Zum Ende von Mag20

Mag20 war ein Magazin-Experiment: Jede Woche wurden die 20 Artikel gedruckt, die auf Social Networks am meisten Empfehlungen erhielten. Keine Redaktion mischte sich ein, die Community allein war für die Qualität und Selektion der Beiträge verantwortlich. Sechs Hefte wurden so gedruckt, ein erstes erscheint noch nach einem anderen Prinzip. Auch ich beteiligte mich an diesem Experiment und habe so vier Beiträge publiziert (1, 2, 3, 4 - alle pdf), ein fünfter wäre am nächsten Freitag erschienen.

Wäre. Heute kündigte der Gründer und Betreiber von Mag20, Markus Bucheli, einen »Betriebsunterbruch« an. Auf unbestimmte Zeit würde das Projekt unterbrochen, dies »nach Absprache mit allen involvierten Geschäftspartnern«. Man darf spekulieren, warum die Geschäftspartner und Bucheli dem Experiment nur sechs Wochen Zeit gegeben haben. Mitte August schrieb Nick Lüthy in der Medienwoche unter dem Titel »Gesicherter Start ins Ungewisse«:

Medienexperimente scheitern oft deshalb, weil man ihnen zu wenig Zeit gibt. Damit es Mag20 nicht auch so ergeht, hat Georges Bindschedler das Portemonnaie geöffnet.

Offenbar war der Start nicht gesichert - oder die Partner wie Bindschedler änderten ihre Meinung. Schon im Medienwochen-Artikel merkte Bindschedler an, es bestünde die Gefahr, dass »[…] die Community keine kritische Grösse erreicht, [dann] bestimmen ein paar wenige, was 50′000 Leute lesen sollen.«

Tatsächlich: Beim Heft, das nächsten Freitag hätte gedruckt werden sollen, haben nur gerade die beliebtesten drei Beiträge mehr als 100 Empfehlungen bekommen. Texte wie der des emeritierten Banking Professors Hans Geiger über die Bedeutung des Finanzplatzes Schweiz wurden weniger als 20 Mal weiterempfohlen. Es bestimmten also wenige, was im Heft stand, die Auswahl könnte man auch zufällig nennen. Oft gab eine Empfehlung den Ausschlag, ob ein Text gedruckt wurde und damit ein viel größeres Publikum erreichte. Das ist eines der Probleme bei diesem Experiment.

Damit verbunden wäre die Bildung einer Community: Zwar entstand auf Twitter so etwas wie eine kleine Gemeinschaft von Mag20-Autorinnen und -Autoren, die aber auch einem rauen Gegenwind ausgesetzt waren. Nicht nur Andreas Gossweiler kritisierte die anbiedernden Bemerkungen zu verlinkten Beiträgen, auch Dani Fels war in seinem Fazit eher harsch:

Die Kritik trifft aber ein Kernproblem: Ich beschloss nach der ersten aktiven Woche beim Projekt, meine Texte nur noch so promoten, wie ich das auch mit Texten auf meinen Blogs mache. Ohne Werbung schaffte ich es aber Woche für Woche problemlos unter die Top20 - mein Netzwerk ist bzw. war groß genug. Wenn die persönlichen Netzwerke entscheiden, welche Texte gedruckt werden, dann ist das nicht die Idee eines Crowdsourcing-Projekts, finde ich. Eine Community von Lesenden und Schreibenden, die gemeinsam die besten oder attraktivsten Texte auswählt: Das gab es bei Mag20 (noch) nicht.

Ein weiteres Problem ist wohl die Rolle der Medienpartner, die nicht davon ausgehen können, dass ihre Beiträge wirklich auch gedruckt werden. Zudem wurde Blogwerk eher unangenehm in Szene gesetzt durch die Partnerschaft mit Mag20, auch die liberale Zeitschrift Schweizer Monat steht politisch eher schräg zur Ausrichtung von Mag20.

