Alles ganz anders

Ich hab mir die Sache noch einmal überlegt, die Sache mit dem Betteln. Flos historisch-staatspolitischer Exkurs in Ehren (sie gebührt ja wohl auch ihm), das Problem liegt bei mir:
Bettelnde Menschen stellen einen Anspruch an mein Mitleid. Mitleid würde ich gerne nach klaren Kriterien vergeben: Kälber mit wuscheligem Fell, welche an der Mutter Euter säugen, bemitleide ich dafür, dass sie dereinst geschlachtet werden, Schweine hingegen weniger. (Bereits hier sieht man, dass mit meinem Mitleid wohl etwas nicht ganz stimmt.) Bettler bemitleide ich generell, aber eben: Vor allem im Ausland.
Nun ist es relativ feige, für meine Überforderung (und diejenige des Mitleids in mir) eine staatliche Lösung fordern zu wollen. Deshalb: Wer betteln will, soll betteln können. Schon allein die Tatsache, dass jemand einen Tag in einer Unterführung bettelt, ist ja irgendwie beunruhigend, auch wenn man damit möglicherweise Geld verdienen kann. Wenn ich wirklich finde, die Person verdiene mehr als ich, könnte ich das ja auch tun, eigentlich.
Für einmal von mir die Forderung nach weniger Staat, deshalb.

***

Und ich schließe – in Bezug auf den Staat – gleich noch meinen Unmut über die politische Handhabung der Kosten im Gesundheitswesen an. Unser System idiotisch zu nennen und unser Parlament korrput scheint irgendwie übertrieben zu sein – aber anders kann mans wohl nicht sagen. Wie kann man bei einer obligatorischen Grundversicherung mit vorgeschriebenem Leistungskatalog davon ausgehen, Wettbewerb bringe eine Kostenreduktion?

4 thoughts on “Alles ganz anders

  1. Was ich so in den Zeitungen lese verstehe ich als einen Kampf ums Rechthaben im Gesundheitswesen…

    Was die Privatisierung der 2. Rente angeht, haben wir ja gesehen, wie das BVG keine Sicherheiten bietet.

    Ich sehe nicht ein, wieso private Krankenversicherungen an unserer Gesundheit Profite erwirtschaften sollten.

    Jedenfalls ist es merk-würdig, dass die SUVA seit einiger Zeit Begierden von Privatversicherern weckt.

    Auch mit der Post wollen die Privaten nicht von ihrer risikoreichen Privatiesierung lassen.

    Die Schaumschlägerei dient nur dazu, solidarische Einrichtungen in Verruf zu bringen und den Privaten neue Geschäftsmöglichkeiten zu erschliessen…

    Unter dem Feudalismus war alles privat und da blühte das Bettelwesen. Heute sollen wieder viele Leistungen nicht mehr solidarisch beansprucht, sondern einzeln erbettelt werden.

    Wenn das nur auch in den Etagen der Banken und Versicherungen so wäre. Da wird nur gefordert und bei der Politik sackweise Kapital abgeholt!

    Doch wer wagt es, einen Überblick über dies alles zu geben?

  2. Ich mag den Anblick von Bettlern auch nicht.
    Einerseits weil es mir ja gut geht und ich meistens dennoch nichts gebe, mit der Entschuldigung im Hinterkopf, dass ich ja Schülerin bin. Andererseits weil sie mich daran erinnern, das die Welt noch lange nicht in Ordnung ist, auch hier in der Schweiz nicht.
    Auch kann ich diese Menschen nicht verstehen. Ich könnte nicht betteln. Die abeschätzigen Blicke der Passanten, dieses ständige auf die Nerven gehen, dies Hilflosigkeit, ich könnte es nicht ertragen. Ich glaube fest daran, dass alle Menschen diesen Stolz besitzen. Was geht in einem Mensch vor, der diesen Stolz aufgibt?
    Jetzt da ich dies schreibe, bin ich neugierig geworden. ich überlege mir, ob ich den nächsten Bettler nicht einfach fragen sollte, warum er bettelt und wofür er das Geld braucht. Ein bisschen Zeit hat man ja immer und viellicht wird sich dann auch meine Beklemmung legen?

