Ritalin - nichts anderes als eine Brille?

Das Thema Ritalin taucht - nicht nur in der Schule - immer wieder am Diskurshorizont auf. Ich möchte hier kurz Stellung nehmen zur Frage, ob bzw. wann die Abgabe von Ritalin problematisch ist. (Edit, 18. Februar: Ritalin ist ein rezeptpflichtiges Medikament. Meine Ausführungen beziehen sich auf die Frage, ob man sich als Erwachsene(r) oder als Eltern Ritalin verschreiben lassen soll, wenn eine Ärztin oder ein Arzt das anbietet.)

Mein Wissensstand (editiert, 18. Februar): Ritalin schadet langfristig nicht. Es ist unklar, ob Ritalin langfristig schadet. Es hilft Menschen mit Konzentrationsschwächen, anderen nützt das Medikament nichts. Ritalin führt zu einer veränderten Selbstwahrnehmung, beruhigt aber sehr aktive Kinder und hilft ihnen dabei, zielorientiert zu lernen. Die Einnahme von Ritalin ist, wenn es regelmäßig eingenommen wird, mit recht starken Nebenwirkungen verbunden (siehe Kommentare).

(1) Einnahme von Ritalin durch Erwachsene.

Wenn Studierende vor Prüfungen Ritalin nehmen, wird das schnell als »Doping« bezeichnet und damit in den Bereich des Illegalen, Verwerflichen gerückt. Meiner Meinung nach ist die Einnahme von Ritalin nichts anderes als das Aufsetzen einer Brille: Wer nicht gut sieht, sieht mit einer Brille besser. Selbstverständlich ist man mit einer Brille nicht mehr »sich selber«, aber das sind wir schon nicht mehr, wenn wir Unterhosen anziehen. Wer Defizite hat, darf Hilfsmittel verwenden. Das gilt meiner Meinung nach auch für Medikamente. Die Nebenwirkungen spielen hier - wie bei anderen Drogen, die beim Lernen helfen können, e.g. Kokain - keine Rolle.

(2) Einnahme von Ritalin durch Kinder.

Die Frage, ob Kinder Ritalin einnehmen sollen, ist komplexer. Sie ist gekoppelt an Vorstellungen von Unterricht und Erziehung. Generell geht es um zwei Fragen:

  1. Müssen Kinder lange Zeit ruhig sitzen, um vernünftig lernen zu können?
  2. Dürfen Eltern (oder gar Lehrpersonen) darüber entscheiden, ob Kinder Medikamente einnehmen sollen?

Wenn wir beim Brillenvergleich bleiben, dann würden wir wohl sowohl Lehrpersonen wie auch Eltern das Recht zugestehen, von einem Kind zu verlangen, eine Brille zu tragen, um lesen zu können. Sind nun die Veränderungen durch Ritalin stärker als die durch eine Brille? Eine Brille kann abgenommen werden, sie kann phasenweise getragen werden. Die Einnahme von Ritalin erfolgt dosiert über den ganzen Tag verteilt. Die Wirkung (und die Nebenwirkungen) entfalten sich auch in der Freizeit.

Grundsätzlich würde ich also dafür plädieren, die Kinder selbst entscheiden zu lassen. Sie zu einer Versuchsphase zu animieren, halte ich für sinnvoll - ansonsten sind sie nicht zu einem Entscheid in der Lage. Sie zur Einnahme zu zwingen, finde ich problematisch.

Lernen ausschließlich mit bestimmten Formen von Unterricht zu verbinden, ist ein überholtes Modell. Eine moderne Schule bietet verschiedene Methoden und Zugänge an. Sie berücksichtigt verschiedene Bedürfnisse, muss aber dazu auch über die nötigen Mittel und Fachpersonen verfügen. Es ist möglich, sportliche Aktivitäten und Lernen zu verbinden. Kinder, die nicht still sitzen können oder wollen, könnten auf anderen Wegen Lernerfahrungen machen und sich vielleicht später bewusst dafür entscheiden, ihr Konzentrationsproblem zu lösen oder damit zu leben.

(3) Normierung.

Selbstverständlich geht es bei dem, was ich hier als »Problem« bezeichne, um eine Abweichung von einer Norm. Sich konzentrieren zu können gehört zu normalisierten Schülerinnen und Schülern, aber auch zu normalisierten Arbeitskräften. Wer von der Norm abweicht, wird bestraft. So gerecht es wäre, die Normen aufzulösen, so utopisch ist es - und letztlich bleibt die Frage: Den Preis für die Abweichung zahlen oder alles versuchen, um der Norm zu genügen?