Ein Gedankenexperiment

Seit meinem Aufenthalt im Literaturarchiv in Marbach, wo von Dichtern behalten wird, was sie an Notizen, Werken, Briefen und Mermorabilia auf der Welt gelassen haben, als sie gestorben sind, treibt mich die Frage um, was für ein Bild man gerne von sich der Nachwelt überliefern möchte.
Dazu muss natürlich vorausgesetzt werden, dass man das möchte und dass die Nachwelt (wie gross oder klein auch immer) überhaupt ein Bild bewahren wird. Nimmt man das aber einmal an, so ergeben sich wohl grob drei Möglichkeiten:

1) Wie man „wirklich“ gewesen ist, d.h. ein möglichst vollständiges Bild des eigenen Lebens; alles, was hinter der Fassade des täglichen Lebens zu finden wäre oder ist.
2) Wie man wirken wollte, d.h. alles, was dem Bild, das man von sich gegeben hat, widerspricht, wird ignoriert.
3) Wie man der Nachwelt erhalten bleiben wollte, d.h. man konstruiert eine Art Bild von sich, das das eigene Leben überdauern soll.

Wirklich entscheiden kann ich mich nicht – die Frage hat sich am Beispiel eines Dichter entzündet, der von sich behauptet hat, die Gedichte beim Spazieren zu verfassen und sie zuhause in einem Zug niederzuschreiben – was aufgrund der Entwürfe, die man in seinen Papieren gefunden hat, aber nicht gestimmt hat.

Oder vielleicht kann man sogar anders fragen: Wenn man kein Bild von sich konstruieren könnte, wenn alles, was man tut, sagt, schreibt (denkt?) transparent wäre – wäre das eine schlechtere, weniger lebenswerte Welt?

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