Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 1: Weniger arbeiten.

Wenn man am Morgen aufsteht, und nicht sicher ist, ob man mitten in der Nacht aufgewacht ist oder sich wirklich unter die Dusche stellen sollte – und dann beim Ausziehen friert: Ist schon wohl schon fast November. Und dann kommen Ideen. Wie das Leben auch noch sein könnte. Worüber man nachdenken sollte, wenn man nicht damit beschäftigt ist, über Islamophobie zu reden. Und so der Entschluss, denn Herbst konzentriert bloggend zu verbringen.

Dazu gleich eine Einladung: Gastbeiträge, Ideen zu Themen und Anregungen sind jederzeit willkommen in dieser Serie.

Also, Teil 1:

Weniger arbeiten

Es scheint selbstverständlich zu sein, an mehr als 40 Stunden pro Woche und rund 2000 Stunden pro Jahr zu arbeiten, wenn man 100% erwerbstätig ist. Manche Menschen können es sich leisten, nur 80% zu arbeiten, wobei sich sofort die Frage stellt, was man dann am ferien Tag überhaupt mache. Arbeit füllt so gesehen unser Leben aus, und das scheint uns nicht nur nicht zu stören, sondern darauf scheinen wir fast stolz zu sein. Wir bringen Leistung.

Wir sollten aber weniger arbeiten. Die Frage sollte sein: Warum arbeitest du 100%, wo du doch auch mit einem 60%-Lohn auskommen könntest? Die 35-Stunden-Woche sollte ein Thema werden. Anstatt 8 bis 6-Tage sollte man 10 bis 5-Tage arbeiten können. Oder acht Wochen Ferien haben. Raum, damit eigene Bedürfnisse entstehen können, und das Bedürfnis nicht einfach Erholung von der Arbeit ist. Mittagspausen, in denen man ins Kino geht. Oder sich einen Viergänger mit Wein gönnt, weil man danach auch noch eine Stunde schlafen kann.

Zum Trainieren könnten wir vielleicht mal eine Weile in Frankreich, Spanien oder Norwegen leben; und sehen, wie sich das so anfühlt. Und dass mit weniger Arbeit unser Lebensstandard sinkt – das ist zunächst mal nicht so klar, denn wie effizient kann man in sechs Stunden sein, wenn man ausgeschlafen ist und sich auf einen Abendausflug freuen kann; und selbst wenn: Wie schlimm wäre das denn, wenn unser Lebensstandard ein bisschen sinken würde, wir dafür mehr Zeit zur Verfügung hätten?

4 thoughts on “Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 1: Weniger arbeiten.

  1. Herbstsaison: Wir waren ja auch mal Tiere, vielleicht sogar Murmeltiere, und eigentlich wäre es doch am normalsten und gesund, in dieser dunklen Jahreshälfte mehr Zeit an dunklen Orten zu verbringen, wie Kinosäle, Saunas, rauchige Konzertkeller, Höhlen und Schlafzimmer, und so um die Mittagszeit etwas Tageslicht zu tanken, gegen die Depression.
    Hierfür wären kürzere Arbeitszeiten dringend nötig. Sie hätten auch eine positive Wirkung auf den allgemeinen sozialen Zusammenhalt (Lebensqualität), denn die Arbeit wäre nicht mehr häufigstes Gesprächthema. Man hätte Zeit Anteil zu nehmen, Hand zu bieten, zuzuhören.
    Wir sind Weltmeister darin, unseren Selbstwert durch die Arbeit zu definieren. (So bedeutet Arbeitslosigkeit dann für manche auch Wertlosigkeit).
    Die Frage einer Besucherin aus England: When do the Swiss have time to have fun? machte mich stutzig. Have fun? Wir müssen halt eben viel schaffen und dviel verdienen.
    In England fragte mich im ersten halben Jahr niemand nach meinem Beruf oder Ausbildung, man sprach über sehr viele andere wichtige Dinge. Es redete auch niemand von der Arbeit, das war für mich als Schweizerin seltsam. Bis ich merkte, manche haben Arbeit, manche nicht, es ist nicht der zentrale Lebensmittelpunkt.
    Mir scheint, dass Lebensstandard nicht gleich Lebensqualität ist. Der Lebensstandard ist vielerorts tiefer, die Lebensqualität aber einiges höher. Dazu gehört auch having fun. Auch intelligenten Fun. In dunklen und hellen Räumen.