  3. „Wer betteln will, soll betteln können.“, sagen Sie.
    Weshalb wird es also wohl an manchen Orten verboten – Weil es armselig aussieht und nicht in die Schweiz gehört, schon gar nicht dorthin, wo Touristen durchlaufen./?
    Armselig könnte man es aber wirklich nennen. Wenn jemand sein Leben damit verbringen möchte, in einer dunklen, nassen Ecke zu kauern und die Leute unterwürfig anzuflehen, etwas Kleingeld zu entbehren, dann ist das wirklich beunruhigend. Dabei gibt es jedoch einige Punkte an alle zu beachten:
    1. Kollekte – Meiner Meinung nach ist es ein grosser Unterschied, ob jemand sich so erniedrigen möchte, ohne Gegenleistung Geld von Fremden zu wollen, oder ob jemand fürs Rote Kreuz oder den WWF sammelt. Doch auch bei letzeren könnte man sich fragen, wieso viele Leute den Hängebauchschweinen in Australien Geld spenden, wieso es uns stören würde, wenn eine Spezies unseretwegen ausstirbt – halt Darwin, oder?
    2. Die Menge Geld – Man hört von Organisationen aus dem Osten, die im grossen Stil Leute – v.A. Kinder – in reiche Städte bringen, damit diese dort Geld sammeln gehen (und den Carfahrern abgeben) – und zwar mit grossem Erfolg. Wieviel daran wahr ist, weiss ich nicht – dass ich ein solches Mädchen aber mehr bemitleide als ein bärtiger „Penner“ von hier ist aber klar.
    3. Sozialhilfe, bzw. der Willen, „richtige Arbeit“ zu suchen. Wenn -vorwiegend männliche- Banden an Bahnhöfen rumhängen, und dort aggressiv ihre Schäfer, Ketten und Lederjacken zeigen, dann kann man das natürlich als Botschaft verstehen. Oder als Fehler unseres Sozialsystems. Stimmt es, dass wenn ich beschliesse nicht mehr zu arbeiten, dass ich dann als Schweizer nicht verhungere (bzw. von der Allgemeinheit Geld geschenkt bekomme) und als Ausländer des Landes verwiesen werde? Wenn ja, ist das gut? Und müssen dann Schweizer überhaupt je betteln?
    4. Was kaufen sich Bettler wohl von meinen Münzen? Würde ich weniger geben, wenn ichs wüsste?
    5. Ist es als Flüchtling nicht egal, ob man bei einer Straftat in der Schweiz geschnappt wird oder nicht – entweder klappts und man hat Geld oder es klappt nicht und man hat ein Gefängnis – etwas weit besseres als das ehemalige Zuhause?
    5. Religion – Wie ist es damit vereinbar, sich selbst als Christ zu bezeichnen, wenn man jede Stunde ein Vielfaches der Münzen in Sammelbecken verdient, und dieses gierig behält? Wie ist das mit Himmel und Hölle, mit Allah oder „Wertvorstellungen“ der Atheisten vereinbar? Wieso schicken Sie nicht einen Franken pro Tag nach Indien oder Brasilien oder Afrika oder irgendwohin, wo die Menschen für grössere Anstrengungen viel weniger verdienen als Sie? Ihr Geld wäre dort übrigens sehr viel mehr wert. Und nein, ich tu das auch nicht.
    6. Man könnte hier zwar noch weiter machen, doch jetzt nur zum Schluss: Ist Betteln auch eine Form von Arbeit? Bzw. ist es eine valable Gegenleistung, wenn ich statt Strassenmusik und -Tanz oder Sex oder „richtige“ Arbeitsleistungen zu bekommen, mein Gewissen befriedigen kann?

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