»unsere Justizbehörden« – und noch einmal Brecht

Es tut wieder einmal verdammt weh, zu lesen, wie unsere Justizbehörden versagen. Solch brutale Mörder empfinden gar keine Reue, gehören ein für allemal weg aus unserem Leben, die Todesstrafe ist das einzig Richtige, sonst kostet es die Steuerzahler enorme Summen und wieder unschuldige Menschenleben.
– Martha Hürlimann, Oberglatt (Quelle: Tages-Anzeiger, 11. März 2009)

Frau Hürlimann spricht aus, was wohl viele denken (z.B. die hier): Die Forderung nach einer Macht, die disziplinieren kann, die verhindert, was wir uns nicht wünschen, die töten kann, was nicht »in unser Leben« gehört. Der Tod gehört nicht in unser Leben. Mörder gehören nicht in unser Leben, und können deshalb keine Reue empfinden.
Und auch in diesem Fall passiert das Absehbare: MitarbeiterInnen des Justizapparats, die versucht haben, einen Täter in einen geordneten Alltag zu überführen und dabei gescheitert sind, werden medial an den Pranger gestellt, härtere Gesetze werden gefordert und vielleicht auch eingeführt, und niemand sagt, dass eigentlich unaussprechlich ist, was passiert ist, dass wir es nicht verstehen, dass es uns überfordert, unsere Gesellschaft überfordert, unser System überfordert, unser kausales Denken überfordert. Man wünscht sich, dass Brecht ein Autor einer Zeitung wäre, der über den Fall Apfelböck geschrieben hat:

In mildem Lichte Jakob Apfelböck
Erschlug den Vater und die Mutter sein
Und schloß sie beide in den Wäscheschrank
Und blieb im Hause übrig, er allein.
[…]
Und als sie einstens in den Schrank ihm sahn
Stand Jakob Apfelböck in mildem Licht
Und als sie fragten, warum er’s getan
Sprach Jakob Apfelböck: Ich weiß es nicht.
(das ganze Gedicht)

Und so können auch wir sagen: Wir wissen es nicht. Wir verstehen es nicht. Aber Frau Hürlimann, stolzes Mitglied des Naturschutzvereins Oberglatt, fordert die Todesstrafe. Und zwar nicht hauptsächlich, weil das nicht mehr passieren darf, sondern zunächst, um Geld zu sparen. Auch das ist eine Logik – die man nicht versteht.
Hier noch einmal das Gedicht, verstörend:

2 thoughts on “»unsere Justizbehörden« – und noch einmal Brecht

  1. Pingback: Brecht: Apfelböck oder Die Lilie auf dem Felde – Analyse « norberto42

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