I have a dream – Max Frisch über das Tagebuch

Mein Traum ist es, dass allmählich alle Bücher gescannt und im Internet verfügbar gemacht werden. Dass man Passagen suchen kann, dass alle Bücher immer zur Verfügung stehen. Dass Passagen sich mir nicht entziehen, nur weil die ZB nicht mehr geöffnet hat oder ein Buch ausgeliehen ist. Und dass ich nicht in Büchern blättern muss, bis ich ein Zitat gefunden habe. Zugegeben: Nicht so ein wilder Traum. Und doch gibt es vor allem deutsche Verlage, die sich sogar gegen Google Books sperren und von irgendwelchen Urheberrechten träumen.
Also, diese Passage habe ich gesucht, und zwar nicht zum ersten Mal, und sie nun endlich abgeschrieben, auf dass sie für immer im Netz bleibe:


Max Frisch
Vom Sinn eines Tagebuches:

Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, daß wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute –
Die Zeit verwandelt uns nicht.
Sie entfaltet uns nur. Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, das es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, daß man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selbst lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, daß man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest. Es lässt sich nichts mehr machen dagegen. Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus –
[Tagebuch 1946-1949, Suhrkamp, S. 21f.]
Siehe auch diese kleine Arbeit darüber.

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