Dazu kommen gewisse Qualitätsprobleme: In der aktuellen Ausgabe (Nr. 7) findet sich z.B. ein Artikel von Rita Angelone, der nicht nur schon auf zwei Blogs publiziert worden ist (dieangelones.ch, blog.wireltern.ch), sondern zudem in weiten Teilen einfach eine Übersetzung eines englischen Artikels ist, der in den Quellen ohne Link angegeben wird; ein Text einer Schülerin über ihr Handy, der faktische Fehler enthält; sowie ein esoterischer NLP-Text von Yves Hönger. (Daneben standen aber natürlich auch sehr interessante, tiefgründige Texte - und damit meine ich nicht meinen…)

Diese Qualitätsprobleme schlagen sich auf das angestrebte Zielpublikum nieder: Immer wieder habe ich die Leute im Bus beim Lesen von Mag20 beobachtet - und ich war mir nie sicher, ob die wirklich das in den Händen halten, was sie lesen wollen. Die (ästhetisch zweifelhaften) Cover zeigten immer schöne Menschen, man erwartete wohl eine Art Schweizer Illustrierte, der Inhalt waren bunt gemischte Texte zu verschiedensten Themen auf allen Stil- und Niveauebenen.

Natürlich, kann man nun sagen, es war als Experiment gedacht. Aber vieles hätte man vorhersehen können. Wer sowas wie Mag20 aufzieht, muss einen Businessplan für ein Jahr haben. Nach sechs Wochen aufzugeben bedeutet, man hätte gar nicht anfangen müssen. Zu erwarten, die Werbekunden würden in wenigen Tagen ein solches Projekt genügend stützen, damit es keine Verluste einfährt, traue ich Markus Bucheli nicht zu.

Zudem - und das wird auch in den Kommentaren angemerkt - müsste die Community früher informiert werden, wenn das Experiment abgebrochen wird. »Wer gedruckt wird, hat einen Prestigegewinn gegenüber den Autoren, deren Werke nur auf der Internetseite sichtbar sind«, schrieb Gossweiler in seinem Blog.. Diesen Prestigegewinn nahm man den Autorinnen und Autoren, die in der vergangenen Woche beliebte Texte geschrieben haben.

* * *

Man könnte sich fragen, warum ich als etablierter Blogger überhaupt bei Mag20 mitmache. Dazu drei Antworten: Erstens ist es sehr reizvoll, die eigenen Gedanken gedruckt zu sehen. Müller hat, so finde ich, zumindest psychologisch recht. Zweitens wollte ich das Experiment richtig erleben, sehen, was passiert, was möglich ist, mitgestalten. Und drittens schreibt man andere Texte, wenn man nicht sein Stammpublikum, sondern die Mitpassagiere im Bus adressiert. Das hat mich herausgefordert - und deshalb finde ich es schade, dass es das Heft nicht mehr gibt.

Warum warten uns quält

Ich habe diese Frage im Mag20-Magazin beantwortet, wo dieser Blogpost auch gedruckt erschienen ist (auch diese Woche habe ich wieder etwas geschrieben, ich freue mich über Empfehlungen direkt auf der Mag20-Seite!).

Mag20 4/2012. Klicken zum Vergrößern.

Hier der Text zum Nachlesen:

Die Spezialisten fürs Warten sind bei Walt Disney angestellt. In den großen Freizeitparks zahlen die Gäste viel Geld dafür, lange in Schlangen zu stehen. Und doch stört sich kaum jemand daran. Das hat mit fundamentalen Einsichten in die Psychologie des Wartens zu tun, wie Alex Stone in einem Essay in der Sunday Review der New York Times festgehalten hat.

Zunächst muss man Menschen etwas zu tun geben, während sie warten. Als am Flughafen in Houston immer mehr Klagen über die langen Wartezeiten bei den Gepäckbändern eintrafen, trafen die Verantwortlichen eine überraschende Maßnahme: Sie ließen die ankommenden Passagiere einfach viel weiter gehen, bis sie ihr Gepäck in Empfang nehmen konnten, rund sechs Mal länger, um genau zu sein. Das Resultat: Es gab keine Klagen mehr. Walt Disney lässt seine lebensgroßen Figuren neben den Warteschlangen auftreten, die Wartenden können mit ihnen ein Foto knipsen oder sich Minishows ansehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Bei jeder Warteschlange sind Schätzungen für die Wartezeit angegeben. Diese Schätzungen sind immer zu hoch. Wer früher als erwartet bei der Achterbahn ankommt, ist zufrieden – egal wie lange er oder sie warten musste. Beim Warten ist immer das Ende entscheidend, wer damit zufrieden ist, findet den Warteprozess weniger schlimm, als wer am Ende unangenehme Erfahrungen macht.

