Können Eltern ihre Kinder am besten betreuen?

Im Zusammenhang mit der Abstimmung über den Familienartikel kommt es zu Diskussionen über die optimale Betreuung von Kindern. Viele vorgebrachte Argumente basieren auf Kampfbegriffen und unsauberen Vergleichen: KITAs haben nichts mit einem Staat wie der DDR zu tun, es gibt keinen Zwang, Kinder in KITAs betreuen zu lassen und sie werden dort auch nicht mit bestimmten Ideologien indoktriniert. Schon allen der Begriff »Fremdbetreuung« ist polemisch – jedes Kind, das sich nicht selber betreut, wird fremdbetreut. Und die Betreuerinnen (und die wenigen Betreuer) in den KITAs sind verlässliche und wichtige Bezugspersonen für Kinder – keine Fremden.

Der Widerstand gegen staatliche Unterstützung von KITAs ist oft an die Überlegung gekoppelt, dass doch die Eltern entscheiden sollen, wie ihre Kinder betreut werden, weil sie das am besten können. Also müssten alle Optionen finanziell gleich attraktiv sein. Abgesehen davon, dass viele Mittelstandseltern in der Schweiz für die KITA-Betreuung heute mehr bezahlen, als sie an zusätzlichem Nettoeinkommen generieren können, kann man sich die Frage stellen, ob denn Eltern tatsächlich gut darüber entscheiden können, welche Betreuung für ihre Kinder die beste ist.

Was befähigt sie dazu? Die biologische Tatsache, dass sie die Eltern des Kindes sind, wohl nicht. Eher schon die viele Zeit, die sie mit dem Kind verbracht und in der sie es kennen gelernt haben. Aber laufen sie nicht gleichermaßen Gefahr, sich selber zu überschätzen, was ihre pädagogischen Fähigkeiten und ihre Betreuungskompetenz anbelangt? Ist es nicht einfach vermessen zu denken, man könne etwas besser, als ausgebildete Fachleute? Um einen etwas groben Vergleich zu wählen: Wäre das nicht so, als würde ich meine Zähne selber flicken, weil es ja schließlich meine Zähne sind und sie sich in meinem Mund befinden?

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Empfehlenswert: Ein Besuch in einer KITA im Jahr 2013.

 Fachleuten zu vertrauen, die in eine professionell geführte Institution eingebunden sind, ist wahrscheinlich nicht besonders dumm. Zumal es Orte sind, an denen Kinder gesund ernährt werden, keine Bildschirmmedien konsumieren und von klein auf lernen, mit anderen Kindern zu interagieren und Sozial- und Selbstkompetenz aufzubauen. Gibt es Eltern, die das ihren Kindern auch ermöglichen können? Selbstverständlich. Aber es gibt viele, die das nicht können oder nicht wollen.

Ich fordere keinen Krippenzwang. Aber ich halte nicht viel von der Annahme, Eltern wüssten automatisch, was das Beste für ihr Kind ist. Vielleicht wissen das Fachleute einfach besser. Und Eltern sollte man dann für ihre Betreuungsaufgaben mit Steuergeld entschädigen, wenn sie bereit sind, sich an pädagogische und verbindliche Standards zu halten.

Was sich ändern muss

Im Anschluss an meinen Post zum Frauentag hat sich in den Kommentaren eine rege Diskussion ergeben. Zum Schluss ergab sich so die Frage, weshalb eigentlich alles so ist, wie es ist – weshalb das Leben in unserer Gesellschaft generell einfacher ist, wenn man ein Mann ist:

Und – immer die gleiche Frage – wer verhindert das? Sind das nicht einfach individuelle Entscheide, die die Menschen in ihren Lebenssituationen treffen? Was habe ich mit dieser Realität zu tun? Was müsste sich denn Ihrer Meinung nach konkret ändern, damit das “besser” wird?

Dazu möchte ich kurz Stellung nehmen.

Das Perfide an solchen sozialen Phänomenen ist ja gerade, dass es uns vorkommt, als seien wir frei und würden Zustände in autonomen Entscheidungen herbeiführen. Ein Beispiel – die Familienformen bei Familien mit Kindern unter 6 Jahren (Quelle, pdf):

Man würde sagen: »All diese Familien haben selbst entschieden, welches Modell für sie am besten ist. Offenbar möchten viele Frauen lieber bei den Kindern bleiben und viele Männer möchten gerne Vollzeit arbeiten. Sollen sie doch, wenn sie das so wollen.«

Das ist Quatsch. Eine Reihe von Faktoren beeinflussen diesen Entscheid: Z.B. die Höhe der Löhne, die Erwartungen an den Partner und die Partnerin, soziale Akzeptanz, Verfügbarkeit von externer Kinderbetreuung etc. Damit wird klar, dass die freie Entscheidung durch politische, soziale, wirtschaftliche, psychologische und, von mir aus, auch biologische Faktoren beeinflusst, wenn nicht gar verunmöglicht wird.

