Das Evolutionsargument

In Genderdebatten gibt es eine Argumentationslinie, die darauf verweist, dass gewisse menschliche Eigenschaften sich im Evolutionsprozess ausgebildet hätten – also einmal den Trägerinnen und Trägern dieser Eigenschaft einen Vorteil in Bezug auf den evolutionären Selektionsprozess verschafft haben.

Bevor ich eine Bemerkung dazu mache, welche Aussagekraft solche Verweise auf die Evolution haben, zwei Beispiele:

  1. In ihrer Rezension (nicht online, Das Magazin 12/2012) von »Fifty Shades of Grey« – auf dem Magazin-Blog fasst sie den Roman zusammen - erwähnt Michèle Roten eine Hypothese in Bezug auf Vergewaltigungen, die sie nicht weiter kommentiert:

    Es gibt eine evolutionsbiologische Hypothese zum Phänomen, dass viele Frauen die Vorstellung, vergewaltigt zu werden, nicht nur schrecklich finden: Diejenigen unserer Vorfahrinnen, die bei einer ungewollten vaginalen Penetration feucht wurden, liefen weniger Gefahr, Verletzungen davonzutragen, die zu Unfruchtbarkeit oder gar zum Tode führten, und konnten diese Eigenschaft folglich eher weitervererben als die nicht feuchten. Körperliche Erregung als Schutzmechanismus also, der Kopf interpretiert den Körper, und schon meint frau, das sei, was sie wolle.

  2. Michèle Binswanger hat einen viel beachteten Essay über »falsch verstandene Treue« geschrieben, in der sie moniert, dass Fremdgehen nicht pathologisiert, sondern akzeptiert werden solle.

    Darwin definierte das evolutionäre Standardmodell der menschlichen Sexualität so: Der Mann ist genetisch dazu prädestiniert, seinen reichlich vorhandenen Samen möglichst weit zu streuen, während die Frau ihre wertvollen reproduktiven Organe sorgfältig hütet und schließlich das Männchen ranlässt, welches auch geeignet erscheint, die Kinder aufzuziehen. Der Mann muss Untreue unterbinden, um seine Energie nicht auf Kuckuckskinder zu verschwenden, die Frau will sicherstellen, dass der Mann seine Ressourcen nicht mit anderen Frauen teilt. Wie haben divergierende reproduktive Veranlagungen, und die monogame Ehe sei unser Kompromiss, heißt es. Doch diese Vorstellung hat nichts mit unserer menschlichen Natur zu tun. Dies ist jedenfalls die These, welche die Evolutionspsychologen Christopher Ryan und Cacilda Jethá in ihrem viel beachteten Buch Sex at Dawn aufstellen. Die entsprechenden Muster, so die beiden Autoren, zeugen von einer kulturellen Anpassung an die sozialen Bedingungen patriarchaler Gesellschaften.
    […] Die frühen Menschen, argumentieren Ryan und Jethá, zogen als Jäger und Sammler in Gruppen herum, in denen die Geschlechter gleichberechtigt lebten. In den prähistorischen Hippie-Kommunen wurde Sex ebenso geteilt wie die Beute, weil da[s] für die nomadische Lebensform die beste Überlebensstrategie darstellte.

Den beiden Autorinnen geht es um konkrete, die heutige Lebenswelt und Gesellschaft betreffende Fragen: Darf eine Frau Phantasien haben, in denen sie von einem Mann dominiert wird? Müssen wir unsere Vorstellungen von Monogamie lockern?

Innerhalb der Diskussion dieser Fragen greifen sie nun auf vermeintliche Tatsachen aus der Geschichte der menschlichen Evolution zurück. »Vermeintlich« schreibe ich deshalb, weil Evolution nicht experimentell untersucht werden kann, vielmehr müssen Hypothesen erstellt werden, die erklären, warum Mensch und Tier so sind, wie sie sind.

Was in einer solchen Argumentation passiert, ist Folgendes: Die Biologie wird direkt oder indirekt als Anhaltspunkt genommen, um zu beurteilen, was Menschen tun sollen und was nicht. Was wäre, wenn die beiden Autorinnen nicht auf die Evolution verweisen würden? Wäre es weniger legitim, Unterordnungsphantasien oder Seitensprünge zu haben? Wohl kaum.

Das Evolutionsargument ist obsolet. Wir verstehen uns Menschen nicht von der Biologie determiniert und orientieren uns in unseren Handlungen nicht an den evolutionären Vorteilen unserer Vorfahren. Niemand plädiert dafür, dass man Haupt-, Körper- und Schamhaare ungehindert wachsen lassen müsse, weil die offenbar evolutionär von Vorteil gewesen sein müssen (sonst gäbe es sie nicht), dass man produktive Verwendungsweise für männliche Brüste finden müsse (die müssen ja eine Funktion haben) oder unsere Konkurrenten hinterrücks ermorden, weil wir uns dann ungestört fortpflanzen könnten.

