Sportförderung, würde man denken, sollte der Gesundheit der Sporttreibenden dienen; also dem Breitensport. Tatsächlich werden aber große Teile der Mittel für Förderung von Spitzensportprogrammen eingesetzt. Abgesehen von einer Vorbildwirkung für die Breite, welche aber nur Trends von der einen Sportart hin zu einer anderen begründet, ist nicht einsichtig, was an Spitzensport gut sein soll. Nur ein Beispiel: Ariella Kaeslin ist mit 22 Jahren eine täglich leidende Frau – aber Vizeweltmeisterin.

Ein weiteres Problem scheint die Unübersichtlichkeit der verschiedenen Förderstellen sein: Sowohl die Vielzahl der fördernden Institutionen als auch die unterschiedlichen geographischen Zuständigkeitsbereiche (Kantone, Gemeinden etc.) lassen bei der Förderung keine Linie erkennen. Der Vorteil ist andererseits, dass auch auf lokaler Ebene Projekte mit wenig Mitteln gefördert werden können.

Eine Lösung bzw. einen Vorschlag zu finden, in welche Richtung am die Förderung durchdenken könnte, ist nicht ganz einfach. Dennoch präsentiere ich einen, der auch gewisse Schwächen haben mag: Es orientiert sich an der Tatsache, dass ich zwar bei einem Theaterbesuch 40 Franken zahle, der Besuch tatsächlich aber vielleicht 100 Franken oder mehr kostet, mir aber die Beiträge der Kulturförderung nicht deutlich werden (genau so wenig bei einem Fussballmatch oder einem Schweizer Film, der im Kino läuft).

Würde man nun einen großen Teil der Sport- und Kulturförderung direkt den Bewohnern der Schweiz überlassen, könnte man in diesem Bereich mehr Transparenz schaffen – und es vermeiden, dass Gremien solche Entscheide fällen müsste. Wie könnte das gehen? Jede gemeldete Bewohnerin und jeder Bewohner der Schweiz erhält eine Kreditkarte für Kultur und Sport mit zwei separaten Guthaben (entweder in Franken oder in Punkten); unter Umständen mit unterschiedlichen Guthaben je nach Wohnort (-kanton) und Altersgruppe (Kinder, Erwachsene, Senioren). Jeder kulturelle Betrieb und jeder im sportlichen Bereich tätigen Betrieb kann – sofern er gewisse Auflagen erfüllt – solche Guthaben einfordern; zusätzlich zu einem Eintrittspreis, also etwa: Ich zahle im Hallenbad 5 Franken Eintrittspreis und müsste zusätzlich 5 Franken Sportguthaben springen lassen (die könnte ich aber eventuell auch aus eigenem Sack bezahlen, wenn ich das wollte), könnte aber die 5 Franken auch dem FcZ für seine Juniorenausbildung spenden, oder Ariella Kaeslin. Meine 10 Franken Kulturguthaben kann ich entweder beim nächsten Schweizer Film an den Eintritt dranbezahlen, oder im Schauspielhaus verwenden oder auch beim Konzert der Blasmusik meiner Gemeinde, wenn ich das wollte. Das Problem, dass gewisse Institutionen verhältnismäßig viel mehr Geld brauchen als andere, müsste dann halt durch einsichtige Personen gelöst werden, welche diesen Institutionen viel mehr Geld überlassen als anderen (die z.B. ihr ganzes Kulturguthaben einer Institution spenden); bzw. könnten unter Umständen gewisse Betriebe auf Eintritte ganz verzichten und dafür eine Art Spezialförderung erhalten. Ebenso müssten große Projekte von überregionaler Bedeutung wohl dennoch mit Steuergeldern finanziert werden.

Das nur ein Vorschlag – der unter Umständen mehr Probleme auflöst, als dass er löst. Und die Diskussion ist natürlich eröffnet…

2 thoughts on “Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 3: Sport- und Kulturförderung.

  1. Sehr gute Idee. Die Frage ist aber auch eine Frage der Macht. Gerade nicht direkt politische Institutionen, Verbände etc. bieten durch die Tatsache, dass sie Geld verteilen können, Machtzentren. Typisch: Das Kuratorium des Kantons Aargau, die Lotteriefonds, Swiss Olympics etc. Durch die jeweils zur Verfügung stehenden Mittel lassen sich Loyalitäten schaffen, die dann auch in anderem, eventuell genuin politischem Kontext zum Tragen kommen. Die Frage ist: Wenn der Konsument demokratisch im Einzelfall über die Zuteilung von Ressourcen entscheidet, ist das Resultat in der Summe besser, gerechter, hochstehender, nützlicher (…….) als wenn „Experten“ dies tun?

  2. Eine gute Frage. Ich würde nur argumentieren, dass es transparenter sei.
    Ob sich in diesem Kontext verschiedene Systeme sich hinsichtlich der Kriterien »gerecht«, »hochstehend« oder »nützlich« unterscheiden, kann man wohl generell bezweifeln… 
    Wie ist der Aspekt der Macht genau zu verstehen? Würde das für die Erhaltung des stauts quo sprechen?

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