Man kann viele Beispiele so analysieren und kommt zum selben Ergebnis: Junge Frauen haben nicht deshalb häufig Körper, die den Normvorstellungen entsprechen, weil sie das gerne möchten, sondern weil sie sonst nicht akzeptiert werden, nicht geliebt werden, für dumm und faul gehalten werden und eine radikal eingeschränkte berufliche Zukunft haben. An den Gymnasien gibt es keine dicken Mädchen. Auch hier wieder: Politische, soziale, wirtschaftliche, psychologische und biologische Vorgaben.

Aber eigentlich wollte ich ja festhalten, was wir tun können. Hier also eine kleine Liste – gerade für die Schweiz, die in Bezug auf Gleichstellung ein absolut rückständiges Land ist, aber von sich denkt, eine Art Frauen- und Männerparadies zu sein, besonders wichtig:

  1. Sich ein Bewusstsein bilden: Kritisch sein. Nachrichten, Werbung, Medien kritisch hinterfragen. Geschlechterklischees und -rollen erkennen.
  2. Den Fernseher ausschalten, wenn GNTM läuft. Immer. Sich die Miss Schweiz Wahlen auch nicht ironisch anschauen. (Das klingt jetzt arg moralistisch – aber irgendwie schauen alle diese Sendungen mit der nötigen kritischen Distanz und essen am Tag drauf trotzdem nur Salat. Es bleibt etwas hängen.)
  3. Frauen wählen. (Aktuelle Quote im NR: 29%, SR: 19%).
  4. Frauen und ihre Leistungen sichtbar machen: Bücher von Frauen lesen. Biographien von Frauen nachschlagen. Sport von Frauen ansehen.
  5. Nicht automatisch Männer für besser qualifiziert halten, weil sie viel von ihren Qualifikationen erzählen.
  6. Teilzeitarbeit möglich und populär machen – gerade für Männer.
  7. Körper nur dort in den Blick nehmen, wo Körper relevant sind. Coiffeusen müssen Haare schneiden und smalltalken. Verkäuferinnen beraten und tippen.
  8. Gesunde Beziehungen leben: Hausarbeit und Betreuung teilen. Erwartungen aussprechen und diskutieren. Möglichkeiten sehen, Freiheiten ermöglichen.
  9. Lohntransparenz einfordern: In der Pause Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fragen, wie viel sie verdienen. Erzählen, wie viel man selbst verdient.
  10. Mütter, werdende Mütter und Frauen im besten Mutteralter befördern, in die Arbeitswelt einbinden – und ihnen die Verbindung von Arbeit und Beruf ermöglichen.
  11. Mit Frauen über Fussball, interessante Bücher und Politik sprechen – mit Männern über Feuchtigkeitscrèmene, Epiliermethoden und Mode.
  12. Menschen als Individuen anschauen und nicht als Frauen oder Männer. Kochen, Texte schreiben, Tennis oder Geige spielen kann man nicht deswegen, weil man bestimmte Chromosomen hat – sondern weil man es geübt hat und weil man die dazu nötigen Fähigkeiten hat.

Damit höre ich mal auf. Kommentare freuen mich, wie immer.

Warum ein Staat stark sein soll – ein Beispiel aus der Männerrechtsdebatte

Auf dem qualitativ hoch stehenden Blog zur Direkten Demokratie konnte man letzte Woche einen Beitrag von Ronnie Grob lesen, in dem er Folgendes postuliert (oder fragt):

Ist ein starker Staat wirklich ein Staat, der es nötig hat, hohe Steuern zu verlangen?
Ist nicht vielmehr ein Staat, der sich effizient organisiert und darum nur wenig Ressourcen von seinen Bürgern einfordert, stark?

Viele Ressourcen führten bei einem Staat sofort zu Ineffizienz, so Grob, »zur persönlichen Bereicherung, zur Vetternwirtschaft, zur Verfälschung von Statistiken und Bilanzen«.

In meinem Kommentar dazu habe ich schon angemerkt, dass der Staat gewisse Probleme besser – d.h. fairer und effizienter – lösen kann als private Anbieter von Lösungen. Ein Beispiel dazu liefert diese Woche Antje Schrupp in ihrem Blog »Aus Liebe zur Freiheit«.