Quelle: David Shankbone, Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Biologische oder biologistischte Argumente sind immer eine Abkürzung, wenn es darum geht, moralische und soziale Fragen zu erörtern. Die Biologie kann sehr viel erklären – und ich denke, den beiden oben zitierten Autorinnen geht es vor allem um dieses Erklärungspotential. Aber diese Erklärungen betreffend nur den Ist-Zustand – nicht den Soll-Zustand. Es mag evolutionär gute Gründe geben, warum unsere Zähne verfaulen, wenn wir Zucker essen. Und doch putzen wir sie. Genau so mag es evolutionär gute Gründe geben, warum Menschen fremd gehen wollen – und dennoch steht es uns frei, diesen Wunsch oder die daraus resultierende Handlung moralisch zu bewerten.

Helmut-Maria Glogger und seine »Schnellschüsse«

Wie schlecht unser Erinnerungsvermögen an und für sich ist, zeigt sich nicht nur, wenn wir auf die Schnelle sagen sollen, wer an der letzten WM im Halbfinal stand und wie die Partien ausgingen – sondern auch, wenn wir uns vorstellen müssen, was für Gebäude vor Neubauten in uns bekannten Städten standen – oder was im Blick am Abend vor Helmut-Maria Gloggers Kolumne auf der Rückseite zu lesen war (ah, jetzt fällts mir ein: Dieser Michèle Roten-Abklatsch von einer Frau, die ewige brünstig so tat, als gäbe es sie…).

Ein paar Worte zu »Glogger mailt«: Generell keine schlechte Idee. (Aber auch keine neue: Dasselbe tut Franz Josef Wagner mit seiner Kolumne “Post von Wagner” in der “Bild”-Zeitung seit längerem.) Man beauftrage einen »Journalisten«, der – so vermute ich – auch persönlich ein unangenehmer Zeitgenosse ist, in Text und Bild ein absolutes Arschloch zu geben; am liebsten auf der politisch inkorrekten Gender-Ausländer-Weltwoche-Seite. Das kann man dann wahlweise »Provokation«, »Satire« oder »das sagen, was alle denken, aber nicht zu sagen wagen« nennen – und voilà: Billig ist die letzte Seite gefüllt, denn verdienen darf so ein Journalist nicht wirklich viel.

Ab und zu resultiert das dann auch in einer Presseratsbeschwerde, die dann auch gutgeheißen wird (Beschwerde durch Daniel Binswanger) – wobei die Verteidigungsstrategie des Blick am Abend bemerkenswert ist:

Die Leserschaft der Gratiszeitung nehme die Kolumne «Glogger mailt …» als «Schnellschuss» war und nicht als «tiefschürfende, hochreflexive und differenzierte Auseinandersetzung mit einem Kernproblem der Gegenwart». Insofern seien der Inhalt und die Haltung «ohne Anspruch auf Verbindlichkeit für andere».

Sprich: Was da steht, ist blanker Nonsense und die Leserschaft weiß das auch. (Vielleicht dürfte man dann fragen: Warum publiziert man denn diese »Schnellschüsse«?) – Glogger selbst reagiert – wie zu erwarten war – dümmlich.

Hier noch ein paar weitere Reaktionen auf die Mails von Glogger – und, auch wenns nichts nützt, noch einmal die Bitte an den Blick am Abend: Lasst doch einen Schimpansen zufällig auf ein Keyboard tippen und veröffentlich davon so viele Zeichen, wie ihr braucht. Glogger könnte eure Zeitungen sicher auch in die Kästen füllen oder die nicht gelesenen abholen oder so.

P.S.: Noch diese Frage sei erlaubt: Heißt der Mann wirklich »Helmut-Maria« oder nennt er sich einfach so?

Die Genderdebatte – und Das Magazin

Das Magazin des Tagesanzeigers scheint sich dem Thema Gender annehmen zu wollen – wie das der Tagi mit dem unsäglichen Mamablog schon länger tut. Warum unsäglich? Nehmen wir als Beispiel den neuesten Post:

Ja, wir funktionieren anders. Während Frauen sich geliebt fühlen, wenn Männer ihnen zuhören und auf sie eingehen, fühlt sich der Mann geliebt, wenn die Frau Sex mit ihm will und es geniesst. Über Gefühle redet er aber nicht gern. Ja, er legt es in Konfliktsituationen sogar darauf an, sie zu verbergen. Während wir Frauen über Dinge reden und unsere Gefühle zeigen wollen, schaltet der Mann bei auftauchenden Problemen sofort in den Analysemodus.

