Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 2: Europa.

Sobald man über »Heimat« spricht, wähnt man sich entweder in einem mittelmäßigen Schüleraufsatz oder in einem Tagebucheintrag Max Frischs. Oder aber in rechter Propaganda. Es braucht den Begriff »Heimat« auch nicht, genau so wenig wie es eigentlich der Begriff einer »Nation« braucht. Aber es muss darüber nachgedacht werden, welche Entwicklungen angestrebt werden sollen, welche Wahrnehmungen der Schweiz wünschenswert sind und welches Verständnis von unserem Land wir haben. Und darüber nachdenken heißt klar zu sagen: Die Schweiz gehört zu Europa. Bei uns leben Menschen aus ganz Europa, wir beziehen unsere Kulturgüter, unsere Rezepte, unsere Sehnsüchte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben, einer gerechten Ordnung, unser Wissen, unsere Identität etc. aus ganz Europa, wenn nicht sogar aus einem größeren Kontext.

Aber:

  1. Die Schweiz gehört nicht zur EU.
  2. In der Schweiz wird nicht einmal über einen EU-Beitritt gesprochen.

Das Problem ist 2.
Leuten zu erklären, wie es politisch gekommen ist, dass 1., ist einigermassen erträglich. EWR, Blocher, überstürztes Beitrittsgesuch des Bundesrats (Delamuraz, Felber etc.), Bilaterale etc. Leuten in Europa aber klar zu machen, dass 2., wird schwierig: Weil man es selber nicht versteht. Warum wird die Idee von einem kooperierenden Europa in der Schweiz nicht einmal diskutiert? Warum steht sie nicht auf der politischen Agenda? Warum muss eine Partei wie die SP es fast verheimlichen, dass ihr Bundesrat Leuenberger für einen EU-Beitritt ist? Warum können nur ehemalige Botschafter (von Däniken) und emeritierte Professoren (von Matt) solche Fragen in den Medien diskutieren?

Die Rhetorik darf dabei in gewisse Fallen nicht tappen: Spricht man über die konkrete EU, so spricht man sofort über eine große Bürokratie, über Reglementierungen, Ausgleichszahlungen, ein System ohne direkte Demokratie etc. – und scheint es mit einem politischen Gebilde zu tun haben, das mehr Schwächen als Stärken zu haben scheint. Während die Alternative der Status Quo zu sein scheint. So kann man über diese Frage nicht sprechen – oder man sollte nicht. Vielmehr ist zu fragen, ob wir bei der Gestaltung unseres Lebenraumes und von Europa aktiv beteiligt sein wollen oder nicht. Ob wir die Idee »Europa« mitentwickeln wollen oder nicht.

Und diese Fragen sind nicht nur auf dem politischen Parkett zu stellen und zu diskutieren – sondern im Bus, beim Nachtessen, in der Schule. Es dürfen nicht Fragen sein, über die Intellektuelle leicht beschämt lächeln, die meisten Leute nicht nachdenken und ein paar selbsternannte Patrioten mit Verschwörungs- und Bedrohungsszenarien verbinden.

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