Souveräner Umgang mit Kritik – und noch was zur Weltwoche

Meiner Meinung nach ist folgende Strategie im Umgang mit Kritik erfolgreich und souverän:

  1. Unsachliche und rein polemische Kritik ignorieren – und zwar konsequent.
  2. Alle anderen Arten von Kritik zur Kenntnis nehmen, auch wenn sie unzutreffend, nur bedingt sachlich und teilweise polemisch ist.
  3. Nachfragen, wie die Kritik genau gemeint ist. In einen Dialog treten, wie das Moritz Leuenberger in einer interessanten Rede empfohlen hat.
  4. Die Kritik würdigen und bekannt geben, welche Aspekte man bedeutsam findet.
  5. Konkrete Massnahmen vorschlagen, um kritisierte Probleme zu lösen.
Man signalisiert, dass man sicher und kompetent genug ist, um sich Kritik auszusetzen. Zudem ist man willig, eigene Haltungen und Handlungen zu überdenken und zu überprüfen. Die Möglichkeit, Fragen zu stellen (3.), erlaubt einem auch, widersprüchliche oder unzutreffende Kritik als solche zu entlarven.

Zwei Dinge müssen unter allen Umständen vermieden werden:

  • Zu sagen, die KritikerInnen hätten nicht Recht.
  • Zu sagen, die eigenen Fehler seien nicht so schlimm, weil auch andere sie machten.

Damit versetzt man sich in eine Abwehrhaltung. In einem früheren Post habe ich geschrieben: »Wer Kritik reflexartig abweist, bestätigt sie implizit immer.«

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Ausriss aus der Weltwoche vom 26. Januar 2012

Vor diesem Hintergrund möchte ich die Strategie der Weltwoche im Fall Hildebrand kurz kommentieren. Mittlerweile finde ich die Publikation der Dokumente und die damit verbundenen, übertriebenen und falschen Aussagen in der Ausgabe vom 12. Januar nicht mehr besonders problematisch. Es wurden journalistische Standards verletzt und Fehler gemacht: Allerdings hätten wohl alle Wochenpublikationen der Schweiz diese Geschichte in ähnlicher Form gebracht, hätten sie diese Daten, Informationen und diese Quelle gehabt.

Problematisch finde ich die Verbohrtheit, mit der die Verantwortlichen damit ringen, ihre Fehler zuzugeben und sich der Kritik zu stellen. Auch hier bin ich mir nicht sicher, ob andere Zeitungen und Zeitschriften das besser könnten – eine gewisse Immunität gegen Kritik scheint unter Journalistinnen und Journalisten zu den Gepflogenheiten zu gehören. Aber in der Weltwoche wird diese Sturheit noch mit dem übertriebenen Herausstreichen der eigenen Leistungen und dem Wiederholen zumindest problematischer Aussagen garniert.

Hier einige Beispiele:

Urs Paul Engeler auf persoenlich.com:

Sie spielen auf die Hildebrand-Affäre an. Verschiedene Seiten werfen Ihnen vor, Sie hätten unjournalistisch gearbeitet, weil Sie Ihre Information nicht von einer zweiten Person verifizieren liessen. Werden Sie beim Referat darauf eingehen?

- Vielleicht frage ich in einem Nebensatz, wie viele Zweitquellen die andern Medien konsultiert haben, als sie kritiklos das lügenhafte Communiqué von Bundesrat und Bankrat vom 23. Dezember 2011 abdruckten. Oder aus wie vielen Quellen die (vom Gesamtmedienverbund wiederholte) Falschmeldung der “NZZ am Sonntag” geschöpft wurde, Frau Hildebrand habe die umstrittene Transaktion auf ihrem eigenen Konto durchgeführt. Wahrscheinlicher aber ist, dass ich schlicht darauf hinweise, dass meine Darstellung der Hildebrandschen Devisengeschäfte richtig war, zweitens einen Transparenz-Schub ungeahnten Ausmasses bewirkt und dringend nötige personelle Folgen ausgelöst hat.

Alex Baur in der Weltwoche vom 26. Januar zur Kritik des Informanten R.T.:

Auch das wäre ein interessantes Thema für den Presserat: Dürfen Journalisten den Sarasin­-Informatiker R[…]. T. , der zu seinem eigenen Schutz in einer psychiatrischen Klinik interniert wurde, mit Interviews be­drängen? Wie sind die Aussagen eines psy­ chisch angeschlagenen Mannes zu werten, der um seine Existenz kämpft? Sind sie journalistisch überhaupt verwertbar? Wie weit dürfen Medien in eine Strafuntersu­chung eingreifen? Man würde zumindest eine gewisse Zurückhaltung erwarten.