Solche Aussagen machen die Schreibenden (hier Michèle Binswanger) immer unter dem Vorbehalt, über Klischee bestens Bescheid zu wissen und diese keinesfalls wiederholen zu wollen, und unter der Annahme, sich auf so etwas wie die Realität zu beziehen. Darüber hinaus haben solche Texte den Anspruch, eine Art Vereinfachung für die Geschlechter zu schaffen: Indem der Mann endlich einsieht, dass er zu keiner anderen Liebe fähig ist als zur sexuellen, hört er auf, immer so verkrampft über Gefühle sprechen zu wollen, ohne es zu können – und indem die Frau merkt, dass Gefühle eine Welt ist, in der nur sie sich auskennt, verschont sie den Mann mit den Themen, für welche eine beste Freundin herhalten muss, und ergo: Ihre Beziehung verbessert sich. Solche Texte (und das schwingt immer mit) befreien uns von einem Hardcorefeminismus, der nicht nur realitätsfremd war (weil eben Männer und Frauen doch unterschiedlich sind, unterschiedlich sein müssen), sondern in seinen Forderungen auch letztlich nicht wünschenswert, denn Frauen wollen ja eigentlich nichts anderes als Mütter sein und Männer nichts anderes als Ernährer.

Ganz ähnlich arbeitet Birgit Schmid in ihrem Artikel über den »Mann als Amateur« im Magazin (und dann, eine Woche später, Roten in ihrer Kolumne). Sie konstruiert (wie auch Binswanger) ein Bild von »der Mann«, der, wenn er denn je wieder zu seinem wahren Kern, seinem inneren Mann zurückfindet, so viel besser wäre als Männer, die meinen, sich in die Domäne von Frauen begeben zu müssen und Gespräche führen oder – Gipfel der Peinlichkeit – Kinderwagen stossen. Mit diesen Männern, den richtigen, wahren, echten, mit denen macht auch Sex endlich wieder Spass, für »die Frau«.

Warum ist das eine unreflektierte, ja eigentlich gar dumme Position? Erstens, weil den so Schreibenden klar ist, welche – für alle Betroffenen äußerst negativen – Ausschlussverfahren Normierungen zur Folge haben – und dennoch gerade wieder so eine Norm schaffen. Was ist denn, wenn ich ein Mann bin, der halt nicht so gern in Lagerfeuer uriniert? Bin ich dann weniger wert? Will »die Frau« sich dann weniger auf mich einlassen? Und was ist, wenn ich gar nicht will, dass sich Frauen auf mich einlassen, sondern auf Männer stehe? Bin ich dann auch kein richtiger Mann. Und was ist mit der Frau, die irgendwie auf Männer steht, welche Bücher lesen?

Zweitens werden hier Bilder kreiert, welche mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. In Texten, welche die Differenz zwischen den Geschlechtern betonen, werden immer gewisse Studien zitiert. Dabei wird nicht beachtet, dass diese Studien gerade solche Ergebnisse erzielen, weil sie von Anfang an annehmen, es gäbe eine Geschlechterdifferenz. Zweitens können diese Studien auch nichts darüber aussagen, inwiefern diese Geschlechterdifferenz das Resultat eines sozialen Normierungsprozesses ist (ich merke als Mann irgendwann, dass der normierte Mann halt gern in Lagerfeuer pisst und fange ergo auch damit an, unabhängig von meinen diesbezüglichen Präferenzen).

Und drittens wäre zu fragen, welche Effekte denn solche Texte erzielen. Implizit versuchen sie wohl einen Schaden gutzumachen, welche »uns« der Feminismus zugefügt hat – und »uns« dazu zu verhelfen, ein zufriedeneres Leben zu führen. Dabei wird ein Bild vom Feminismus entworfen, wie es vielleicht in der CDU der 50er-Jahre wahrgenommen worden ist. Die Grundthese des Feminismus lautet: Sowohl soziale wie auch biologische Geschlechterdifferenzen sind das Resultat eines Konstruktionsvorgangs. Graduelle Unterschiede (bezüglich biologischer Ausstattung, Hormone, Eigenschaften) existieren zwischen den Individuen, nicht aber zwischen zwei mit Geschlechter zu bezeichnenden Gruppen von Menschen.

Und das wäre doch die letztlich befreiende Einsicht. Ich pisse gern in Lagerfeuer, weil ich gerne in Lagerfeuer pisse und nicht weil »der Mann« das gerne tut. Und eine Frau rasiert sich dann die Beine, wenn sie das Gefühl von glatten Beinen schätzt oder sonst einen guten Grund dafür findet – nicht aber, weil sie mit unrasierten Beinen nicht einem Bild von einer unbehaarten Frau entspricht (so viel zur »Natürlichkeit« von Geschlechtermerkmalen).

Und dann, wenn man Das Magazin schon seufzend zur Seite legen will, schreibt Daniel Binswanger doch noch etwas Kluges. Über französischen Feminismus. Und über die Frage, ob sich eine Frau über ihre Rolle als Mutter definieren muss oder soll. Und zeigt uns auf, wie so etwas scheinbar »Natürliches« wie Mutterschaft und Stillen enormen historischen Schwankungen unterliegt (immer mit so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden, notabene) – und so deutlich macht, wie willkürlich so viel von dem ist, was wir gar nicht mehr überdenken. Wie viel möglich wäre. Danke, Daniel Binswanger.