Mein Determinismus

Das Grundproblem bei der Determinismus-Debatte kann auf einen recht einfachen Nenner gebracht werden: Wenn ich einen wissenschaftlichen Artikel darüber lese, dass ein bestimmter Konservierungsstoff Krebs verursacht, so werde ich das sofort glauben und den Konservierungsstoff fortan meiden. Lese ich aber wissenschaftliche Erkenntnisse, die besagen, alle meine Handlungen seien determiniert und mein freier Wille bestenfalls ein Überprüfungsmechanismus und von meinem Gehirn vorgegaukelt, so mag ich mich darüber wundern. Glauben kann ich es nicht, spätestens, wenn ich gefragt werde, ob ich am Abend ins Kino komme überlege ich mir wieder, wie ich mich entscheiden soll – und die freie Entscheidung zu meiden und mich meiner Determiniertheit hinzugeben.
Warum ist das so? Ich erlebe mich täglich als freies Wesen. Persönlich halte ich sehr viel von Verantwortung – mir ist es wichtig, dass die Menschen um mich herum zu ihren Handlungen stehen und Verantwortung dafür übernehmen. Und ihre Handlungen, so denke ich, sind das Resultat ihres Willens, zumindest die meisten davon. Ich selber bin entsprechend bereit, Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen und lehne es ab, „Umstände“ zu ihrer Erklärung herbeizuziehen. Nun ist das alles eine Art Überzeugung, die ich aufgrund meiner Erziehung, meiner Sozialisation und meinen Erfahrungen erlangt habe. Genaus könnte ich aber die Überzeugung haben, ein Joghurt, das mit dem oben genannten Konservierungsstoff hergestellt worden ist, schmecke mir und es weiterhin essen. Das tue ich aber nicht.
Ich möchte nicht in der Kiste der Fachbegriffe rund um die Determinismusdebatte wühlen. Wenn ich mir aber die verschiedenen Muster vor Augen halte, mit der ich meinen Glauben verteidigen könnte, so lehne ich es ab, meinen Willen als eine Art „unbewegten Beweger“, eine Folge ohne Ursache anzusehen. Die Kausalität ist ein Prinzip, von dessen Existenz ich in allen Bereichen der Wissenschaft überzeugt bin. Alles hat eine oder mehrere Ursachen – so auch mein Wille. Erkenntnisfortschritt ist deshalb möglich, weil diese Ursachen oft verborgen sind oder miteinander vermischt sind und so nicht getrennt wahrgenommen werden. Zudem können selbst winzigste Ursachen enorme Folgen haben, oder winzige Veränderungen an Ursachen komplett verschiedene Folgen hervorbringen, weshalb das Prinzip der Kausalität noch nicht mit sich bringt, dass wir alle kausalen Beziehungen erkennen können. So sehe ich auch meinen Willen durchaus als etwas von anderen Gegebenheiten Beeinflusstes – beispielsweise wurde ich beim Bestellen eines Biers in Hamburg am letzten Wochenende gefragt, ob ich ein Jever oder ein Holsten möchte. Nun habe ich beide Biere noch nie getrunken und mich spontan (und „frei“) für ein Holsten entschieden. Einige Minuten später fiel mir auf, dass ich gerade ein paar Stunden zuvor eine Holsten-Werbung im Fernsehen gesehen habe – die Ursache für meine Entscheidung also jedoch relativ offensichtlich gewesen ist, obwohl sie zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht präsent war.
Ein anderer Aspekt ist der: Wenn ich etwas geniesse, dann ist dieser Genuss ja lediglich eine chemische Belohnungsreaktion in meinem Gehirn. Deshalb würde ich ja nicht auf die Idee kommen, nichts mehr geniessen zu wollen – geschweige denn mich darin trainieren zu wollen, in genussvollen Momenten zu denken, das ist jetzt nur eine chemische Reaktion, die sich so äussert. Auch wenn ich Schmerz empfinde, kann ich mir selten sagen, dass das jetzt nur ein Signal meines Körpers sei.
So würde ich persönlich zu folgendem Schluss kommen: Ja, wir sind determiniert. Das heisst aber nicht, dass wir unsere Handlungen vorhersagen könnten (dazu ist die Determination zu komplex, nur ein Laplacscher Dämon könnte das je), und es heisst auch nicht, dass wir unsere Entscheidungen nicht als frei erleben dürfen. Dieses Erlebnis hat durchaus eine Funktion (was auch Neurowissenschaftler bestätigen würden – siehe Artikel im NZZ Folio), aber es bildet nicht eine Realität ab. Doch ist das eine Voraussetzung?

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