Autorität

Das Auftreten einer „Terrorklasse“ (Kandidat für Unwort des Jahres) zeige, so ein breiter Medientenor, dass die Pädagogik der 68er ausgedient habe. Was ist damit gesagt – oder auch nicht gesagt?
Die Pädagogik der 68er wird dargestellt wie in jener Anekdote vom Kind, das beim Anstehen im Supermarkt die Kunden belästigt und von der Mutter nicht zurecht gewiesen wird, weil sie halt eine antiautoritäre Erziehung pflege, worauf ein ein anstehender Mann eine Büchse Honig über dem Kopf des Kindes ausleert und bemerkt, auch er habe eine antiautoritäre Erziehung genossen. Es wird also das Bild einer Erziehung gezeichnet, bei der man Kinder und Jugendliche machen lässt, was sie wollen – obwohl vorauszusetzen ist, dass sie nicht machen wollen, was sie machen sollen; oder umgekehrt.
An die Stelle dieses Laissez-Faire müssen nun wieder starke Autoritäten treten, die Jugendliche in die Schranken weisen, sie Anstand lehren und durchgreifen können.
Solche Bemerkungen entbehren nicht einer gewissen Gefahr: Wenn die „68er“ etwas gezeigt haben, dann war es, dass Autorität nicht eine Supermananzug sein darf, in den jede „Autoritätsperson“ schlüpfen kann um damit selbstreferentielle Autorität zu heischen (ich habe Autorität, weil ich eine Autoritätsperson bin und umgekehrt) – sondern dass Autorität ersetzt werden kann durch Kompetenz. Wenn ich fähig bin, etwas so zu machen, dass es von anderen respektiert wird, geniesse ich eine Form von natürlicher Autorität, die keines zusätzlichen Autoritätsgehabes bedarf.
In unserer heutigen Gesellschaft hat sich sowohl diese Haltung gegenüber Autoritäten durchgesetzt (die sogenannte 68er-Pädagogik) als auch ein Verzicht auf vielerlei Kompetenzen. „Just do it“ ist seit längerem das Motto – tu, was du willst, ohne dir zu überlegen, ob du es kannst. Jeder kann tanzen, jeder ist Dichter, jeder kann Computer, jeder erziehen, machs, und du wirst schon was hinkriegen. Hier dürfte der Punkt liegen, an dem man ansetzen muss. Lehrpersonen sind nur eine Berufskategorie, von denen mehr Kompetenzen gefordert werden müssen. Und wir sprechen nicht von kognitiven oder überprüfbaren Kompetenzen, sondern ebenfalls von „soft skills“, von denen stets gesprochen wird, auf die jedoch wenig Wert gelegt wird. „Mit Kindern/Jugendlichen sprechen können“ ist beispielsweise eine Kompetenz, die auch vielen Eltern abgeht (Eltern sein ist ja auch ein Bereich, der unters Motto „just do it“ fällt); oder auch: „sich durchsetzen können“ oder „von etwas überzeugt sein“.
Die Kritik betrifft also nicht die 68er, die durchaus gewisse Illusionen gelebt haben und schon lange wissen, dass es Illusionen waren, sondern die verborgenen Träume des Kapitalismus, der American Dream, der unsere Medienwelt unterwandert hat: Jede und jeder kann alles werden, wenn er oder sie nur will. Richtig wäre: Jede und jeder kann das werden, wofür er die nötigen Kompetenzen hat. Und dass Lernen und Schule etwas wert sind, zentrale Bausteine für einen Lebensentwurf sind, wird immer dort verschüttet, wo ein erfolgreicher Unternehmer oder Politiker oder Sportler sich brüstet, in der Schule eine Null gewesen zu sein, und doch sei aus ihm noch etwas geworden.

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