Gibt es Alternativen?

Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. [Walter Benjamin, Quelle (pdf)]

Die Frage, ob es Alternativen zum Kapitalismus gebe, wird derzeit breit diskutiert und ebenso breit negiert. Nur weil sich historisch keine Alternativen haben durchsetzen können, heißt das aber nicht, dass sich solche nicht finden ließen. Zunächst kann man sich fragen, aufgrund welcher Kriterien sich ein Wirtschaftssystem durchsetzen kann. Dazu nur ein Gedanke: In kapitalistischen Systemen entscheiden Menschen oft so, als wären sie potentiell reich. Sie lassen sich auf einen »capitalist dream« ein, der zwar jedem und jeder die Möglichkeit gibt, reich zu werden – und dabei außer acht lässt, dass dieser Reichtum mit der Armut anderer Menschen erkauft wird. Würde man sich an den Ärmsten orientieren – wie das Gerechtigkeitstheoretiker vorschlagen -, hätte sich der Kapitalismus wohl kaum durchgesetzt.
So kommt es auch, dass die lösbaren Probleme des Kapitalismus nicht gelöst werden können. Man könnte nun Kapitalismus durch eine Reihe von Gesetzen beschränken, z.B. die Löhne von Managern beschneiden etc. Solche Vorschläge scheinen dem Prinzip des Kapitalismus zu widersprechen, wonach Preise rational sind: Wenn es jemanden gibt, der für die Leistung dieses Managers so viel zahlen will, dann darf er das m.E.
Probleme gibt es grundsätzlich vier:

  1. Kapitalistische Ordnungen sind dann fair, wenn sie überschaubare Systeme betreffen. Ein Austausch von Waren und Geldern über Kulturen (und Systeme) hinweg muss zu Paradoxien und Ungerechtigkeiten führen. Und sei es nur, dass der Kapitalgeber Leute ausnutzen kann, ohne von ihnen damit konfrontiert zu weden, ohne überhaupt ein Gesicht zu haben. Wer ist denn letztlich dafür verantwortlich, dass in China Wanderarbeiter eigentliche Sklavenarbeit verrichten müssen? Niemand, natürlich. Oder: Wir alle, weil diese Leute in eine System eingebunden sind, aus dem wir unsere Kleider und Gadgets beziehen.
  2. Gewisse Dinge können niemandem gehören, weil es niemanden gibt, der sie verkaufen könnte, sie sind Allgemeingut. Dazu gehört das Land und alle Ressourcen. Sinnvoll wäre es, Pachtpreise für Land zu bezahlen, welche der Allgemeinheit zukommen.
  3. Geld muss zirkulieren. Es darf keine Anreize geben, Geld dem Fluss zu entziehen. Hier könnten wohl volkswirtschaftliche Korrekturen vorgenommen werden, die ich im Detail nicht verstehe. Grundsätzlich scheint das System immer dann gut zu funktionieren, wenn verschiedene echte Bedürfnisse durch den Markt gegeneinander abgewogen werden müssen. Das Bedürfnis, aus viel Geld mehr Geld zu machen, sollte aber dazu nicht gehören – und es wird eben nur durch die Leute gestützt, die sich denken, dass sie auch einmal erben werden, dass sie auch einmal mit einer krassen Steuerprogression konfrontiert sind.
  4. Es darf nichts gratis geben. Wenn etwas gratis ist, heißt das, dass die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt. Das Schwarzfahrerproblem ist in zu vielen Bereichen vorhanden.

Die Diskussion solcher Probleme ist nicht neu und eigentlich auch krisenunabhängig. Fazit wäre: Die Freiheit des kapitalistischen Systems lässt sich vereinbaren mit einem besseren System, wenn seine Grösse beschränkt, sein Geldfluss gesichert, Besitz von Allgemeingut verunmöglicht und sämtliche Kosten erfasst werden.

4 thoughts on “Gibt es Alternativen?

  1. Leider hab ich kein Duden-Abo. Im zeitgenössischen Sprachgebrauch wird sich wohl die Verwendung des Plurals eingebürgert haben.

  2. Ich erinnere an das religiöse Zinsvebot, sowie an Silvio Gesell und die Freiwirtschafsbewegung!

    Jedes System verführt Einige Regulierer dazu, die Regeln auszuhebeln, um "schlauer" als Andere zu sein…

    Ich erinnere daran, dass Nestlé in Afrika Milchpulver verkaufte und in Indien wird reines Wasser verkauft…

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