Ansichten eines Clowns

Bölls Gesellschaftskritik aus den 60er-Jahren wiedergelesen (oder zumindest teilweise, dtv). Es fällt auf, wie abgedroschen die Kritik an katholischer Kirche und bürgerlicher Borniertheit ist – auch wenn solche Werke gerade erst ermöglicht haben, über die Wirkung von Ideologie und zwanghafter gesellschaftlicher Anpassung zu reden.
Böll ist hier ein Meister der mise en abîme, immer wieder ist die ganze Haltung und der Weg seines Clowns im Kleinen schon enthalten, z.B. bei der Referenz auf Siegfried, mit der er sich identifiziert. Der Akt der stellvertretenden Entjungferung bezieht er auf sich und sein Verhältnis zu Marie, die eigentlich seine Frau ist, obwohl sie schon vor seiner Beziehung zu ihr mit Züpfner zusammen war.

In der Schule hatte es Spezialisten für die Frage gegeben: wie schwer es sei, ein Mädchen zur Frau zu machen, und ich hatte dauernd Gunther im Kopf, der Siegfried vorschicken musste, und dachte an das fürchterliche Nibelungengemetzel, das dieser Sache wegen entstanden war, und wie ich in der Schule, als wir die Nibelungensage durchnahmen, aufgestandne war und zu Pater Wunibald gesagt hatte: »Eigentlich war Brunhild doch Siegfrieds Frau«, und er hatte gelächelt und gesagt: »Aber verheiratet war er mit Krimhild, mein Junge«, und ich war wütend geworden und hatte behauptet, das wäre eine Auslegung, die ich als »pfäffisch« empfände, Pater Wuni-bald wurde wütend, klopfte mit dem Finger aufs Pult, berief sich auf seine Autorität und verbat sich eine »derartige Beleidigung«. (S.45)

Fazit: Ein teilweise cleveres, teilweise wenig subtiles Werk Bölls, dessen politische und soziale Bedeutung uns heute kaum noch zugänglich ist.
Hier poste ich noch eine Zusammenfassung, eine verbesserte Version dieser Fassung:
Mittelpunkt der Romans ist das Leben des Beruf-Clowns Hans Schnier. Die Hauptfigur erscheint zugleich als Ich-Erzähler. Das eigentliche verläuft innerhalb von ungefähr zwei Stunden an einem Märztag des Jahres 1962, wobei seine Erinnerungen bis in die Kindheit zurückreichen.
Der Roman ist in 25 Kapitel gegliedert, die logisch aufeinander folgen, jedoch kann man oft schwer zwischen Träumen und Realität unterscheiden:

Selbst dieser Weg [der Prostitution], mich von der Barmherzigkeit käuflicher Liebe erlösen zu lassen, war mir verschlossen: ich hatte kein Geld. Inzwischen probierte Marie in ihrem römischen Hotel ihre spanische Mantilla an, um als first lady des deutschen Katholizismus standesgemäss zu repräsentieren. Nach Bonn zurückgekehrt, würde sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit Tee trinken, lächeln […] (S. 222f.)