Die Länge einer Warteschlange ist für Menschen viel wichtiger als ihre Geschwindigkeit. Die Psychologen Daniel Kahnemann und Ziv Carmon haben herausgefunden, dass Kunden immer die kürzere Linie wählen, auch wenn sich die längere viel schneller bewegt und mit einer kürzeren Wartezeit zu rechnen wäre. Das ist der Grund, weshalb in Disney-Parks die Länge der Schlangen immer versteckt wird, indem sie um Gebäude oder in Serpentinen gewunden werden.

Entscheidend dürfte aber auch das Gefühl der Fairness sein. Professor Richard Larson hat dazu einige bemerkenswerte Einsichten gewonnen. Grundsätzlich geht es um «Slips» (jemand drängt sich in eine bestehende Warteschlange) und um «Skips» (jemand überholt in einer bestehenden Warteschlange). Diese beiden Formen von unfairem Verhalten verärgern Menschen unabhängig davon, ob sie vor ihnen oder hinter ihnen passieren, das Gefühl für Fairness, so die erste Einsicht, hat nichts mit dem eigenen Nutzen zu tun. Zweitens sprechen Larsons Forschungsergebnisse stark gegen mehrere Warteschlangen: Geschäfte nutzen im Idealfall eine Schlange, um sicherzustellen, dass die Kunden, die zuerst kommen, auch zuerst bedient werden. Ist das gewährleistet, sind Kunden bereit, bis zu doppelt so lange zu warten, als sie dies bei einem System mit mehreren Schlangen wären. Dabei, so die dritte Einsicht, vergleicht man sich immer mit den Warteschlangen, die sich schneller bewegen, und speichert die Situationen, in denen man in der schnellsten Schlange war, nie ab – eine einfache psychologische Erklärung für Murphy’s Law («Alles, was schiefgehen kann, geht schief.») Und die letzte Erkenntnis von Larson: Die Wartezeit sollte mit dem, worauf man wartet, in einem angemessenen Verhältnis stehen. Das ist der Grund, weshalb niemand Express-Kassen im Supermarkt als unfair empfindet: Wer wenig einkauft, soll nicht lange warten müssen.

Die Psychologie des Wartens, die für unsere Empfindungen fast immer wichtiger ist als die tatsächliche Wartezeit, hat auch eine kulturelle Komponente. Der Sozialpsychologe Robert Levine hat in seinem unterhaltsamen Sachbuch Eine Landkarte der Zeit sehr anschaulich erfasst, wie verschiedene Kulturen sich in ihrem Umgang mit der Zeit unterscheiden. Er beschreibt, wie er in Nepal einst vier Tage warten musste, um ein Ferngespräch führen zu können – und darunter enorm gelitten hat, während die anderen Wartenden das gelassen und emotionslos taten. Er zeigt an diesem Beispiel, dass Warten auch zum Wert eines Gutes beitragen kann: Worauf wir lange warten müssen, das hat deswegen einen höheren Wert. Personen, auf die man lange warten muss, die es sich leisten können, auf sich warten zu lassen, haben einen höheren Status. Während diese Grundsätze in allen Kulturen gültig sind, gibt es gerade in Bezug aufs Anstehen gravierende Unterschiede, so Levine. Während in England das Anstehen höchst ordentlich verläuft, weigern sich viele Israelis, in Schlangen anzustehen. Und doch steigen sie in der Reihenfolge in den Bus ein, in der sie sich an der Haltestelle eingefunden haben. Ähnlich unterschiedlich sind die Reaktionen aufs Warten: Während es in den USA zu Unzufriedenheit und Ungeduld führt, reagieren Italienerinnen und Italiener fast fröhlich darauf, sie beginnen sich zu unterhalten.

Warten, so kann man schließen, wird psychologisch und kulturell von Regeln beeinflusst, die niemand klar formuliert hat, die aber alle kennen. Sie sich vor Augen zu führen, kann dabei helfen, die eigene Wartezeit angenehmer zu gestalten.