Heute fand TEDxZurich in den Fernsehstudios in Leutschenbach statt. Ich durfte dabei sein – »durfte«, weil man sich bewerben und ausgewählt werden muss (Teilnehmendenliste gibts hier). Wer noch nie von TED gehört hat, hier die Basics: In 18-minütigen Reden werden »ideas worth spreading« vorgeführt. Angestrebt wird der kalifornische Stil: Komplexe Zusammenhänge sollen vereinfacht und locker präsentiert werden, unterlegt mit einigen guten designten Slides. Dazwischen werden Videos von anderen TED-Talks angeschaut und Musik gehört. Die Konferenzsprache ist Englisch, was mich kaum störte (vgl. anderen Eindruck vom letzten Jahr). (Das x in TEDx steht für einen Event, der unabhängig von TED – aber mit Lizenz – organisiert wird.)
Hier ein Beispiel für einen TED-Talk (der wurde heute auch abgespielt):
Ich bin ein kritischer Mensch. Um mich etwas zu disziplinieren, werde ich den heutigen Tag in vier Schritten Revue passieren lassen: Ich bedanke mich. Ich halte fest, was ich gelernt habe. Ich notiere Fragen, die ich mir gestellt habe. Und ich kritisiere einen Aspekt.
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Beim Organisationsteam möchte ich mich für einen »intellektuellen Ferientag« bedanken: Der Alltag blieb draussen, in kurzer Zeit erlebte man viel und intensiv, ass fein und machte nette Bekanntschaften mit gut gelaunten Menschen. Es gab keine Hektik, keinen Stress – und doch funktionierte alles reibungslos. Ich war noch nie an einem so gut organisierten Anlass in der Schweiz.
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Was ich gelernt habe – immer mit Link zum jeweiligen Referat:
- Als die Deepwater Horizon Plattform explodierte, wurde gleichzeitig auf der Plattform ihre Sicherheit gefeiert (Istvan Gorgenyi).
- Bakterien bewegen sich aufgrund ihres rotierenden »Schwanzes« – es gibt in der Natur Rotationsmotoren (Bradley Nelson - IMO bester Vortrag).
- Das Rentenalter war bei der Einführung identisch mit der Lebenserwartung; erzwungene oder freiwillige Arbeitslosigkeit von Pensionierten könnte sie psychisch und physisch krank machen (Charles Eugster).
- Innerhalb weniger Jahre ist der Preis für HIV-Behandlung von 12’000 Dollar auf 60 Dollar gesunken – weil indische Pharmafirmen Patente ignoriert haben. Vgl. dazu diesen NZZ-Artikel von heute. (Ellen ‘t Hoen)
- 70% des Trinkwassers ist in Form von Eis konserviert. Da das Eis schmilzt, geht das Wasser verloren, da es sich mit Salzwasser mischt. (Jorge Vinuales)
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Folgende Fragen habe ich mir hauptsächlich gestellt – ebenfalls Link zu den Referaten:
- Wenn ein ETH-Team fliegende Roboter entwickelt und dafür mit Rüstungsgeldern finanziert wird – haben die Ingenieure dabei ein schlechtes Gewissen, weil sie Kriegsroboter produzieren (vgl. dieses FAZ-Gespräch mit Daniel Suarez)? (Davide Scaramuzza)
- Warum sind Menschen eher bereit, Geld für Notleidende zu spenden, wenn die Spende mit einer sportlichen Leistung gekoppelt ist? Warum werden mit Spendengeldern immer wieder kurzfristige, improvisierte Hilfsaktionen unterstützt anstatt langfristige, nachhaltige Projekte? (Christoph von Toggenburg)
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Eleanor Tabi Haller-Jorden erklärt zum Schluss, dass die gleichen Handlungen von Frauen anders bewertet werden als bei Männern.
Und nun die Kritik: Das Publikum sei »talented, optimistic and open-minded«, sagte Roger de Weck in seiner kurzen Ansprache. Man könnte ergänzen: Es ist auch reich, gut vernetzt, gut gebildet, weiß. Es handelt sich um eine Elite, die in einer Filterblase Ideen austauscht. Dass die Ideen sich verbreiten sollen, ist so ein frommer Wunsch: Es scheint eher, als würden sie zirkulieren. Auf der Bühne sind 21 Menschen zu sehen: Davon sind zwei Frauen. Sexistische Scherze und heteronormative Klischees werden gutmütig aufgenommen. Es fehlt, knapp gesagt, ein kritisches Bewusstsein. Die Welt der Anwesenden ist in Ordnung: Sie sind stark, gesund, energetisch und intelligent. Es braucht Leute wie sie, so die Botschaft, um die Welt zu verbessern. Ohne die tollen Roboter, innovative Ideen über Wasserkonsum, Fahrradtouren im Himalaya, Schweizer Tugenden in Europa und Einsichten über Body-Building im Alter ginge es der Welt schlechter – das die Botschaft.
Aber wie gesagt: Es ist ein Tag Ferien. In den Ferien überlegt man nicht, ob man noch ein Bier trinken soll oder ob man die Zeit nicht produktiver anders einsetzen können. Und bei einem TED-Talk lässt man Optimismus und Begeisterung den Vorrang vor allzu kritischer Reflexion.