Der Roman beginnt damit, daß Schnier allein, verletzt (bei einer Chaplin-Nummer gestürzt, geschwollenes Knie) und ohne Geld nach Bonn in seine Wohnung zurückkehrt und sich im Klaren ist, daß er entweder zu seinem reichen Eltern zurückkehrt und sie anbettelt oder in der Gosse landet (er wird als Clown nicht mehr gebucht). Er ist verzweifelt, da ihn seine Geliebte Marie mit der er 5 Jahre zusammenlebte und die er als seine Frau ansah, ohne sich standesamtlich und kirchlich trauen zu lassen, verlassen hat. Schnier ist nämlich der Ansicht, da_ eine echte Ehe der Legalisierung durch Staat und Kirche nicht bedürfe (im Roman differenzierte Auseinandersetzung Katholizismus – Kritik nicht an katholischem Glauben, sondern an Umgang mit ihm durch snobistische, zynische Deutsche). Aber Marie hat ihn auf Drängen ihrer katholischen Glaubensgenossen verlassen und hat Heribert Züpfer, einen führenden Mann des „Dachverbandes katholische Laien“ geheiratet. Außerdem erfährt man, dass Schnier Gerüche durch das Telefon erkennen kann.
Seine Eltern existieren für ihn nicht mehr, da seine Mutter, die während des Krieges eine überzeugte Nationalsozialistin war, ihre eigenen Kinder für die Heimatfront zur Verfügung stellte, aber heute die Präsidentin des Zentralkomitees der Gesellschaft zur Versöhnung rassischer Gegensätze ist. In ihr sieht er das Paradebeispiel für Profitgier, Angebertum, Heuchelei und Verstellung. Damals kam seine Schwester Henriette um, dies hat er ihr nie verziehen.
Um noch an Geld zu kommen hat er nur noch das Telefon um Freunde und Bekannte anzurufen, die ihm aushelfen könnten. Als erstes ruft er seine Mutter an, jedoch beendet er das Gespräch abrupt, weil ihn ihre jetzige Stellung und Verlogenheit anekelt (er provoziert sie mit einer Anspielung auf seine tote Schwester). Außerdem erfuhr er, daß sich sein Schicksal herumgesprochen hat, und somit jeder über seine finanzielle Situation Bescheid weiß – auch Marie. Danach fällt er in Erinnerungen , wie er Marie kennen gelernt hat (»Ich war einundzwanzig, sie neunzehn, als ich eines Abends einfach auf ihr Zimmer ging, um mit ihr die Sachen zu tun, die Mann und Frau miteinander tun.« (S. 39)) und mit ihr die Stadt verlassen hatte, weil er Clown werden wollte.
Als zweites rief er seinen Bruder Leo an, der in einem katholischen Konvikt war, jedoch war er nicht erreichbar. Daraufhin träumt er wieder und erinnert sich, wie er sich mit Marie Kinder wünschte, jedoch ein Streit ausbrach, weil sie standesamtlich heiraten wollte und Hans Schnier ein Dokument unterzeichnen musste, daß die Kinder katholisch erzogen werden.
Daraufhin verließ Marie ihn mit der Begründung, daß sie ihren eigenen Weg gehen muß. Dies wurde ihr aber von ihren katholischen Freunden eingetrichtert.
Als nächstes ruft er zwei Mitglieder des katholischen Kreises an, Freudebeil und Kinkel. Diese waren auch hohe Mitglieder der CDU (hier auch politische Kritik von Böll). Bei Freudebeil war nur die Frau zu sprechen, mit der er sich streitet (sie kritisiert ihn und umgekehrt). Bei Kinkel, der auch ein hohes Tier im deutschen Katholizismus ist, hört er im Hintergrund viele Schimpfwörter und Beleidigungen, die das Bild einer ehrbaren Persönlichkeit zerstören. Kinkel redet Schnier Mut zu, dieser geht Kinkel an, indem er ihm vorwirft, daß Marie Ehebruch begeht, weil sie ihn verlassen hat und er droht im Zorn alle wichtigen Prälaten umzubringen, da er nichts mehr zu verlieren hat.
Nun erhält Schnier einen Anruf von einem Mitglied des katholischen Zirkels, der ihn fragt, ob er nun allen Mitgliedern die Feindschaft ansagen will. Doch dieser Anrufer Sommerfeld will Schnier Mut zureden und ihm die Sache zu erleichtern, doch als Schnier erfährt, daß seine Marie mit Züpfner schon in den Flitterwochen in Rom ist, bricht für ihn eine Welt zusammen, da er Marie verloren sieht. Darauf hat Schnier ein Zukunftsvision, in der er Marie und Heribert Züpfner in einem Haus für 12 Kinder sieht und Marie schon Nachwuchs hat.
Daraufhin besucht ihn sein reicher Vater. Er bietet ihm zunächst an, ihm eine Schauspielausbildung zu ermöglichen (1000 Mark im Monat), später – nach einer Erinnerung Hans’ an seine Trainingszeit (trainiert in einem Sälchen bei Kaplan Heinrich Behlen, seinem Freund), in der er mit Marie ohne Geld lebte – bietet der Vater an, eine Existenz zu finanzieren, doch die Offerte von 200 DM monatlich scheint Hans Schnier zu gering und er lehnt ab. Im Gegenteil er macht seinem Vater noch Vorwürfe, daß die Kindheit so kühl war und die Wärme der Eltern fehlte, die sogar am Essen gespart haben »die Erkenntnis, dass wir zuhause nie richtig zu fressen bekamen« (S. 167). Der Vater ist sehr berührt von der Abrechnung Hans’ und sucht nach einem versöhnlichen Abschluss, Hans sinniert:

