Old School – Apropos freie Schulwahl

Zunächst einmal habe ich das hier entdeckt, ein Photo-Automat, der so »old school« ist, dass Foto sogar als Photo geschrieben wird.

Da denkt man, der Schwarzweißautomat, von dem man einen ganzen Stapel Bilder im Portemonnaie mit Klettverschluss hat, den werde es immer geben: Und auf einmal ist keiner mehr da. Außer in Berlin, und eben: in Zürich. Er befindet sich überigens hier:

(ein P.S. zu Google-Maps, nachdem alles darüber geschrieben worden ist, was geschrieben werden konnte: Wurde da nicht etwas fotographiert, was jeder selbst hätte fotographieren können? Wenn mein Haus in Google-Maps ist – heißt das nicht einfach, dass jeder kommen kann und mein Haus fotographieren kann?)

Dann habe ich ganz old school einen Leserbrief geschrieben an die wunderbare Publikation Wir Eltern. Wie es sich für ein Schweizer Familienmagazin gehört, liegt es ganz sauber auf einer konservativen Linie, in der Geschlechterrollen etwas Unproblematisches und der status quo ein Ideal sind (man muss das Heft also nicht abonnieren), tatsächlich wurde der Leserbrief aber auch abgedruckt, und ironischerweise plädiere ich da gerade für Old School, also dafür, dass Kinder in die Schule gehen, in die sie zugeteilt werden. Man lese selbst:

Ihr Artikel versucht Situationen aufzuzeigen, in denen ein Schulwechsel angebracht ist. Das erste Beispiel, in dem die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler aus der Sicht der Eltern gestört ist, mag zumindest für einen Klassenwechsel sprechen. Die Wahrnehmung der Eltern ist aber problematisch: Weder haben Eltern eine akkurate Wahrnehmung vom komplexen Geschehen Unterricht, weil sie auf der selektiven Wahrnehmung Lernender beruht, noch sind Eltern dazu befähigt, Lehrpersonen zu beurteilen. Diese Beurteilung wird entweder von kompetenten SchulleiterInnen oder gewählten Behördenmitgliedern vorgenommen – und das ist auch richtig so. Ein ähnliches Problem tritt bei Ihrem zweiten Beispiel zutage. Eine Mutter spricht von einem »völlig inakzeptablen Schulhaus«, an dem sie einerseits der Betonbau, andererseits der schlechte Ruf stört. Nun hat dese Frau Diebold Massnahmen ergriffen, um eine andere Schulzuteilung zu erzwingen. Das mag übertrieben erscheinen, wenn man berücksichtigt, dass ihr Sohn die Schule noch keine Lektion lang besucht hat, ethisch verwerflich erscheint es dann, wenn man an all die anderen Kinder (und ihre Eltern) denkt, welche dieses »inakzeptable Schulhaus« besuchen müssen. Freie Schulwahl ist deshalb keine wünschenswerte Neuerung für die Volksschule, weil sie privilegierten Eltern und ihren Kindern bessere Schulen, den vom schweizerischen Bildungssystem ohnehin Benachteiligten aber schlechtere Schulen zur Verfügung stellt.

Freie Schulwahl scheint den Leuten ein ideales System darzustellen, welche davon ausgehen, ihre Kinder würden dann den angenehm individualisierten Unterricht im Wohnquartier besuchen, wo es zwar Ausländer hat, aber nur zwei pro Klasse, und die sind eigentlich Schweizer, haben aber die letzten fünf Jahre in Südafrika und in Japan gelebt; während die tamilischen Kinder von nebenan weiterhin in die Schule im Quartier gehen, wo auch die Ex-Jugoslaven, Portugiesen und so weiter in die Schule gehen, weil die ja gar nicht wissen, dass es die wunderbare Schule gibt. Ja, das ist etwas zugespitzt, aber um mich zu wiederholen: Das System würde darauf basieren, dass Eltern wissen, welche Schule die richtige für ihr Kind ist. Und das ist zu bezweifeln, dass sie das wissen.

5 thoughts on “Old School – Apropos freie Schulwahl

  1. Es stellt sich die Frage: Sollen Kinder lebensfähig gemacht werden, oder soll das Leben "kinderfähig" gemacht werden?
    Letzteres ist wohl die Absicht vieler Mütter!

  2. Dass der Füntel der schweizerischen Bevölkerung, der keinen Schweizer Pass besitzt, in einer Privatschulklasse durch zwei halbe Ausländer vertreten wird, stimmt schon. Obwohl es meistens Deutsche sind und nicht Südafrikaner/Japaner. Doch solange der Staat Privatschulen nicht unterstützt, müssen die Eltern wohl oder übel für die Kosten aufkommen. Und das ist mitunter ein Grund, weshalb sich Ausländer Privatschulen nicht leisten können.
    Es ist eine Realität, dass nicht für jedes Kind das gleiche Schulsystem optimal ist und die Schweiz kann es sich problemlos leisten, auf diese unterschiedlichen Bedürfnisse einzugehen. Wenn sich die Volksschule gegen die freie Schulwahl sträubt, weil sie befürchtet, dass sie dann Schüler verliert, heisst das doch einfach, dass sie nicht konkurrenzfähig ist. (Mal ein bisschen provokativ ausgedrückt.)

    • Die Aussage »nicht für jedes Kind ist ist das gleiche Schulsystem optimal« finde ich etwas problematisch – warum kann ein System nicht auf verschiedene Bedürfnisse eingehen?
      Ich weiß nicht, warum sich die Volksschule sträubt – ich sträube mich, weil Privatschulen in der Schweiz von einer katastrophalen Qualität sind, schlecht qualifizierte Lehrpersonen anstellen zu miserablen Löhnen und so tun, als könnten sie ein imaginäres Problem im Bildungswesen lösen, wenn sie staatlich subventioniert würden. Wenn Bildung eine Aufgabe des Staates ist – und es ein Problem gibt: Dann sollen einfach verschiedene staatliche Schulen angeboten werden, unter denen Eltern und ihre Kinder frei wählen können und zu denen sie auch hingebracht werden.

  3. Pingback: Mal wieder die Privatschulen – zum Beispiel die »Primaria«  « Ws Blog

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