  2. Zuerst etwas Raum für meine Entsetzung über das noch einmal vermehrte Bloggen, weil ich schon bisher nicht nachkam mit lesen und durchdenken und dann noch kommentieren. So kommt auch dieser Kommentar schon wieder nach dem nächsten Beitrag, was zwar etwas ernüchternd ist, doch er kommt:

    Es war ein arbeitsamer Samstag, als ich dies geschrieben habe und für solche Tage, kommt ein solcher Post gerade recht. An solchen Tagen denke ich, wie ich schon so oft gedacht habe, dass es verwunderlich ist, warum für gewisse geldbeschaffende Massnahmen 100% Stellen nicht schon lange vom BAG an den Pranger gestellt wurden, weil sie mindestens so gesundheitsgefährdend sind wie H1N1 und es scheint, als ob sich Menschen ebenso unwissend oder zumindest naiv dieser Gefährdung hingeben.
    Es ist weniger die Anzahl der Stunden als die Stumpfsinnigkeit der Arbeit, die in diesen Fällen angeklagt werden sollte. Beides in Kombination ergibt dann die explosive Mischung von Abstumpfung, geistig wie emotional, und Aggression, äussere wie innere, und damit meines Erachtens nach eine mehrheitliche Entmenschlichung. Spätestens dann, wenn die Motivation für die Berufstätigkeit auf das Geldverdienen und die Tagesstrukturierung herunter gebrochen werden muss und die investierte Zeit nicht einmal mehr für die Selbstwertdefinition taugtlich ist, dürften diese Mittel nicht mehr als die Hälfte unserer Woche in Anspruch nehmen. Ironischerweise sind es gerade solche Beschäftigungen, die ein Teilzeitpensum auf Grund der schlechten Entlöhnung kaum erlauben.

    Am Rande muss ich noch bemerken, dass es doch äusserst fragwürdig ist, dass selbst solche Arbeit als reine Strukturmassnahme genutzt wird, weil wir mit unserer freien Zeit nichts anzufangen wissen und in ihrer Leere untergehen. (s.oben)

    Weil die Arbeit heute für die grosse Mehrheit der Menschen nur noch ein Mittel zum Überleben, statt zumindest ein Zweck des Lebens darstellt und der Beruf von der ursprünglichen Berufung vollkommen entfremdet wurde, empfinden wir die 40 Stunden als Laster des Lebens und haben das Bedürfnis von diesem Leben Ferien zu nehmen. Wäre Arbeit noch immer mit der Leidenschaft und dem Engagement der Berufung verbunden, wäre es sehr wohl ein geeignetes Mittel uns zu definieren und auch sich selbst wertzuschätzen und wäre dann auch sehr wohl auch geeigneter Gesprächsstoff. Zumindest tauglicher als das Wetter. Doch mir scheint, als sei die Grundeinstellung zur Arbeit und zum Wetter vergleichbar: Beides kommt von oben.

    • Danke für den ausführlichen Kommentar. Zwei Bemerkungen:
      1.) Das Problem, dass Arbeit eine angenehme Form der Beschäftigung ist, weil wir nicht wüssten, was wir ohne Arbeit täten – das lässt sich wohl nur lösen, wenn uns mehr Freizeit angeboten wird (oder wir sie beanspruchen) und dann Vorstellungen davon entwickeln, was man an einem freien Tag außer ausschlafen und shoppen tun kann.
      2.) Die Vorstellung, Arbeit müsste auch unsere Berufung sein, ist zwar ein reizvolles Ideal: Es bedeutet aber auf der anderen Seite, dass unser ganzes Leben Arbeit sein müsste. Bei Google kann man gratis essen, das Velo reparieren lassen und Wäsche waschen lassen: Weil Google will, dass man in der Firma (und für die Firma) lebt. Wäre Arbeit eine »Berufung« (was sie wohl noch nie war), dann wäre es keine Arbeit mehr… 

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