Schrupp fordert, die Kinderversorgung oder den Unterhalt von Kindern von der biologischen Erzeugung von Kindern zu trennen. Konkret: Alle Steuerpflichtigen sollen über progressive Steuern einen Beitrag zum Unterhalt von Kindern leisten, der dann denjenigen ausbezahlt wird, die die Kinder betreuen und versorgen.

Schrupp bezieht sich auf die Klage von Vätern, jahrelang für den Unterhalt von Kindern aufkommen zu müssen, zu denen sie nur eingeschränkt Kontakt haben (können oder wollen) – aber auch auf die Problematik, dass Kinder heute oft in Haushalten aufgezogen werden, in denen nicht alle an der Erziehung Beteiligten (z.B. Stiefeltern) an der Zeugung des Kindes beteiligt waren.

Die Frage, die sich stellt, ist natürlich: Warum soll das Versorgen von Kindern zu einer staatlichen Aufgabe gemacht werden? Die Antwort wäre ganz einfach: Es besteht ein öffentliches Interesse daran, wie z.B. auch an der Finanzierung von staatlichen Schulen. Kinder, welche mangelhaft versorgt werden (Ernährung, Betreuung etc.), werden mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Belastung für die Allgemeinheit.

Zudem ist die Entscheidung, selbst keine Kinder aufziehen zu wollen – und deshalb auch nicht für das Aufziehen von Kindern bezahlen zu wollen – nur dann konsequent umsetzbar, wenn die so Entscheidenden auf sämtliche Vorteile verzichten könnten, welche Nachwuchs ihnen verschafft.

Bildquelle: Brandon Cripps, Flickr. CC BY-NC-SA.

Mehr oder weniger Wettbewerb? – Das Beispiel Kinderkrippen

Philippe Welti ist PR-Berater und Journalist – und »später Vater«. Im Frühjahr frohlockte er noch auf Facebook (»100 andere überholt: Wir sind jetzt auf Platz 1 und haben einen Krippenplatz für den Junior. So schnell geht das manchmal.«) und musste dann einen Alptraum erleben: Die Kinderkrippe »Hardturm«, die sein Sohn kurzzeitig besuchte, wurde von einer Betrügerin geführt und ist mittlerweile geschlossen.

Welti hat diese Erfahrungen in einem Weltwoche-Essay verarbeitet (hier gibts das pdf). Der Titel im Blog ist bezeichnend:

Kinderkrippen: Wettbewerb statt Reglementierung

Welti kritisiert »Intransparenz und Kantönligeist« – beides verhindere einen Wettbewerb zwischen den KiTas. Zudem fordert er ein Krippenrating, aus dem sich die Qualität einer Kinderkrippe ablesen lasse, denn: »Eine schöne Webseite macht noch keine bewilligte Kinderkrippe.«

Dass der Mann PR-Berater bei Stoehlker ist, wirkt in diesem Zusammenhang leicht amüsant: Die grundsätzliche Verwirrung in Bezug auf die Rolle des Staates und die Möglichkeiten von Wettbewerb allerdings weniger. Dazu einige Bemerkungen:

  1. Welti wohnt in der Stadt Zürich. Das Angebot der Stadt und die damit verbundene Qualitätssicherung in subventionsberechtigten Krippen (unabhängig davon, ob man als Eltern subventionsberechtigt ist) ist vorbildlich. Wer eine Krippe wählt, die nicht dazugehört, muss sich zumindest Vorwürfe in Bezug auf die Selektion machen.
  2. In den Kantonen, in denen die größten Missstände bezüglich Krippen herrschen, spielt der freie Markt und der Wettbewerb mit allen Auswirkungen: Die Krippen versuchen, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld zu verdienen. Mit dem Resultat, dass engagierte Eltern im Kanton Aargau meist eine eigene KiTa gründen, wenn sie in einer Gemeinde wohnen, die kein seriöses Angebot unterhält.
  3. Befürworter eines liberalen, von jeglicher Staatsintervention freien Marktes führen Ratingagenturen immer als Möglichkeit an, wie Qualitätsstandards gesichert werden können. Warum gibt es denn in der Schweiz keine Agentur, die ihr Geld damit verdient, ein Krippenrating anzubieten?
  4. Fazit: Es braucht mehr Staat. Genau wie beim Beispiel der Privatschulen stellt man sich in den liberalen Träumen eines schlanken Staates immer hohe Qualität zu einem tiefen Preis vor – und ignoriert ständig die Hinweise, dass ohne den Staat meist tiefe Qualität zu einem hohen Preis angeboten wird. Würden alle Gemeinden wie die Stadt Zürich Krippenplätze subventionieren und die Qualität der KiTas kontrollieren, wäre ein gravierendes Problem der Kinderbetreuung in der Schweiz gelöst.