Er war nicht schuldig, nur auf eine Weise dumm, die Tragik ausschloss oder vielleicht die Voraussetzung dafür war. (S. 175)

Er erinnert den Vater daran, dass er gegen das Ende des Krieges fliehende Frauen vor einem deutschen Major gerettet hat.
Er versucht wieder seinen Bruder im Konvikt anzurufen, erfuhr jedoch, dass Leo in Ungnade gefallen war und nur noch einen Dienerlohn bekam. Doch Schnier denkt nur noch an Geld. Daraufhin erinnerte er sich an die Fehlgeburt die Marie hatte und an die Nonne im Krankenhaus, die erzählte, dass das „Kind“ nicht in den Himmel kommen könne, sondern in der Vorhölle schmoren muss, da es nicht getauft war. Schnier erfuhr da zum ersten Mal, was für Scheußlichkeiten die katholische Kirche im Religionsunterricht verbreite.
Daraufhin ruft er noch Monika Silv an, die aber auch unter Einfluß Sommerwilds steht und ihm nicht helfen will. Als er Simone Emonds anrief, klagte er ihr sein Leid, da sie noch nicht Bescheid war. Simone selber hatte Probleme, da ihr viertes Kind unterwegs war und sie nicht wusste wie sie und ihr Mann Karl mit dem Geld zurechtkommen würden.
(Hier spielt Böll auf die Probleme der Empfängnisverhütung an, die der Papst verbietet und somit nie Biologische Zeitbombe, also die Bevölkerungsexplosion negiert.)
Schnier gefällt sich in der Position des Heuchlers, da er nichts mehr zu verlieren hatte. Jetzt da er wirklich keine Freunde und somit Gönner hat muss er sich entweder für eine Versöhnung mit dem katholischen Zirkel entscheiden und somit vielleicht eine Versöhnung mit Marie erreichen oder auf ewig den Kontakt abbrechen. Er fällt wieder in seine Erinnerungen an seine Kindheit und erinnert sich, wie er von dem Tods seiner Schwester Henriette erfuhr, daraufhin in ihr Zimmer rannte und alles was ihn an Henriette aus dem Fenster warf und anzündete.
Zum Schluss des Romans ruft ihn noch sein Bruder Leo aus dem Konvikt an und sagte er könne sich 6.30 DM abholen. Schnier fragt noch nach Adressen und Telefonanrufe anderer Bekannten, jedoch kann ihm Leo keine Auskünfte geben. Nun ergreift Schnier seine letzte Zigarette und begibt sich mit Hut zum Bonner Hauptbahnhof und beginnt zu betteln.
Als Schnier sich mit der Maske eines Narren auf der Bahnhoftreppe niederlässt (wohin Marie von ihrer Hochzeitsreise nach Rom zurückkehren wird), sind seit seiner Ankunft in Bonn vier Stunden vergangen. In dieser Zeit büsste er nicht nur seine Hoffnung ein, dass Marie alsbald zu ihm zurückfinden würde, sondern er zog auch eine kritische Bilanz. Sie führte ihn zu der Einsicht, dass in dieser Gesellschaft nichts Sinnvolles auszurichten ist.
In „Ansichten eines Clowns“ übt Böll radikale Kritik an einer Kirche, die aus Sorge um die Erhaltung ihrer Macht den von ihrem Chef erteilten Auftrag die Armen und Bedürftigen zu schützen und zu unterstützen der Anpassung an das herrschende Milieu opfert. Dieses Milieu sind ehemalige Nationalsozialisten, die sich unter Schutz und Deckung der kath. Kirche eine reine Weste und hohe Positionen im Nachkriegsdeutschland erschlichen. Eine Grundstimmung in „Die Ansichten eines Clowns“, ist der Zorn Heinrich Bölls über die Kapitulation des deutschen Katholizismus vor dem Hitlerregime und die Leugnung dieser Verstrickung.
Der Clown Hans Schnier ist konfessionslos und man kann ihn auch nicht auf eine politische Richtung festlegen.

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