Und noch ein Beispiel aus dem Text von Roger Köppel, ebenfalls aus der Weltwoche vom 26. Januar:

Die nach dem Weltwoche­-Artikel veröffentlich­ten E­-Mails belegten schliesslich, dass Hilde­brand sehr wohl im Bild gewesen war und auch die fragliche Transaktion über seinen Bankbe­rater und die Frau höchstpersönlich angeord­net hatte. Die Recherchen waren richtig.

Dazu ein kurzer Kommentar: Anstatt zuzugeben, die Weltwoche habe Aussagen gemacht, die sie nicht habe belegen können, unternimmt Köppel eine rhetorische Volte, die nicht gelingen kann: Dokumente, welche erst nach der Publikation der Weltwoche veröffentlicht worden sind (und welche die Weltwoche nicht kannten), belegten etwas, was in den Recherchen gar nicht zum Ausdruck kam – und das so nicht einmal stimmt: Es gibt keinen Beleg dafür, Hildebrand habe die »fragliche Transaktion […] höchstpersönlich angeordnet«. Das Wort ist strapaziert: Aber diese Aussage ist eine Lüge.

Ein sehr genauer Kommentar zur Ausrichtung und zum Vorgehen der Weltwoche findet sich in der heutigen Ausgabe der Zeit Schweiz.

Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 2: Europa.

Sobald man über »Heimat« spricht, wähnt man sich entweder in einem mittelmäßigen Schüleraufsatz oder in einem Tagebucheintrag Max Frischs. Oder aber in rechter Propaganda. Es braucht den Begriff »Heimat« auch nicht, genau so wenig wie es eigentlich der Begriff einer »Nation« braucht. Aber es muss darüber nachgedacht werden, welche Entwicklungen angestrebt werden sollen, welche Wahrnehmungen der Schweiz wünschenswert sind und welches Verständnis von unserem Land wir haben. Und darüber nachdenken heißt klar zu sagen: Die Schweiz gehört zu Europa. Bei uns leben Menschen aus ganz Europa, wir beziehen unsere Kulturgüter, unsere Rezepte, unsere Sehnsüchte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben, einer gerechten Ordnung, unser Wissen, unsere Identität etc. aus ganz Europa, wenn nicht sogar aus einem größeren Kontext.

Aber:

  1. Die Schweiz gehört nicht zur EU.
  2. In der Schweiz wird nicht einmal über einen EU-Beitritt gesprochen.

Das Problem ist 2.
Leuten zu erklären, wie es politisch gekommen ist, dass 1., ist einigermassen erträglich. EWR, Blocher, überstürztes Beitrittsgesuch des Bundesrats (Delamuraz, Felber etc.), Bilaterale etc. Leuten in Europa aber klar zu machen, dass 2., wird schwierig: Weil man es selber nicht versteht. Warum wird die Idee von einem kooperierenden Europa in der Schweiz nicht einmal diskutiert? Warum steht sie nicht auf der politischen Agenda? Warum muss eine Partei wie die SP es fast verheimlichen, dass ihr Bundesrat Leuenberger für einen EU-Beitritt ist? Warum können nur ehemalige Botschafter (von Däniken) und emeritierte Professoren (von Matt) solche Fragen in den Medien diskutieren?

Die Rhetorik darf dabei in gewisse Fallen nicht tappen: Spricht man über die konkrete EU, so spricht man sofort über eine große Bürokratie, über Reglementierungen, Ausgleichszahlungen, ein System ohne direkte Demokratie etc. – und scheint es mit einem politischen Gebilde zu tun haben, das mehr Schwächen als Stärken zu haben scheint. Während die Alternative der Status Quo zu sein scheint. So kann man über diese Frage nicht sprechen – oder man sollte nicht. Vielmehr ist zu fragen, ob wir bei der Gestaltung unseres Lebenraumes und von Europa aktiv beteiligt sein wollen oder nicht. Ob wir die Idee »Europa« mitentwickeln wollen oder nicht.

Und diese Fragen sind nicht nur auf dem politischen Parkett zu stellen und zu diskutieren – sondern im Bus, beim Nachtessen, in der Schule. Es dürfen nicht Fragen sein, über die Intellektuelle leicht beschämt lächeln, die meisten Leute nicht nachdenken und ein paar selbsternannte Patrioten mit Verschwörungs- und Bedrohungsszenarien verbinden.